Kosovo

Nach dem Sturm

Von Michael Martens, Donja Budriga

Internationale Truppen versuchen im Kosovo für Ruhe zu sorgen

Internationale Truppen versuchen im Kosovo für Ruhe zu sorgen

23. März 2004 Still liegen viele serbische Enklaven und Weiler im Kosovo in diesen Tagen. Trotzig flattert in Gracanica, wenige Kilometer südwestlich der kosovarischen Hauptstadt Prishtina, die serbische Flagge im Wind, es sind auch durchaus Leute auf den Straßen. Doch als geschäftige Normalität läßt sich das Treiben in den serbisch besiedelten Orten auf dem Amselfeld spätestens seit Mittwoch der vergangenen Woche kaum beschreiben. In Gracanica zeigt das allein die starke Präsenz schwedischer Soldaten der internationalen Friedenstruppe Kfor, es wird deutlich durch die noch rostfrei blinkenden Stacheldrahtrollen an den Ortszufahrten und auf der Mauer des serbischen Klosters.

Auch in dem benachbarten serbisch dominierten Ort Caglavica, wo in der vergangenen Woche Häuser brannten, sind wieder Bilder zu sehen, die einige - es waren Optimisten, aber wohl keine Realisten - längst überwunden glaubten. Verkohlte Ruinen, dazwischen gepanzerte Militärfahrzeuge, Soldaten mit Maschinengewehren und viele Angehörige der UN-Polizei in dem seit Sommer 1999 von den Vereinten Nationen verwalteten Protektorat. Die Straße weiter ostwärts nach Gjilan (serbisch Gnjilane) sei gesperrt, sagt ein UN-Polizist in Gracanica, ein schwedischer Posten wenige hundert Meter weiter versichert das Gegenteil, ein einheimischer Ordnungshüter will weder das eine noch das andere bestätigen, verlangt aber erst das Gepäck zu kontrollieren, bevor er den Weg freigibt.

Verblaßte Dankbarkeit

Die widersprüchlichen Auskünfte sind symptomatisch: Auch die "Internationalen", Militärs wie Zivilisten, hat angesichts des zunächst völlig unkontrollierten Gewaltausbruchs der vergangenen Woche Unsicherheit erfaßt. Noch immer liegt keine klare Übersicht über die Ereignisse vor, die Angaben der Kfor, der UN-Übergangsverwaltung Unmik und anderer offizieller Quellen widersprechen einander teilweise. In den chaotischen ersten beiden Tagen der Gewalt waren nicht wenige der offiziellen Mitteilungen schlicht unzutreffend.

In Gracanica hatte der schwedische Soldat recht, denn der Weg nach Gjilan, dem städtischen Zentrum im Osten des Kosovos unweit der Grenze zu Südserbien, ist frei. "Thank you, America" steht in großen Buchstaben und mit der amerikanischen Flagge verziert auf einer Häuserwand am Ortseingang von Gjilan. Die Aufschrift ist verblaßt, die Dankbarkeit ebenfalls. Auch hier hat es Unruhen gegeben. Das regionale Verwaltungszentrum der Unmik ist verlassen, Plastikplanen spannen sich über die Rahmen der eingeworfenen Fenster, Kfor-Soldaten dominieren den Hauptplatz des Ortes. Unweit von Gjilan liegt das ausschließlich von Serben bewohnte Dorf Donja Budriga. Wie üblich gibt es weit und breit kein Hinweisschild, namenlos folgt Siedlung auf Siedlung.

Mordbrennen im Kosovo

In Donja Budriga - etwa 1.400 Einwohner, zwanzig Läden, eine Schule, ein Fußballplatz - hat kein Haus gebrannt. Trotzdem liegen Wut und Angst in der Luft. "Es gibt keine Serben mehr in Novo Brdo, in Kosovo Polje, in Obilic und in Prishtina - und da soll es übertrieben sein, von ethnischer Säuberung zu sprechen?" sagt Milorad Todorovic in bitterer Anspielung auf eine Äußerung des finnischen Unmik-Chefs Harri Holkeri, der in einem Interview Verharmlosendes oder jedenfalls Mißverständliches zur Bedeutung des Mordbrennens im Kosovo gesagt hatte.

Todorovic nennt Zahlen aus seiner Umgebung: In Gnjilane hätten bis vor kurzem noch 187 Serben gelebt, keiner sei geblieben. In Cernica, wo sein Geburtshaus steht, lebten von 712 Serben noch knapp 250 in ihren Häusern. Todorovic erhält ständig Anrufe aus allen Teilen der Provinz. Serben berichten ihm von der Lage in ihrem Dorf, ihrer Stadt. Der Kinderarzt ist einer von zwei Serben, die der von Kosovo-Albanern dominierten multiethnischen Übergangsregierung des Kosovos angehören. Als "Interministerieller Koordinator für Rückkehr" ist Todorovic mit für die Wiedereingliederung von Angehörigen der Minderheiten zuständig, die nach dem Ende des Luftkrieges der Nato im Juni 1999 aus der Provinz geflohen waren oder vertrieben wurden.

Projekt gescheitert

Ein Glanzpunkt des Aufbauwerks im Kosovo war die Flüchtlingsrückkehr nie, weil viel zu wenige Angehörige der beiden größten teilweise vertriebenen Minderheiten, der Serben und der Roma, nach 1999 den Schritt in ihre alte Heimat wagten. Fünf Jahre nach dem Beginn der Nato-Luftangriffe auf das von Slobodan Milosevic beherrschte Jugoslawien sehen viele Serben das "multiethnische Projekt Kosovo" endgültig gescheitert.

Möglicherweise werden sich die Serben, deren Eingliederung in die provisorischen Regierungsstrukturen der Provinz formal durchaus Fortschritte gemacht hatte, ganz aus dem politischen Leben zurückziehen, warnt Todorovic. Er gehört der serbischen Parlamentskoalition Povratak (Rückkehr) an, die 22 Sitze in der Versammlung in Prishtina innehat. Zehn sind der serbischen Minderheit garantiert, den Rest hat sich die Koalition bei der ersten Parlamentswahl im Kosovo im November 2001 errungen.

Das letzte Treffen

In Povratak haben sich mehr als ein halbes Dutzend Parteien zusammengefunden, die in Belgrad nie und nimmer zusammenarbeiten würden, deren Mitglieder durch die allgemein empfundene Bedrohung ihrer Volksgruppe im Kosovo jedoch ihre gröbsten Streitigkeiten überwunden haben. Todorovic gehört der Demokratischen Partei Serbiens des serbischen Ministerpräsidenten Kostunica an, andere Povratak-Politiker hingegen der Demokratischen Partei, die unter Kostunicas ermordetem Vorvorgänger und Erzfeind Djindjic die serbische Regierung dominierte. "Wir werden uns treffen, wir werden beraten, und wahrscheinlich werden wir uns dafür entscheiden, aus den Regierungsinstitutionen auszuscheiden", sagt Todorovic. Nach allem, was geschehen sei, könne es schließlich nicht weitergehen wie zuvor.

In Frage steht auch die Zukunft des direkten Dialogs zwischen Belgrad und Prishtina, der im März begonnen hatte. Todorovic ist Mitglied von zwei Arbeitsgruppen dieses von Unmik-Chef Holkeri eingeleiteten Versuchs, Albaner und Serben wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Im direkten Dialog sollen nach Vorgabe der Unmik nicht politische, sondern praktische Fragen von beiderseitigem Interesse gelöst werden. Einer der Ausschüsse sollte sich mit der Frage der seit dem Krieg vermißten Personen befassen. Am 9. März hatte sich die Gruppe zum ersten Mal getroffen. Es dürfte bis auf weiteres auch das letzte Treffen gewesen sein.

Serbischen Siedlungen

In Donja Budriga war die Lage vor den Unruhen deutlich besser als in vielen anderen Gegenden des Kosovos. Hier zogen die Serben weniger aus Angst vor den Albanern als aus wirtschaftlichen Gründen fort. Seit einer Woche stellen sich jedoch auch viele der Verbliebenen die Frage, ob ein Weiterleben im Kosovo noch möglich ist. Die Kontakte des Dorfes zur kosovoalbanischen Außenwelt sind derzeit auf ein Minimum reduziert. Doch wo sollen die Bauern ihre Erzeugnisse verkaufen, wenn nicht auf dem Markt in Gjilan? Bis vor einer Woche brachte noch täglich ein Lieferwagen Brot aus einer Bäckerei in der Stadt, seit den Unruhen ist keiner mehr gekommen.

In anderen serbischen oder zum Teil von Serben bewohnten Siedlungen der Gegend ist es weniger friedlich geblieben, in Viti (serbisch Vitina) etwa, einem Ort nahe der Grenze zu Mazedonien. Todorovic, immerhin noch Regierungsmitglied, hat sich mit bewaffneter internationaler Eskorte dorthin begeben. Von den 115 Serben des Ortes harrten noch etwa siebzig dort aus, berichtet er und zeigt Fotos aus dem Ort, die an die Bilder von anderen serbischen Siedlungen des Kosovos erinnern. Im Haus des Priesters sind die Fenster eingeworfen, die Kosovo-Albanern gehörenden Gebäude daneben blieben unversehrt. "Prane Shqiptare" (albanisches Eigentum) haben einige Hausbesitzer in den vergangenen Tagen mit großen Lettern eilig auf ihre Häuserwände gepinselt, damit ortsfremde Extremisten nicht versehentlich auch das Hab und Gut der Mehrheitsbevölkerung in Brand stecken.

In Binac ist nichts geschehen

Im Nachbarort Binac (albanisch Binaq) immerhin, wo nur wenige serbische Familien leben, ist es friedlich geblieben. Von dort wird sogar eine der wenigen hoffnungsvollen Geschichten dieser Tage berichtet. In Binac leben Albaner katholischer Konfession. Der serbische orthodoxe Geistliche aus Vitina, erzählt Todorovic, habe den katholischen albanischen Priester in Binac angerufen und ihn gebeten, sich schützend vor die Serben zu stellen. Weil das so geschehen ist in Binac, ist in Binac nichts geschehen. Solche Geschichten aber sind selten zu hören, nur wenige Kosovo-Albaner haben sich den ethnischen Terroristen in ihrer Mitte entgegengestellt.

"Wie wird es beim nächsten Mal sein?" fragt nicht nur Todorovic. Für die Leute aus Donja Budriga ist es bis nach Serbien nicht weit, nur eine halbe Stunde Autofahrt etwa. Diese Fahrt werden einige aus dem Dorf vielleicht bald mit großem Gepäck antreten. Manche Serben des Kosovos haben zwar mutig angekündigt zu bleiben, viele müssen es auch, weil ihnen das Startkapital für ein neues Leben anderswo fehlt und sich Häuser in serbischen Enklaven nicht gut verkaufen lassen. Doch andere haben die Koffer gepackt. Unter den Serben des Kosovos herrscht Aufbruchstimmung.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004, Nr. 71 / Seite 3
Bildmaterial: AP

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