Irak

Wer ist für die Verhörmethoden verantwortlich?

Von Matthias Rüb, Washington

Vorgetäuschte Hinrichtung: Ein Häftling im Gefängnis von Abu Ghraib

Vorgetäuschte Hinrichtung: Ein Häftling im Gefängnis von Abu Ghraib

03. Mai 2004 Nachdem sich Präsident Bush und andere amerikanische Politiker entrüstet über Fotos von mißhandelten irakischen Häftlingen im Gefängnis Abu Ghraib westlich von Bagdad geäußert hatten, ist in Washington die politisch brisantere Frage in den Vordergrund gerückt, wer für die besonderen "Verhörmethoden" die Verantwortung trägt.

Haben die vier Soldaten und drei Soldatinnen der 372. Kompanie der Militärpolizei, gegen welche das Pentagon schon Ende März Ermittlungen eingeleitet hat, aus eigenem Antrieb und als kleine verschworene "Quälgemeinschaft" gehandelt? Oder gehören die Methoden der Demütigung und der Folter, die auf den erst jetzt veröffentlichten, aber schon im vergangenen November und Dezember entstandenen Fotos dokumentiert sind, zu den üblichen Praktiken, um an wichtige Informationen zu gelangen?

Welche Rolle spielte der Geheimdienst?

Am Wochenende hat sich die seinerzeit für das schon unter Saddam Hussein als "Folterfabrik" gefürchtete Gefängnis verantwortliche Brigadegeneralin der Heeresreserve, Janis Karpinski, in mehreren Medieninterviews in die Debatte eingeschaltet. Sie habe von den Mißhandlungen der Gefangenen in dem Gefängnis keine Ahnung gehabt, weil der betreffende Gefängnisblock faktisch ihrer Kontrolle entzogen gewesen sei. Vielmehr habe der militärische Geheimdienst dort die Fäden in der Hand gehalten und nach ihrer Überzeugung eine Atmosphäre geschaffen, wonach die Beschaffung von wichtigen Informationen das oberste Ziel gewesen sei.

Etwa einen Monat bevor es zu den jetzt bekanntgewordenen Mißhandlungen kam, sei ein Team von Ermittlern des militärischen Geheimdienstes vom Gefangenenlager Guantánamo Bay aus Kuba nach Abu Ghraib gekommen. „Ihre wichtigste und spezifische Aufgabe war es, den Vernehmern neue Techniken zu vermitteln, um mehr Informationen von den Gefangenen zu erhalten", sagte die im Januar ihres Postens enthobene und inzwischen aus dem aktiven Dienst ausgeschiedene Brigadegeneralin der Tageszeitung "Washington Post".

"Verhörmethoden" von Guantánamo

Nach dieser Darstellung wurden die "Verhörmethoden" von Guantánamo, wo mehr als 600 "feindliche Kämpfer" aus 42 Ländern teilweise seit zweieinhalb Jahren festgehalten werden, gleichsam nach Abu Ghraib exportiert. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch fordern seit langem Zugang zu den Gefangenen in Guantánamo und im Gefängnis Abu Ghraib, doch außer Vertretern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz hat kein Außenstehender bisher Gelegenheit gehabt, mit den Internierten auf Kuba und westlich von Bagdad zu sprechen.

Die Version, daß nicht die einfachen Militärpolizisten auf die besonderen "Verhörmethoden" verfallen sind, sondern daß sie von Offizieren des militärischen Geheimdienstes dazu ermuntert oder gar aufgefordert wurden, legt auch ein ausführlicher Bericht des gewöhnlich sehr gut informierten Reporters Seymour Hersh in der kommenden Ausgabe des "New Yorker" nahe. Hersh berichtet aus einem internen Untersuchungsbericht des für die Aufsicht über die Militärgefängnisse im Irak zuständigen amerikanischen Heeres, in dem zahlreiche Mißhandlungen beklagt werden - auch solche, wie sie auf den nun veröffentlichten Fotos zu sehen sind.

"Sie brechen nach einigen Stunden zusammen"

Einer der jetzt vom Pentagon angeklagten Soldaten, Ivan L. Frederick II, schrieb in einer jetzt von seinem Onkel veröffentlichten E-Mail vom 18. Dezember über die Gefangenen: "Sie brechen gewöhnlich nach einigen Stunden zusammen." Nachdem er, Frederick, einige der Methoden in Frage gestellt habe, sei ihm beschieden worden: "Der militärische Geheimdienst will, daß es so gemacht wird." Immerhin ermittelt das Pentagon seit Ende März in der Sache und hat jetzt Generalmajor George Fay, den früheren stellvertretenden Kommandeur des Heereskommandos für Sicherheit und Informationsbeschaffung, nach Abu Ghraib zur Untersuchung der Vorfälle und der ins Zwielicht geratenen Verhörpraktiken kommandiert.

Zudem wurde ein weiterer Zwei-Sterne-General, Generalmajor Geoffrey Miller, zum Nachfolger von Brigadegeneralin Karpinski ernannt, die ohne besondere Erfahrung auf ihren Posten als Befehlshaberin über drei große Militärgefängnisse im Irak sowie über acht Bataillone und 3400 Heeresreservisten gekommen war. Der neue Befehlshaber über die Militärgefängnisse im Irak, Generalmajor Miller, war bis zu seiner Versetzung in den Irak Kommandeur des Gefangenenlagers Guantánamo.

Stockhieben und sexuelle Demütigungen

Aus dem von Hersh zitierten internen Untersuchungsbericht des Pentagon geht hervor, daß die Mißhandlungen von Gefangenen, die als besonders gefährlich galten und von denen man sich wertvolle Informationen über die Aufständischen im Irak erhoffte, in dem betreffenden Zellenblock von Abu Ghraib ein offenes Geheimnis waren. Immer wieder ist von Stockhieben und zumal von sexuellen Demütigungen die Rede, die jeder Beschreibung spotten. Die Gefangenen wurden gezwungen zu masturbieren, Kopulationen oder andere sexuelle Praktiken zu simulieren. Ein Zeuge berichtet, er habe seinen Vorgesetzten über die Mißhandlungen berichtet in der Erwartung, diese würden Sorge tragen, daß solche Praktiken künftig unterblieben und die Peiniger der Gefangenen bestraft würden, doch es habe sich nichts geändert.

Nach der Veröffentlichung der Fotografien hat in Amerika der öffentliche Druck zugenommen, die Vorfälle auch von einer unabhängigen Kommission - etwa des Kongresses - untersuchen zu lassen. In einigen Zeitungskommentaren vom Wochenende etwa hieß es, das Militär könne wegen der Schwere der Vorwürfe die Vorgänge nicht alleine aufklären.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.05.2004, Nr. 102 / Seite 6
Bildmaterial: AP

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