Belgien

Vlaams Belang und der Doppelmord von Antwerpen

Von Andrea Schneider, Brüssel

Am Tatort wird getrauert

Am Tatort wird getrauert

15. Mai 2006 Motiv und Hintergründe des Doppelmords von Antwerpen sind noch nicht ganz geklärt, doch alles deutet in eine Richtung: Er habe gezielt auf Ausländer geschossen, gab der 18 Jahre alte flämische Schüler, der am Donnerstag gegen Mittag im Stadtzentrum eine junge Frau aus Mali und ein von ihr betreutes zweijähriges belgisches Mädchen getötet und eine Frau aus der Türkei mit einem Bauchschuß schwer verletzt hat, bei seiner ersten Vernehmung im Krankenhaus zu Protokoll.

Die Polizei hatte ihn mit einem Bauchschuß gestoppt, bevor er sich weitere Opfer suchen konnte. Zur Begründung sagt er nach Justizangaben, ausländische Jugendliche hätten ihn vor Jahren belästigt.

Mord für einen MP3-Player

Trauermarsch der Angehörigen am Freitag

Trauermarsch der Angehörigen am Freitag

Die Tat läßt in Belgien die Debatte über Fremdenfeindlichkeit wieder hochkochen, denn sie ist nur die jüngste einer ganzen Reihe von Gewalttaten, die das Zusammenleben von Einheimischen und Einwanderern berühren. Im April schockierte der Mord an einem jungen Belgier im Brüsseler Zentralbahnhof das Land. Auf einem Überwachungsvideo waren die beiden mutmaßlichen Täter als junge Männer mit dunklem Teint zu erkennen - und nicht nur für viele Medien stand sofort fest: Die Mörder, die für einen MP3-Player töteten, waren Nordafrikaner.

Die Polizei zögerte aus Sorge vor einer Hatz auf die Marokkaner in der Stadt zunächst sogar, die Bilder zu veröffentlichen. Die Nachricht, daß es sich bei den mutmaßlichen Tätern nicht um Nordafrikaner, sondern um Polen handelt, sorgte im Land bei vielen für so etwas wie Erleichterung.

Aggressive Stimmungsmache

Die Bevölkerung reagiert sensibel auf jede Erschütterung im Zusammenleben mit den Einwanderern. Zum Profiteur der Spannungen macht sich in Flandern mit Erfolg der fremdenfeindliche Vlaams Belang (VB). Die Nachfolgepartei des als rassistisch verurteilten Vlaams Blok betreibt aggressive Stimmungsmache gegen vor allem nordafrikanische Immigranten, etwa mit dem Szenarium eines drohenden „Antwerpistan“.

Antwerpen, die zweitgrößte Stadt Belgiens, ist die Hochburg des Vlaams Belang. Die Hafenstadt mit ihren rund 470.000 Einwohnern, die sich kaufmännisch-aufgeräumt und avantgardistisch präsentiert, zeigt bei genauerem Hinsehen ein Bild tiefen Mißtrauens zwischen einheimischen und zugewanderten Bewohnern und krasser sozialer Unterschiede. Schon wenige Stunden nach den Morden meldet sich die auch in Antwerpen ansässige „Arabisch-Europäische Liga“ (AEL) des Dyad Abu Jahjah auf ihrer Website zu Wort, die von vielen als radikal gefürchtet wird, bei jungen Muslimen aber sehr populär ist. Die AEL spricht von einem „rassistischen Massaker“ und wirft den Flamen vor, sie wollten „mehr Unterdrückung von Immigranten und vor allem von Muslimen und Arabern“.

Viele alteingesessene Flamen, vor allem in den sozial schwächeren Vierteln Antwerpens, verhehlen ihre Abneigung gegen die Zuwanderer so wenig wie ihre Sympathien für den Vlaams Belang. Für den VB zu sein ist nichts, wofür man sich in Antwerpen schämt - immerhin hat hier bei den Regionalwahlen im Sommer 2004 jeder dritte für den Blok gestimmt.

Vlaams Belang in der Defensive

Hier kamen eine junge Frau aus Mali und ein zwei Jahre altes Mädchen ums Leben

Hier kamen eine junge Frau aus Mali und ein zwei Jahre altes Mädchen ums Leben

Wären die Mörder im Brüsseler Zentralbahnhof Nordafrikaner gewesen, hätte dies, so steht zu befürchten, den Rechtsextremen nur wenige Monate vor den Kommunalwahlen Anfang Oktober möglicherweise Auftrieb gegeben. Doch nach dem Doppelmord in Antwerpen gerät der Vlaams Belang selbst in die Defensive. Bereits in den Tagen zuvor hatten rassistisch motivierte Gewalttaten Schlagzeilen gemacht: So wurde im flämischen Brügge ein dunkelhäutiger Franzose von Skinheads so brutal mißhandelt, daß er im Koma liegt. Als nun bekannt wurde, daß der mutmaßliche Doppelmörder von Antwerpen der Neffe einer Parlamentsabgeordneten des Vlaams Belang ist, wird die Diskussion schärfer: Ruft der Vlaams Belang mit seiner Propaganda zu Gewalt gegen Ausländer auf? Trägt die Partei eine wie auch immer geartete Mitverantwortung für die Tat?

Der belgische Ministerpräsident Guy Verhofstadt geißelte das Verbrechen als feigen Mord und sagte, es sei nun für jedermann offensichtlich, wohin Rechtsextremismus führen könne. Andere, darunter ein Verhofstadt-Berater, legten dem Vlaams Belang eine moralische Mitverantwortung für die Tat zur Last.

„Damit haben wir nichts zu tun“

Spurensicherung im Umfeld des Tatorts

Spurensicherung im Umfeld des Tatorts

Der Vlaams Belang aber wirft seinen Gegnern vor, aus dem Verbrechen von Antwerpen politisches Kapital schlagen zu wollen. Vorwürfe, sie rufe zu Gewalt gegen Fremde auf, weist die Partei von sich. „Mit dieser Gewalttat haben wir nichts zu tun“, sagte der VB-Vorsitzende Frank Vanhecke. Sie sei das Werk eines Geistesgestörten.

Der Vlaams Belang wird in Antwerpen wie sein Vorgänger Vlaams Blok durch alle etablierten Parteien isoliert und in der Dauer-Opposition gehalten. Anfang des Jahres wurden zwar - vor dem Hintergrund der nahenden Kommunalwahlen - hier und da Überlegungen laut, diese Isolation zu durchbrechen. Diese Stimmen dürften nun, wenigstens vorerst, verstummen.

Die Polizei sucht nach Patronenhülsen

Die Polizei sucht nach Patronenhülsen

In Antwerpen hat Bürgermeister Patrick Janssens erklärt, jetzt sei nicht die Zeit für politische Analysen, jetzt sei eine Zeit der Trauer. Für den 26. Mai hat er zu einem Schweigemarsch für die Opfer aufgerufen.

Text: F.A.Z., 15.05.2006, Nr. 112 / Seite 7
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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