Terror in Spanien

Ein unheiliger Krieg zum Beginn der heiligen Woche

Von Leo Wieland

05. April 2004 Ein Polizist hörte den Ruf "Allah ist groß" oder "so etwas ähnliches". Ein anderer hörte das laute Zitieren von Koranversen. Das alles geschah inmitten eines wilden Schußwechsels zwischen islamistischen Terroristen und der spanischen Polizei. Als die Spezialeinheiten dann in der Nacht zum Sonntag in einem Madrider Vorort das Versteck stürmen wollten, kamen ihnen die Belagerten zuvor. Zwei zündeten Sprengstoffgürtel, die sie am Leib trugen. Die Bilanz: vier tote Terroristen, ein toter Polizist, drei Schwerverletzte und mehr als hundert erschrockene und jetzt obdachlose Nachbarn.

In Spanien hat der Terrorismus arabischer Fanatiker nun für eine doppelte europäische Premiere gesorgt: das erste Massaker in den vier Vorortzügen am 11. März und die ersten Suizid-"Märtyrer". Das alles zum Auftakt der Osterreisewelle, in der etwa die Hälfte der spanischen Bevölkerung an den Strand oder aufs Land fährt und die ausländischen Touristen - mit jährlich rund fünfzig Millionen noch mehr als die 42 Millionen Einwohner des Landes - anzureisen beginnen.

In- und Ausländer kamen schon am Freitag vor dem Karfreitag ins Stocken, als ein Sprengstoffanschlag auf den Hochgeschwindigkeitszug von Madrid nach Sevilla gerade noch vereitelt werden konnte. Einem aufmerksamen Bahnangestellten war es zu verdanken, daß die mit zwölf Kilogramm Dynamit gefüllte Plastiktüte zwischen den Gleisen - die gleiche Sorte, wie sie am 11. März und nun auch von den Selbstmördern verwendet wurde - entdeckt und unschädlich gemacht wurde. Der Schrecken der mehreren tausend auf der Strecke gestrandeten, in Madrid auf dem Unglückbahnhof Atocha festsitzenden oder mittelbar an anderen andalusischen Ferienorten betroffenen Passagiere verflog so leicht aber nicht.

Polizei machte Fortschritte

Ausgerechnet zu Beginn der Karwoche mit ihren feierlichen Prozessionen und bald folgenden Fiestas sehen sich die Spanier mit der furchterregenden Offensive eines "Heiligen Krieges" konfrontiert. Sie können nur hoffen, daß ihr amtierender Innenminister Ángel Acebes recht hat, wenn er am Sonntag nachmittag zuversichtlich sagte, daß "der zentrale Kern der Urheber der Attentate vom 11. März jetzt festgenommen oder tot" sei.

Die Polizei hat tatsächlich bei der Aufklärung jenes Verbrechens bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Unter den vier toten Terroristen sind der Tunesier Sarhane Ben Abdelmajid Fakhet, der den Fahndern als "Kopf" und "Koordinator" gilt, sowie der Marokkaner Abdennabi Kounjaa. Beide standen auf der Liste sechs internationaler Haftbefehle, die der Madrider Ermittlungsrichter Juan del Olmo in der vorigen Woche ausgestellt hatte. Die Annahme, daß diese Gruppe irgendwo im Ausland zwischen der Westsahara und Nordeuropa untergetaucht sei, bestätigte sich demnach nicht. Die Gesuchten hielten sich am Freitag in dem Madrider Vorort Leganés sogar so nah der Stelle bei Toledo auf, wo der Schnellzug nach Sevilla gesprengt werden sollte, daß man ihnen auch dafür die Urheberschaft anlastet.

Keine Rede von einer „Terrorpause“

Dafür spricht auch, daß man in der Wohnung, in der sie ums Leben kamen, eine Ladung desselben Dynamits (und zweihundert Zünder) fand, wie es am 11. März und am Samstag bei den Selbstmorden benutzt wurde. Wenige Tage nach den Madrider Anschlägen hatten sie diese in der offenkundigen Absicht gemietet, weitere Attentate zu begehen. In dieser Zelle konnte von einer "Terrorpause" keine Rede sein. Der Tunesier Fakhet und der als "Logistikchef" verdächtige, noch flüchtige Marokkaner Jamal Ahmidan, alias "der Chinese", hatten ihr Mietshaus auf dem Land in Chinchón - ebenfalls noch im Madrider Großstadtgebiet - verlassen, als ihr spanischer "Sprengstofflieferant", ein ehemaliger Bergarbeiter aus Asturien, verhaftet wurde. In Chinchón waren die Rucksackbomben für den 11. März gefertigt worden.

In dem weiten von der spanischen Polizei ausgeworfenen Netz haben sich inzwischen zahlreiche Hauptverdächtige und Helfer verfangen. Insgesamt fünfundzwanzig Personen - 24 Männer und eine Frau - wurden festgenommen. Siebzehn sitzen auf richterliche Anordnung in unbefristeter Untersuchungshaft, darunter das Trio aus dem Madrider Stadtteil Lavapiés, das zuerst gefaßt wurde: die Marokkaner Jamal Zougam, sein Stiefbruder Mohamed Bekkali und Mohamed Chaoui. Hinzu kommen der Chemiker Abderrahim Zbakh aus Marokko sowie mehrere Syrer und zwei Inder. Acht Verdächtige, darunter der eine Weile in Deutschland lebende Ingenieursstudent Fouad el Morabit Anghar, kamen mit Auflagen und Meldepflicht aus Mangel an Beweisen wieder frei.

