08. November 2004 Der Boulevard Valérie Giscard d'Estaing gleicht einer Trümmerlandschaft. Die wichtigste Einfallstraße nach Abidjan ist übersät mit Trümmern und Straßensperren. Die Geschäfte links und rechts der vierspurigen Straße sind nahezu ausnahmslos geplündert. Zuerst die mit den französisch klingenden Namen, dann der Rest.
Aus einem Möbelgeschäft schleppen ein paar Jugendliche die letzten Bürostühle heraus. An den Kreuzungen türmen sich kleine Berge ausgebrannter und von Panzern plattgewalzter Fahrzeuge. Die Wohnviertel, die sich westlich und östlich des Boulevards entlangziehen, die Viertel Zone 4, Marcory und Bietry, sehen nicht besser aus. In Zone 4 sind ganze Straßenzüge geplündert. Die Plünderer vom Wochenende sitzen derweil gelangweilt auf den Trottoirs und warten. Auf die nächste Schlacht, auf die nächste Plünderorgie.
Von Zerstörungswut und Haß
Je näher man dem internationalen Flughafen von Abidjan kommt, um so wüster wird die Zerstörung. Die französische Armee benutzt Bulldozer, um die Lastwagen, die als Straßensperren genutzt worden waren, in den Graben zu schieben. Hinter Containersperren sind französische Panzer in Stellung gegangen. Auf den beiden Brücken, die den südlichen mit dem nördlichen Stadtteil Abidjans verbinden, haben französische Soldaten mit Panzern Stellung bezogen.
Vor dem Hauptquartier der französischen Armee in Port Bouët stehen die Reste eines nach dem Abschuß explodierten Tanklastwagens. Damit, so erzählen die bis an die Zähne bewaffneten Franzosen, hatten die Schlägertrupps der "Jeunes Patriotes" versucht, das Eingangstor aufzubrechen. Eine panzerbrechende Waffe stoppte die rollende Bombe im letzten Moment.
Am Flughafen wiederum haben Fallschirmjäger der Fremdenlegion hinter umgestürzten Containern Deckung gesucht. Auch hier hatten die Jeunes Patriotes versucht, mit einem Tanklastzug durchzubrechen. Der Krieg hat Abidjan endgültig eingeholt, die Zerstörungswut und der Haß, gepaart mit Dummheit und skrupelloser Demagogie, und in einigen Jahren wird man von der einstmals schönsten und gastfreundlichsten Großstadt Schwarzafrikas nur noch in der Vergangenheitsform reden: "Damals, vor dem Krieg . . ."
Bloß weg
Im Inneren der Kaserne der französischen Marineinfanterie hocken mehr als 1.200 Europäer, die vor dem rasenden Mob fliehen mußten. Weil an diesem Montag morgen die Situation zunächst ein wenig entspannt scheint, trauen sich die ersten zögerlich zurück in ihre Wohnungen. Oder besser: was davon übriggeblieben ist.
Es sind junge Familien darunter, die Frauen tragen Säuglinge in den Armen. Sie haben schwarze Ringe unter den Augen, sie verstehen das alles nicht, es ist nicht ihr Krieg, doch sie sind immer die ersten, die die Zeche zahlen müssen. Und sie wollen weg. Weg aus Abidjan, weg aus der Elfenbeinküste. "Sterben für Herrn Gbagbo?" fragt ein älterer Libanese und gibt sich die Antwort gleich selbst, indem er sich an die Stirn tippt.
Eine Rede an die Nation
Gbagbo hatte sich am Sonntag abend zum ersten Mal seit dem einseitigen Bruch des Waffenstillstands mit den Rebellen, dem Dauerbombardement des Nordens und dem Tod von neun französischen Soldaten, der schließlich zu dem harten Durchgreifen in Abidjan geführt hatte, per Staatsfernsehen an die Nation gewandt. Zur Ruhe hatte er aufgerufen und ansonsten alle Schuld an der tödlichen Bombardierung der französischen Stellung in Bouaké von sich gewiesen.
Kein Wort darüber, daß er Friedensverträge eigenhändig unterschreibt, um sie umgehend zu brechen. Kein Wort des Bedauerns für die irreparablen Schäden am Image der Elfenbeinküste, die seine Schlägertrupps angerichtet haben. Seine Rede hatte er übrigens zuvor mit dem Oberkommandierenden der französischen Armee in der Elfenbeinküste absprechen müssen. Da war sein Palast in Cocody bereits unter Feuer französischer Hubschrauber geraten, was wohl auch als Botschaft zu verstehen gewesen war, daß Gbagbo den Rubikon endgültig überschritten hat.
Was nun?
Gbagbo hat keine Luftwaffe mehr und keine Armee, weil die sich am Sonntag abend eilig auf die Seite der Franzosen schlug, um nicht von ihnen zermalmt zu werden. Er kann nicht einmal mehr außer Landes fliehen, seit die französische Armee auch die beiden Präsidentenflugzeuge in die Luft jagte. Doch die Frage, die sich nunmehr stellt, ist die nach der Zukunft. Was wollen die Franzosen anstellen mit ihrem militärischen Sieg über den Mob von Abidjan?
Daß die Ablösung Gbagbos nur noch eine Frage der Zeit ist, weiß in Abidjan längst jeder. Aber was dann? Will Frankreich etwa in gutem alten Kolonialistenstil einen ihm genehmen Vasallen einsetzen und sich damit auf ewig den Zorn der Ivorer zuziehen? Und was geschieht mit den Rebellen im Norden, die nunmehr dank französischen Eingreifens faktisch den Krieg gewonnen haben? Die Situation in der Elfenbeinküste ist heute noch komplizierter, als sie vor vier Tagen ohnehin schon war.
Die Führung will den Volksaufstand
Und dennoch: Die Führer der Regierungspartei "Front populaire ivoirien" (FPI) scheinen immer noch nicht begriffen zu haben, daß sie Wasser in ihren Wein kippen müssen, wollen sie die nächsten Monate politisch überleben. Der Parlamentspräsident Mamadou Coulibaly, der sich anderswo auf dieser Welt längst ein Dutzend Anzeigen wegen Volksverhetzung eingefangen hätte, rief noch am Sonntag abend zu weiterem Widerstand auf und nannte Frankreich "den Feind" - weil die französischen Soldaten seiner Partei, die das Land zugrunde richtet, in den Arm gefallen sind. Spät zwar, aber immerhin. Und Pascal Affi N'Guessan, ehemaliger Ministerpräsident und bislang als einer der Gemäßigten bekannt, verlangt kaum verklausuliert einen Volksaufstand.
Die Arbeitslosen in den Straßen folgen diesem Aufruf nur zu gerne. Nachdem die Nacht von Sonntag auf Montag relativ ruhig verlaufen war, ging es ab Montag mittag wieder los. Zuerst Zusammenstöße zwischen Franzosen und Jeunes Patriotes vor dem Hotel Ivoire, dann Warnschüsse auf den beiden Brücken, Panzer rollen vor, Lärm- und Tränengasgranaten fliegen. Jeder, der sich am Morgen hinausgetraut hatte und zu diesem Zeitpunkt noch unterwegs ist, sieht zu, daß er irgendwo Deckung findet.
Der Terror der jungen Idealisten
In Treichville stoppen "Jeunes patriotes" den weißen Autofahrer, dem es nicht mehr gelungen war, rechtzeitig auf die sichere Seite zurückzukehren. "Bist du Franzose?" brüllt einer von ihnen. Nein, Belgier. Sofort wechselt der Tonfall, sie erkundigen sich, ob zu Hause alles in Ordnung sei. Dabei schwenken sie Macheten und Handgranaten. Unter dem T-Shirt eines des Jugendlichen blitzt der Griff einer Uzi auf, einer ebenso kleinen wie effektiven israelischen Maschinenpistole. Eine Uzi ist eine kostspielige Waffe. Die Regierung hat in der Vergangenheit eine Menge davon gekauft. Jetzt ist zumindest klar, wo diese Lieferungen geblieben sind.
Von Polizei ist auf dieser Kreuzung in Treichville natürlich wie immer nichts zu sehen. Passanten hasten eilig vorbei, blicken verstohlen zu dem Weißen hin, der sich die Seele aus dem Leib palavert. Sie können nichts für ihn tun, sie würden sich nur selbst in Gefahr bringen. Parlamentspräsident Coulibaly hatte diese Jeunes Patriotes am Vorabend noch als "junge Idealisten" bezeichnet. Doch was sie verbreiten, ist Terror.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2004, Nr. 262 / Seite 2
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