Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem
15. Juli 2009 Der laute Schrei gellt einigen bis heute in den Ohren. Ich werde ihn mein Leben lang nicht vergessen“, sagt einer der israelischen Soldaten, die in der Januar-Nacht im Gazastreifen Wachdienst hatten. Mit einer Taschenlampe war der alte Mann im weißen Hemd plötzlich aus dem Dunkeln aufgetaucht und auf das Haus zugelaufen, in dem sich die Soldaten verschanzt hatten. Es sah aus, als habe der bärtige Palästinenser etwas gesucht oder als habe er unter Medikamenteneinfluss gestanden, erinnerten sich mehrere Soldaten der Einheit. Nachdem sie ihn in etwa 200 Meter Entfernung entdeckten, hätten sie ihren Kommandeur gebeten, Warnschüsse abgeben zu dürfen, um den Mann zum Umkehren zu bewegen.
Der Vorgesetzte habe den Palästinenser jedoch bis auf 20 Meter Entfernung herankommen lassen und dann erst den Scharfschützen den Schießbefehl erteilt. Das ist der Eröffnungstreffer für den heutigen Abend“, habe er danach gerufen. Auf die Frage, weshalb er keine Warnschüsse erlaubt habe, erwiderte er: Es ist Nacht, und das ist ein Terrorist.“ Später hätten sie die Leiche untersucht und weder Waffen noch Sprengstoff gefunden, sagen die Soldaten, die den Vorfall miterlebten.
Ohne Zweifel Kriegsverbrechen
Am 18. Januar verließen die letzten israelischen Soldaten den Gazastreifen. Aber einige von ihnen sind bis heute nicht ganz von dort nach Hause zurückgekehrt: Zum ersten Mal seit der am 27. Dezember begonnenen Militäraktion Gegossenes Blei“ erzählten jetzt israelische Wehrpflichtige von dem, was sie in Gaza erlebt haben. Mehr als 50 Augenzeugenberichte veröffentlicht die israelische Organisation Breaking the Silence“, die auch der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegen, an diesem Mittwoch. Was die Soldaten darin schildern, hat wenig mit dem Bild gemeinsam, das Regierung und Armee von der Offensive gegen die Hamas zeichneten: Wie in keinem Krieg zuvor habe man sich darum bemüht, Zivilisten zu verschonen; nur eine kleinere Zahl unschuldiger Palästinenser sei zu Schaden gekommen, hieß es in offiziellen Stellungnahmen immer wieder.
Er habe bei der Lektüre der Augenzeugenberichte einen ganz anderen Eindruck gewonnen, sagt Michael Sfard. Wenn sich einige der Berichte als wahr erweisen, beschreiben sie ohne Zweifel Kriegsverbrechen“, erwartet der israelische Menschenrechtsanwalt, der in der Vergangenheit immer wieder gegen die Armee vor Gericht gegangen ist. Es ist eine völlig andere Welt. Früher gehörte es zum Ethos der Armee, den Feind human zu behandeln. Heute ist das Leben der Soldaten wichtiger als das der feindlichen Zivilbevölkerung“, sagt Sfard.
Soldaten, die nicht mehr schweigen wollten
Alle Aussagen sind ohne Namen und nähere Angaben zur Einheit des jeweiligen Soldaten erschienen. Das soll die Wehrpflichtigen schützen, denen es eigentlich verboten ist, sich während ihrer Dienstzeit über ihre Einsätze öffentlich zu äußern. Bisher kamen in den Zeugenberichten der israelischen Gruppe Das Schweigen brechen“ nur Reservisten zu Wort. In der vor fünf Jahren gegründeten Organisation haben sich frühere Soldaten zusammengeschlossen, die nicht mehr darüber schweigen wollten, was sie während ihrer Einsätze im Westjordanland miterlebt hatten.
Wir konnten nicht für uns behalten, was wir hörten: In Gaza wurde eine Grenze überschritten, und die meisten Israelis wissen bis heute nichts davon“, begründet Jehuda Schaul, einer der Initiatoren der Gruppe, die Entscheidung, dieses Mal auch auf Augenzeugenberichte von Wehrdienstleistenden zurückzugreifen. Denn im Unterschied zu den meisten Reservisten kämpften sie in Gaza vom ersten Tag an, an vorderster Front.
Im März hatten erste Frontberichte aus Gaza in Israel und im Ausland Aufsehen erregt. Doch damals handelte es sich nur um das in einer Zeitung veröffentlichte Protokoll eines Treffens von Soldaten an einer Militärschule, in dem die Gaza-Rückkehrer zum Beispiel von Angriffen auf Frauen und Kinder berichteten. Die Armee ließ die Vorwürfe überprüfen, wies sie aber als unglaubwürdig zurück: Die Soldaten hätten von diesen Vorfällen nur gehört, sie aber nicht selbst beobachtet, lautete die offizielle Begründung.