Wohlerzogen, freundlich, fröhlich

Das Profil der meisten zu radikalen Islamistengruppen aus dem Maghreb und in mehr oder minder losem Kontakt zu Usama Bin Ladins internationaler Terrororganisation Al Qaida gezählten Männer zwischen dreißig und vierzig Jahren ist auffallend "normal". Sie kamen fast ausnahmslos legal schon als junge Leute nach Spanien und lebten hier als Gemüsehändler, Bauarbeiter, Mobiltelefonhändler oder wie der Tunesier Fakhet als Immobilienmakler, ohne Aufsehen zu erregen. Sie wohnten mit Müttern, Geschwistern, Ehefrauen und Kindern und werden von den Nachbar noch immer als "wohlerzogen", "freundlich", "modern gekleidet" und "fröhlich" beschrieben. Einer war Mitglied bei dem Fußballverein Real Madrid. Ein anderer war stolz darauf, einmal ein Autogramm von David Beckham ergattert zu haben, und zeigte es im ganzen Viertel herum. Wenn sie seit Jahren Mitglieder von "Schläferzellen" waren, die nur auf einen Anlaß oder eine Anweisung zu Attentaten warteten, dann hatten sie in ihrem Umfeld eine vollkommene Tarnung.

So wie unmittelbar nach dem 11. März das in einem nicht detonierten Sprengstoffrucksack gefundene Mobiltelefon die Polizei auf die Spur von Zougam brachte, so führten weitere von den Terroristen gekaufte Telefonkarten - sie müssen mit einem Code aktiviert werden und lassen offenkundig Rückschlüsse auf das benutzte und registrierte Handy zu - bis in die Wohnung der umzingelten Selbstmörder und ihrer Anführers Fakhet.

Spanien: „Kriegsschauplatz in Europa“

Nach Darstellung spanischer Terrorabwehrfachleute ist das Land von einem ursprünglichen Flucht- und Treffpunkt islamistischer Fanatiker an der Nahtstelle zu Nordafrika jetzt zum bevorzugten Tatort und "Kriegsschauplatz" in Europa geworden. Al Qaida - die arabische Bezeichnung steht für "die Basis" - habe hier ihre vorgeschobene Basis, die sich auf verschiedene maghrebinische Gruppen mit Sympathisanten, Handlangern, Paßfälschern und Geldgebern aus dem Umkreis radikaler Imame stützen könne.

Auffallend ist für die Experten die dem amerikanischen 11. September nachgeahmte Symbolik: dort vier Flugzeuge, hier vier Züge; dort der 11. Tag des Monats, hier der 11.; in beiden Fällen Massenmorde von gleich rücksichtsloser Brutalität und Willkür. Bis zur Sonntagnacht hatten in Madrid nur noch die "Märtyrer" gefehlt. Sie gab es indes auf der marokkanischen Zwischenstation im Mai vorigen Jahres in Casablanca, als dreizehn Terroristen bei simultanen Anschlägen, darunter auf das "Haus Spaniens", sich und weitere 32 Menschen umbrachten. Sowohl den spanischen als auch den marokkanischen Behörden gelten die Mitglieder der sogenannten Gruppe islamischer Kämpfer Marokkos mit ihren Afghanistan-Veteranen aus den Lagern Bin Ladins als Urheber der Verbrechen auf beiden Seiten der Straße von Gibraltar.

Drohbrief kündigt weitere Anschläge an

Mit den Terrordrohungen gegen Spanien verband sich am Wochenende auch ein neuer politischer Erpressungsversuch. Bei der spanischen Botschaft in Kairo ging nach Madrider Informationen ein Drohbrief der "Brigaden Abu Hafs el Masri (der Ägypter)" ein, in welchem Anschläge gegen "spanische Interessen" im ganzen nördlichen Afrika - von Marokko bis Ägypten - für den Fall angedroht wurden, daß das Land nicht binnen vier Wochen seine Soldaten aus dem Irak abziehe. Wörtlich soll es darin heißen: "Die Autobomben sind schon fertig. Niemand wird sich vor unseren Angriffen retten können." Unterzeichnet habe das Schreiben ein "Emir".

Die Brigaden sind nach dem bei der amerikanischen Invasion in Afghanistan im Jahr 2001 umgekommenen Gefährten Bin Ladins, dem Ägypter Mohamed Atef, alias Abu Hafs, benannt. In einem Schreiben an eine Londoner Zeitung hatte ein angeblicher Sprecher der Gruppe diese der Urheberschaft der Madrider Anschläge bezichtigt. Weil derlei schon zuvor geschehen war, als die Brigaden fälschlicherweise die Ausführung anderer Attentate für sich in Anspruch nahmen, wurde ihm wenig Glaubwürdigkeit gegeben. Das neue Kommuniqué im Namen eines Toten, der im Jahr 1981 mit der Terroristenorganisation Islamischer Dschihad auch an der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Sadat beteiligt gewesen sein soll, wird nun in allen spanischen Auslandsvertretungen mit erhöhter Alarmbereitschaft und verschärften Sicherheitsvorkehrungen ernst genommen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.04.2004, Nr. 81 / Seite 3
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

 
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