Gekaperte Luxusyacht

Ein einträgliches Geschäft

Von Thomas Scheen

Geiselnahme friedlich beendet: Die Besatzung des Luxusseglers “Le Ponant“ ist wieder frei

Geiselnahme friedlich beendet: Die Besatzung des Luxusseglers "Le Ponant" ist wieder frei

11. April 2008 Die dreißig Besatzungsmitglieder des vor einer Woche im Golf von Aden entführten französischen Kreuzfahrtschiffes „Le Ponant“ sind wieder frei. Das erklärte der französische Präsident Nicolas Sarkozy am Freitag in Paris. Die Geiseln seien wohlauf und in Sicherheit gebracht worden.

Das Ende der Geiselnahme sei durch Verhandlungen und nicht durch eine Militäraktion erreicht worden, hieß es in Paris. Unklar ist, ob ein Lösegeld bezahlt wurde und wenn ja, in welcher Höhe. Sarkozy drückte am Freitag lediglich seine „tiefe Dankbarkeit“ gegenüber der französischen Armee und „allen beteiligten Behörden“ aus.

Lösegelder in Millionenhöhe

Ein französisches Kriegsschiff hatte den Dreimastsegler nach der Geiselnahme am vergangenen Freitag beobachtet und war ihm in die somalischen Hoheitsgewässer gefolgt. Zudem hatte die französische Regierung eine auf Geiselbefreiungen spezialisierte Sondereinheit der Gendarmerie in die Region entsandt. Die Geiseln - 22 Franzosen, sechs Philippiner, eine Ukrainerin und ein Kameruner - sollen so schnell wie möglich nach Frankreich gebracht werden.

Die Geschwindigkeit, mit der die Geiselnahme beendet wurde, überrascht - vor allem, wenn man das übliche Vorgehen somalischer Kidnapper kennt. In der Regel lassen sich die Piraten Wochen Zeit mit den Verhandlungen um Lösegeld. In einigen Fällen wurden Schiffe und ihre Besatzungen sogar über Monate festgehalten.

Der Preis für die Freilassung von Schiff und Besatzung variiert dabei von Schiff zu Schiff. Ein afrikanisches Schiff, etwa aus Kenia, kann für Summen zwischen 120.000 und 150.000 Dollar freigekauft werden. Das Lösegeld für asiatische Schiffe wie den im vergangenen Jahr entführten nordkoreanischen Frachter „Sea Prince“ oder den taiwanesischen Trawler „Ching Fong Hwa 168“ liegt bei 500.000 Dollar, während für europäische Schiffe wie die ebenfalls im vergangenen Jahr gekaperte dänische „Danica White“ Millionenbeträge verlangt werden.

Hervorragend vernetzte Organisationen

Das Piratengewerbe vor der somalischen Küste ist ein einträgliches Geschäft. Das macht auch die Ausrüstung der Räuber deutlich, die Satellitentelefone, Schnellboote und schwere Waffen umfasst. Und entgegen des archaischen Bildes von wilden Mörderbanden zur See handelt es sich bei den somalischen Piraten um hervorragend vernetzte Organisationen.

Im Fall der „Le Ponant“ scheint es sogar zu einer Kooperation von zwei der insgesamt vier bekannten großen Piratengruppen vor der Küste Puntlands gekommen sein. Der Segler war weit im Norden - im Golf von Aden - entführt worden, bevor er schließlich im Süden der autonomen Region Puntland, in Garaad, vor Anker ging.

Garaad wird von einer Piratenorganisation kontrolliert, die sich selbst „Somali Marines“ nennt und als die schlagkräftigste der vier Gruppen gilt. Die „Somali Marines“ operieren mit ihren sogenannten Mutterschiffen bis zu mehrere hundert Meilen von der Küste entfernt, allerdings nicht im Norden, weil dieses Gebiet von einer anderen Gruppe beansprucht wird.

Die Armee greift nicht ein

Angesichts der Präsenz eines französischen Kriegsschiffes und damit der Gefahr, selbst angegriffen zu werden, scheinen die Entführer aus dem Golf von Aden sich in den Schutz der „Somali Marines“ geflüchtet zu haben, die nicht nur über die besten Kommunikationskanäle verfügen, sondern auch über die Erfahrung, selbst Verhandlungen mit den Besatzungen von Kriegsschiffen erfolgreich führen zu können.

Diese Befähigung ist dem Clansystem des Landes geschuldet - ein System, in dem jeder jeden kennt und jeder mit jedem auf die eine oder andere Art Geschäfte macht. Piraterie ist dabei nur eines von vielen Betätigungsfeldern. So üben die Behörden der autonomen Republik Puntland zwar immer wieder Kritik an den Lösegeldzahlungen für gekaperte Schiffe, weil die Piraterie dadurch gefördert werde. Selbst gegen die Piraten vorgehen wollen sie aber nicht, weil diese angeblich zu gut bewaffnet seien.

Dabei verfügt die puntländische Armee über Panzer, schwere Artillerie und Hubschrauber, mit denen sie seit Jahren einen Abnutzungskrieg gegen die selbsternannte Republik Somaliland führt. Der wahre Grund für das Dulden der Piraterie ist vielmehr, dass alle gut daran verdienen.

Das Geld geht durch viele Hände

Welches Ausmaß dieses Gewerbe mittlerweile erreicht hat, zeigen auch die komplizierten Geldübergaben. Das Lösegeld wird nicht den Piraten direkt ausgehändigt, sondern somalischen Geschäftsmännern, die als Boten fungieren und für ihre Dienste einen gewissen Prozentsatz einbehalten. In manchen Fällen wird das Lösegeld in Somalia bezahlt, in anderen in Kenia oder Djibouti, häufig auch in Dubai. Das Geld geht durch Dutzende Hände, bevor es über Geldtransferinstitute oder in bar nach Somalia gebracht wird. Da die Geschäftsmänner oft zum gleichen Clan wie die Piraten gehören, ist für das notwendige Vertrauen gesorgt.

Die Piraterie vor der somalischen Küste galt vor nicht allzu langer Zeit als ausgerottet. Nach der Machtergreifung der Union der Scharia-Richter 2006 in Mogadischu hatten sich die Islamisten bei ihrem Bemühen, die Anarchie in Somalia zu beenden, schnell den Piraten zugewandt. Ihre Strategie waren eben so simpel wie erfolgreich: Sie hatten Emissäre mit schwer bewaffneten Eskorten in die Piratenhochburgen geschickt und den Herrschaften erklärt, dass sie riskierten, buchstäblich ihren Kopf zu verlieren, sollten sie weiter Schiffe überfallen. Da die Islamisten in dem Ruf standen, bei solchen Androhungen immer Wort zu halten, verschwand das Phänomen nahezu über Nacht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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