Mein bester Arabisch-Übersetzer ist mein Granatwerfer
Aber schon in dem Protokoll war deutlich geworden, dass einige Soldaten nicht damit zurechtkamen, wie sehr die Militäroperation in Gaza sich von allen ihren früheren Einsätzen unterschied. Zahlreiche Beispiele für eine neue Art der Kriegsführung gibt es in der Publikation von Breaking the Silence“. Mein bester Arabisch-Übersetzer ist mein Granatwerfer“, zitiert etwa ein Soldat die Antwort seines Vorgesetzten auf die Frage, wie sie in Gaza auf Zivilisten zugehen sollten. Beim geringsten Zweifel sollten sie schießen, erinnert sich ein Reservist an Einsatzbesprechungen, in denen als Faustregel Sätze vorgegeben wurden wie: Geht mit wahnsinniger Feuerkraft rein. Das ist der einzige Vorteil, den wir ihnen (der Hamas) gegenüber haben.“
Die allgemeine Anweisung habe gelautet, dass jeder Palästinenser, der verdächtig sei, ausgeschaltet“ werden solle. Als ungewohnt empfanden es mehrere Soldaten, dass es für sie in den ersten Tagen keine klar definierten Einsatzregeln gab. Uns war erlaubt zu tun, was wir wollten“, sagt ein Reservist, der sich besonders über die Verwüstungen in den Privathäusern ärgert, die dort manche seiner Kameraden angerichtet hätten. Den Einmarsch in Gaza hält er aber, wie viele seiner Kameraden angesichts der Bedrohung durch die Hamas, für gerechtfertigt.
Palästinenser als menschliche Schutzschilde
Nach den Verlusten im Libanon-Krieg vor drei Jahren, die zum Teil auf eigene Fehler zurückgingen, hatte die Armeeführung ihre Strategie überarbeitet: Die eigenen Verluste sollten so niedrig wie möglich gehalten werden – was auch gelang: Unter den Toten (die Zahlen schwanken zwischen etwa 1100 und mehr als 1400) in Gaza waren nur zehn israelische Soldaten; vier davon kamen versehentlich durch den Beschuss durch eigene Einheiten um. Die Offensive im dichtbevölkerten Gazastreifen stellte die Soldaten gleichzeitig vor große Herausforderungen. Denn Hamas-Kämpfer versteckten sich hinter der Zivilbevölkerung, nutzten Moscheen und Kliniken, verminten Häuser und Straßen. Mit Tausenden von Flugblättern und Telefonanrufen forderten die israelischen Streitkräfte die Zivilbevölkerung auf, die Kampfgebiete zu verlassen – wer dennoch blieb, wurde dann als Feind betrachtet und lief Gefahr, getötet zu werden.
Um versteckte Hamas-Kämpfer aufzuspüren, wurden auch Palästinenser als menschliche Schutzschilde“ eingesetzt, wie es mehrere Soldaten gesehen haben. Bei früheren Einsätzen habe das die Nachbar-Methode“ geheißen; dieses Mal habe man immer wieder Johnnies“ in die Häuser geschickt, bei denen man nicht gewusst habe, wer sich darin aufhielt – mit Johnnies“ waren Menschen aus Gaza gemeint. Manchmal hätten sich Soldaten hinter ihnen versteckt und ihre Schultern als Auflage für ihre Gewehre verwendet. In anderen Fällen hätten diese Palästinenser mit dem Vorschlaghammer Löcher in Wände von Häusern schlagen müssen, von denen unklar war, ob sie vermint waren. Auch die israelische Journalistin Amira Hass interviewte für die Zeitung Haaretz“ Einwohner aus dem Gazastreifen, die ihr sagten, sie seien auf ähnliche Weise von Soldaten losgeschickt worden, um verdächtige Häuser zu überprüfen.
Operation Gegossenes Blei abgeschlossen
Hunderte Gebäude machten Armee und Luftwaffe ganz dem Erdboden gleich. Nach Aussagen von Soldaten waren es nicht nur Häuser, von denen aus sie beschossen worden waren, unter denen sich möglicherweise Tunneleingänge befanden oder die vielleicht vermint waren. Es wurden auch Häuser für ,den Tag danach‘ zerstört“, berichten mehrere Soldaten – nicht weil eine akute Gefahr von ihnen ausgegangen sei, sondern weil sie die Hamas irgendwann nach dem israelischen Rückzug für ihre militärischen Zwecke nutzen könnte. Eines Tages werde das vielleicht auf der Liste seiner Kriegsverbrechen auftauchen, sagte der Kommandeur nach den Worten eines seiner Soldaten.
Für die israelische Armee ist die Operation Gegossenes Blei“ jedoch abgeschlossen. Vor wenigen Tagen trafen sich noch einmal die führenden Offiziere, um über die militärischen Lektionen aus dem Gazakrieg. Bedarf für neue Untersuchungen sehen sie nicht, und die internen Überprüfungen seien Ende April abgeschlossen, heißt es in Reaktion auf neue Berichte: Israelische Soldaten hätten im Einklang mit dem internationalen Kriegsrecht Israel gehandelt und ihr Möglichstes getan, um Zivilisten vor Schaden zu bewahren. Das moralische Niveau“ der Streitkräfte gehöre zu den höchsten auf der Welt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS