07. Februar 2008 Die heftige Debatte um die Aufhebung des Kopftuchverbots hatte den Tod von neun Türken in Ludwigshafen nur kurze Zeit aus den Schlagzeilen genommen. Mit der Reise von Ministerpräsident Erdogan nach Deutschland, die seit langem geplant ist, kehrt der Brand aber in den Mittelpunkt des Interesses in der Türkei zurück.
Vor seinem Abflug lobte Erdogan in Ankara die Zusammenarbeit der deutschen und türkischen Behörden. Bei der Kooperation gebe es keine Probleme. Die Türkei hatte am Dienstag vier eigene Ermittler nach Deutschland geschickt. Die Türkei trage Verantwortung für die Türken, die im Ausland lebten, und verfolge die Entwicklungen daher sehr genau, sagte Erdogan. Er lehne Fremdenfeindlichkeit ab, ob in Deutschland oder in der Türkei.
Emotionaler Boulevardstil
Einige türkische Zeitungen vergriffen sich auch am Donnerstag wieder im Ton. Das tun sie indessen nicht nur bei Themen, die Deutschland betreffen, sondern nahezu jeden Tag, um mit ihrem emotionalen Boulevardstil Käufer am Kiosk zu finden. Im Vergleich zur Hysterie nach den Morden von Mölln und Solingen vor 15 und 16 Jahren, aber auch im Vergleich zu anderen tagesaktuellen Themen trafen die meisten Medien indessen einen besonnen Ton.
Das Massenblatt Hürriyet“, das meist die Tonart vorgibt, machte mit einem großen Bild der Ausländerbeauftragten Böhmer und von Staatsminister Yazicioglu auf und titelte dazu: Menschlichkeit Hand in Hand.“ Der Chefkolumnist von Hürriyet, Oktay Eksi, dem gewiss keine deutschlandfreundliche Neigung nachgesagt werden kann, fragte darunter bissig, wann sich endlich Bundeskanzlerin Merkel zu dem Thema äußere.
Das in Runen geschmierte Wort HaSS
In keiner Zeitung fehlt das Bild von Böhmer und Yazicioglu, in keiner ebenfalls das in Runen geschmierte Wort HaSS“. Viele Zeitungen lassen neben den bösen Deutschen“, die ihren Hass an die Wand schmierten, auch die guten Deutschen“ zu Wort kommen. Die nationalkonservative Zeitung Aksam“ zeigte etwa Bilder von Deutschen vor Kerzen, Blumen und der Tafel, die in roter Farbe fragt: Warum?“ Allerdings titelt sie auch auf der Titelseite gehässig: Neun Türken sind keinen Marco wert.“
Die deutsche Politik habe sich von höchster Stelle für die Freilassung des Vergewaltigers“ Marco eingesetzt, und nun reagiere sie auf die Entsendung von vier türkischen Ermittlern, die einen Mord aufzuklären haben, beleidigt. In der Türkei wird allgemein die Entsendung der Ermittler begrüßt, da bei ihrer Beteiligung die türkische Öffentlichkeit ein Ermittlungsergebnis besser akzeptieren würde, sollte als Brandursache ein technischer Defekt festgestellt werden.
Ein weiterer Schwerpunkt der Berichtererstattung ist die Aussage des 12 Jahre alten Ibrahim Ö., der gesagt haben soll, er habe drei Tage vor dem Brand einen Drohanruf erhalten. Der anonyme Anrufer habe dabei gedroht: Jetzt seid ihr an der Reihe, wir werden euer Haus anzünden.“ Im Ton vergriffen hat sich die regierungsnahe Zeitung Yeni Safak“, die titelte: Sie schrieben Hass, und sie legten das Feuer.“ In den Aufmacher rückte sie ein Hakenkreuz ein, daneben stellten sie ein Bild des brennenden Wohnhauses in Kiel.
Brandspur von Mölln und Solingen bis Ludwigshafen?
Als einer der wenigen Kolumnisten leuchtet in der Zeitung Radikal“ der frühere türkische Botschafter in Berlin, Onur Öymen, den politischen Hintergrund aus. Er fragt, ob rassistische Terroristen“ das Feuer gelegt haben könnten, und schließt nicht aus, dass die Brandspur von Mölln und Solingen bis Ludwigshafen reiche. Selbst wenn die fremdenfeindlichen Übergriffe zurückgegangen seien, seien sie doch nicht ganz verschwunden.
Indirekt gibt er dafür dem hessischen CDU-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten Koch eine Mitverantwortung, weil er das Thema Ausländer“ zum Mittelpunkt seines Wahlkampfs gemacht habe. Das hätten die Wähler aber nicht honoriert, schreibt Öymen. Er attestiert Deutschland, beim Thema Fremdenfeindlichkeit sehr sensibel zu sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp