Kosovo

Die Generation Kurti

Von Michael Martens

Protest im Kosovo: Die „Generation Kurti”

Protest im Kosovo: Die „Generation Kurti”

13. Februar 2007 Früher galt auf dem Balkan die Faustregel, dass Konflikte immer im Frühjahr ausbrechen, wenn der Schnee schmilzt. Im Winter blieben die Unruhestifter der Region lieber zu Hause. Auch Freischärler frieren schließlich nicht gern.

So wären wohl auch die Demonstranten, die am Samstag durch die kosovarische Hauptstadt Prishtina zogen und gegen die Präsenz der Vereinten Nationen sowie den Kosovo-Plan des UN-Vermittlers Ahtisaari protestierten, bestimmt deutlich weniger gewesen, hätte eisige Kälte über dem Amselfeld gelegen. Nun aber gingen etwa 3000 Leute auf die Straße, um für die bedingungslose Unabhängigkeit ihrer Heimat zu demonstrieren. Zwei von ihnen starben an den Folgen von Verletzungen, die sie offenbar bei Zusammenstößen mit der UN-Polizei in der Provinz erlitten. Das beschert den internationalen Verwaltern das nächste Problem. Denn ihre Begräbnisse werden auch politische Kundgebungen sein.

Junge Kosovaren folgen Kurti

Am Montag ging es aber zunächst noch um die Bewältigung der Ereignisse vom Samstag. Der kosovarische Innenminister Fatmir Rexhepi trat wegen der Zusammenstöße zurück. „Ich sehe eine moralische Verantwortung für das, was bei den Protesten am 10. Februar passiert ist“, sagte er. Und die UN-Polizei teilte mit, sie habe die Räume der Veranstalter durchsucht und drei Personen festgenommen.

Schon am Wochenende war der Initiator der Kundgebung verhaftet worden - ein Mann Anfang dreißig, dessen Name wohl häufiger auftauchen wird, wenn künftig von Unruhen im Kosovo zu berichten ist: Albin Kurti war als junger Mann ein politischer Agitator der albanischen „Befreiungsarmee Kosovo“ (UÇK). Zu Herrschaftszeiten von Slobodan Milosevic war er wegen angeblicher Bedrohung der territorialen Integrität Jugoslawiens zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt worden. Erst mehr als ein Jahr nach dem Sturz des Serbenherrschers wurde er von den neuen Machthabern in Belgrad freigelassen.

Heute tritt Kurti mit einer Unversöhnlichkeit auf, gegen die ehemalige Freischärlerführer wie der Ministerpräsident Çeku oder dessen vom Kriegsverbrechertribunal angeklagter Vorvorgänger Haradinaj gemäßigt erscheinen. Kurti hat keine Macht, und daher kann er öffentlich zu sagen wagen, was andere nur denken. „Keine Verhandlungen - Selbstbestimmung“ lautet sein bekanntester Slogan. Selbstbestimmung (Vetevendosje) ist auch der Name der vornehmlich von sehr jungen Kosovaren getragenen Gruppierung, an deren Spitze er unumstritten steht. Kurti lässt nicht nur gegen die Verhandlungen über den neuen Status des Kosovos demonstrieren und hat zum Boykott serbischer Waren aufgefordert. Er ist auch gegen die Dezentralisierung, die der serbischen Minderheit in ihren Enklaven die Möglichkeit zur Selbstverwaltung geben soll. „Dezentralisierung gleich Teilung gleich Krieg“ lautet seine Parole.

Was steckt hinter wirklichkeitsfremden Forderungen?

Kurti scheint zu intelligent, um nicht zu wissen, dass seine Forderungen wirklichkeitsfremd und für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kosovo-Albaner sogar schädlich sind. Aber er will sich offenbar durch seine besonders radikale Haltung für die Zeit nach der Unabhängigkeit in Stellung bringen, wenn die Kosovo-Albaner sich ihre neuen Führer wählen sollen.

Ihm kommt dabei zugute, dass seine Analysen der Wahrheit in den Augen vieler Kosovo-Albaner ziemlich nahe kommen. So sagt er sinngemäß, dass die einheimischen Politiker nur Kompromissler seien, die den mächtigen „Internationalen“ und deren Bekenntnissen zur multiethnischen Demokratie nach dem Munde redeten. Die UN-Übergangsverwaltung Unmik bezeichnet Kurti als neokolonialistisches Regime, das die Demokratie im Kosovo nur inszeniere. Die von niemandem beaufsichtigten „Kolonialherren“ der UN im Kosovo beuteten mit ihren oft kolossal hohen Gehältern ihre Herkunftsländer aus, deren Steuerzahler das ineffektive Heer der westlichen Besserwisser, die in ihren weißen Jeeps durch Prishtina kreuzen, schließlich bezahlen müssten.

Ihr habt keine Chance

Vor allem bei jungen Leuten fallen solche Äußerungen auf fruchtbaren Boden. Viele Anhänger Kurtis sind noch ein Jahrzehnt jünger als er selbst. Sie haben schon eine ganze Reihe Illusionen aufkommen und vergehen sehen. Die „Generation Kurti“ kam zur Welt, als Milosevic in Belgrad an die Macht kam. Ausgrenzung, Gewalt und eine an ihrem Schicksal lange nicht interessierte Staatengemeinschaft prägten ihre Jugend. Als die UÇK die Waffen erhob, waren sie noch zu jung, um mitzutun. Nachdem 1999 die Truppen der Nato in das Kosovo einmarschiert waren, erlebten sie mit, wie die zunächst allgemein verehrten Kämpfer der UÇK sich oft zu kruden Geschäftemachern wandelten, die in ihren Dörfern und Städten nach Belieben herrschten. Und als sie die Schule verließen, hatte der Arbeitsmarkt für die meisten von ihnen keine reguläre Beschäftigung zu bieten. Ihre Politiker erzählten ihnen, dass alles sich bessern werde, wenn das Kosovo erst unabhängig sei. Die UN-Verwalter aus Deutschland oder Pakistan oder Kenia sagten, dass das Kosovo erst unabhängig werden könne, wenn es demokratische Standards erfülle. Die Essenz beider Nachrichten lautete: Ihr habt keine Chance.

Çeku, Haradinaj und die anderen mächtigen Männer haben Kurti stets gewarnt, er gefährde den Weg des Kosovos zur Unabhängigkeit, wenn er zur Unzeit Unruhe stifte. Es ist auch möglich, dass die alten Waffenbrüder Kurti und seine angeblich ohnehin von UÇK-Veteranen unterwanderte Bewegung in diesen Tagen mit drastischen Mitteln, die der Außenwelt wie so vieles im Kosovo verborgen bleiben werden, disziplinieren können. Sie haben wirksame Instrumente, denn wer den Schutz des Clanverbands verlassen muss, ist gleichsam vogelfrei im Kosovo. Es gibt kein soziales Netz, das einen aus dem patriarchalen Gefüge Ausgestoßenen auffinge. Aber langfristig wird man mit Kurti oder zumindest mit Leuten wie ihm rechnen müssen im Kosovo.

Text: F.A.Z., 13.02.2007, Nr. 37 / Seite 6
Bildmaterial: AFP

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