Wie lange lebt Fidel Castro?

Kubas gespanntes Warten auf das Unvermeidliche

Von Matthias Rüb, Havanna

Castro hat gut 20 Kilo abgenommen und ist weiterhin sehr schwach

Castro hat gut 20 Kilo abgenommen und ist weiterhin sehr schwach

22. November 2006 Die knapp 11,4 Millionen Kubaner leben seit Ende Juli in einem ungewissen Wartezustand. Nach 47 Jahren ist die Herrschaft Fidel Castros zu einem unwiderruflichen Ende gekommen, denn kaum jemand glaubt den Beteuerungen der Führung, Fidel werde am 2. Dezember an den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Ankunft der Motoryacht „Granma“ am Fuße der Sierra Maestra teilnehmen.

Damals waren Fidel und 81 Getreue, unter ihnen Ernesto Che Guevara und Raúl Castro, nach einer fast 2000 Kilometer langen Überfahrt von der mexikanischen Hafenstadt Tuxpan auf der völlig überladenen „Granma“ an der Küste Kubas auf Grund gelaufen. Im äußersten Südwesten der Insel begannen sie ihren revolutionären Kampf, der am Neujahrstag 1959 schließlich zum Sturz des Diktators Fulgencio Battista und zum triumphalen Einzug der Revolutionäre in Havanna führte. Am 2. Dezember, so will es die kommunistische Führung, soll zudem die große Feier zum 80. Geburtstag von Fidel Castro nachgeholt werden, die am 13. August wegen seiner Erkrankung hatte ausfallen müssen.

20 Kilo abgenommen

Doch die Bilder, die in den gut hundert Tagen seit dem angeblich nur vorübergehenden Abtritt Castros in den Zeitungen und im Fernsehen des Landes zu sehen waren, haben die meisten Kubaner in ihrer Überzeugung bestärkt, daß der „Maximo Lider“ eben doch nicht zurückkehren wird. Castro hat seit der Operation von Ende Juli, über deren Ursache sich die kommunistische Führung wie über ein Staatsgeheimnis ausschweigt, mehr als 20 Kilogramm abgenommen und ist weiterhin sehr schwach. Das sieht man ihm an, trotz der rührenden Versuche, bei den tastenden Schritten im weiß-roten Trainingsanzug auf dem Krankenhausflur durch ostentative Armbewegungen kräftig zu wirken.

Amerikanische und brasilianische Medien berichten unter Berufung auf westliche Geheimdienste und den inneren kubanischen Machtzirkel, Fidel Castro leide an Magen-, Darm- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium. Er müsse sich seit seiner Operation offenbar auch einer Chemotherapie unterziehen und habe eine Lebenserwartung, die sich eher in Wochen oder Monaten als in Jahren bemesse.

Vermutungen hinter vorgehaltener Hand

An die Stelle hartnäckiger Dementis einer Krebserkrankung Castros in den offiziellen Medien sind in den vergangenen Wochen Berichte getreten, wonach Fidel womöglich doch nicht persönlich an den 50-Jahr-Feiern der „Granma“-Landung werde teilnehmen und auch die Regierungsgeschäfte nicht werde vollständig wieder übernehmen können. Hinter vorgehaltener Hand äußert mancher in Havanna die Vermutung, Fidel könnte das Jahresende nicht mehr erleben.

Aber solche Spekulationen spielen im Alltagsleben der Kubaner schon gar keine Rolle mehr. Denn Fidels Bruder Raúl hat es in den dreieinhalb Monaten vermocht, die Lage unter Kontrolle zu halten. Es gab keine Demonstrationen und schon gar keine Unruhen, es gibt nicht einmal mehr spürbare Unruhe im Land. Westliche Diplomaten in Havanna sprechen von einer Art Burgfrieden zwischen dem Regime und den wenigen Dissidenten: Beide Seite wollten offenbar stillhalten, so lange Fidel noch lebe.

Die Kubaner gehen derweil ihrem mühseligen Alltag und ihren kleinen Nebengeschäften nach, warten in Havanna wie üblich auf die überfüllten Busse oder stehen vor den Schuh- und Kleidergeschäften in der Fußgängerzone der Calle Obispo geduldig an, bis die Verkäufer wieder einen Schwung Kunden in die Geschäftsräume einlassen. Alle Welt versucht, etwas „por la izquierda“ zu ergattern, also „auf der linken Seite“, wie die allgegenwärtige Kleinkorruption in Kuba genannt wird.

Mehreinnahmen in die eigene Tasche

Dazu muß jeder an seiner staatlichen Arbeitsstelle so viel wie möglich stehlen oder - wie in der Artikelserie von „Juventud Rebelde“ plastisch geschildert - die Kunden betrügen, zum Beispiel beim Glas Bier ein paar Zentiliter und beim Sandwich eine Scheibe Wurst sparen, um zusätzliche halbe Portionen zum vollen Preis verkaufen und die Mehreinnahmen in die eigene Tasche stecken zu können.

Wilma, eine promovierte Kriminologin aus Havanna, spricht offen und ohne Scham vom allgegenwärtigen Schwindelgeschäft, das für fast alle Kubaner die überlebensnotwendige Haupteinnahmequelle ist. „Wenn der Mann von der Stromgesellschaft kommt, um den Zähler abzulesen, bekommt er von den Hausbewohnern Geld, damit er die dicken Drähte zur Überbrückung des Zählers übersieht“, sagt Wilma: „So verdient er etwas dazu, und wir alle zahlen weniger für den Strom.“

Die Einwohner ihres Wohnblocks sammeln gemeinsam Geld, erzählt sie, um die Lehrer überhaupt erst zur Arbeit „zu motivieren“, weil deren Gehälter lächerlich niedrig sind. Die Leistungen des staatlichen Gesundheitswesens sind zwar formal kostenlos, aber jeder Patient kennt die Tarife, die einem Arzt und einer Krankenschwester für Behandlung und Pflege an „Trinkgeld“ zustehen. Wer mehr bezahlen kann als andere, kommt auch früher an die Reihe.

Doppeltes Wirtschaftssystem

Zudem braucht jeder zum Überleben „konvertible Pesos“, und deshalb ist Wilma Angestellte eines staatlichen Reisebüros statt an der Universität zu lehren. Denn ohne das Trinkgeld der Touristen bei Stadtrundfahrten, Ausflügen oder einfach nur bei der Busfahrt vom Stadthotel zum Flughafen käme sie nicht über die Runden. Die Parallelwährung „konvertibler Peso“ wurde 1995 eingeführt, nachdem 1993 die Landeswährung Peso faktisch zusammengebrochen war. Seither gibt es ein doppeltes Wirtschaftssystem: Alles, was über den Minimalbedarf an Lebensmitteln und Kleidung hinausgeht und zumeist über Zuteilungshefte rationiert ist, muß mit dem konvertiblen Peso bezahlt werden, und der wird derzeit zu einem Wechselkurs von 1 zu 26 zum kubanischen Peso gehandelt.

Nur ein kleiner Teil der Gehälter - der Durchschnittslohn liegt bei umgerechnet etwa zehn Euro im Monat - wird in konvertiblen Pesos ausgezahlt. Ein Umtausch von kubanischen Pesos in konvertible Pesos ist nicht möglich. Um an das „harte“ Geld heranzukommen, braucht man Euro oder amerikanische Dollar, an dessen Wert der konvertible Peso gekoppelt ist. Der Besitz von Dollar ist zwar nach wie vor erlaubt, nur ist der Dollar seit November 2004 nicht mehr als Zahlungsmittel zugelassen. Beim Umtausch von einem Dollar in einen konvertiblen Peso behält der kubanische Staat eine Art Provision von zehn Prozent ein.

Man muß kein Mathematiker sein, um zu verstehen, daß in Kuba niemand nur mit seinem offiziellen Einkommen überleben kann. Vieles spricht dafür, daß die Parteiführung von der grassierenden Korruption und von der Massenveruntreuung von Staatseigentum weiß. Raúl Castro selbst hat mehrfach die Korruption beklagt und versprochen, man werde nach möglichen „Systemfehlern“ suchen, die zu solchem Fehlverhalten führten. Sein älterer Bruder Fidel hatte es in seinen stundenlangen Reden meist vorgezogen, Mißstände in der kubanischen Gesellschaft ausschließlich als Folge des amerikanischen Wirtschaftsembargos anzuprangern.

Die Gesellschaft im eisernen Griff

Die Verbreitung und Stärkung des kollektiven Schuldbewußtseins dürfte zum Kalkül des Machterhalts gehören: Wenn alle Kleinverbrecher sind und um ihren existentiellen Delinquentenstatus wissen, verhalten sich alle möglichst unauffällig und ruhig, gerade in einer Phase des Übergangs.

Wenn also das Unvermeidliche eintreten und Fidel endgültig von der Erdenbühne abtreten wird, werden die meisten Kubaner wohl Trauer und zudem Sorge vor einer ungewissen Zukunft empfinden. Raul, das Militär und die Partei aber werden ihren eisernen Griff über die kubanische Gesellschaft keinen Augenblick lösen. Sie dürften versuchen, ein Gesellschaftsmodell zwischen Ein-Parteien-Kapitalismus nach chinesischem Muster und demokratischem Raub-Oligarchismus nach russischem Vorbild durchzusetzen. Doch sie müssen rasch die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessern, denn die Geduld der Kubaner mit ihren eigentlich unmöglichen Lebensumständen scheint begrenzt.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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