01. Februar 2006 Zum ersten Mal besuchte ich Las Barranquillas im Sommer 2004. Ein befreundeter Anwalt hatte gesagt: Ich zeige dir ein Madrid neben unseren Haustüren, das kaum einer kennt. Mein Anwaltfreund verteidigt Leute, mit denen man auch bei Tageslicht nichts zu tun haben will. Oft geht es um Mord, Drogenhandel und verwandte Delikte. Für die Fahrt nach Las Barranquillas benutzen wir einen verbeulten Fiat.
Kaum zwanzig Minuten vom Prado entfernt beginnt die Unterseite der Stadt: Neben einem Autofriedhof im Süden Madrids, nahe dem Autobahnring M-40, befindet sich eine große Ansiedlung von roh geziegelten Hütten, Verschlägen, Buden aus Plastikplanen und schmuddeligen Zelten. Müll, wohin man blickt. Hier leben einige hundert Menschen, wenn leben das richtige Wort ist. Die täglichen Drogenkäufer gehen in die Tausende. Schon auf dem Weg sehen wir abgemagerte Gestalten am Straßenrand. Spezielle Drogentaxis haben sie für vier Euro hergebracht und nehmen sie wieder mit in die Innenstadt, wenn die Sucht gestillt ist.
Kein Mittel, den Drogenhandel einzudämmen
Wir drehen eine Runde durch die Siedlung, aber wir halten nicht an. Vor unseren Augen setzen sich die Abhängigen den nächsten Schuß. Dies ist der Ort, den man als das Ende von allem bezeichnen muß, von Hoffnungen, Karrieren, Familien- und Freundschaftsbanden. Was Las Barranquillas in Europa so ungewöhnlich macht, ist, daß sich die Zwischenhändler - nicht nur kleine Dealer, sondern die von den Zigeunerclans kontrollierten Kaufstationen - mitten auf dem Gelände befinden. Diese hochbefestigten Häuser mit mehrfachen Stahltüren und vergitterten Schalterfenstern, die sich auf das richtige Zeichen hin öffnen, vor der Polizei aber dank eines perfekten Spitzelsystems verschlossen bleiben, sind des Süchtigen unmittelbare Umgebung, das Ziel seiner Träume und sein Untergang.
Erst anderthalb Jahre später begriff ich, wie dieser Slum im einzelnen funktioniert und warum es kein Mittel gibt, den offen betriebenen Drogenhandel in Madrid einzudämmen. Ein Taxifahrer, mit dem ich einmal gegen Mitternacht ins Gespräch kam - nennen wir ihn Alberto -, erzählte mir von einem Drogenabhängigen in Las Barranquillas. Dieser Juan, sagte Alberto, sei der einzige Mensch, der in der Drogenhölle seine Würde bewahrt habe. Ein intelligenter, sensibler Mann, der sich nicht schlage oder Diebstähle begehe, vielmehr anderen helfe, meist solchen, die noch verlorener seien als er. Wenn ich diese Seite Madrids kennenlernen wolle - er könne mich mit Juan bekannt machen. Und wir vereinbarten, Juan in Las Barranquillas zu besuchen. Eine finanzielle Gabe sei willkommen, Brot, eine Flasche Wein, auch etwas saubere Wäsche. Juan habe Schuhgröße 43.
Eine halbe Million benutzte Spritzen
Wir fuhren an einem Sonntagabend im Dezember um 23Uhr. Bis wir Juan gefunden hatten, mußte Alberto mit seinem Taxi über viele Wege von Las Barranquillas rumpeln. Der dreckstarrende Mann, der schließlich zustieg, trug eine Wollmütze, hatte riesige Augen, ein feingeschnittenes Gesicht und eine gewählte Ausdrucksweise, die der Albertos nicht nachstand. Wir aßen das Stangenbrot und tranken den Rotwein aus Plastikbechern.
Die nächsten fünf Stunden gehören zu den merkwürdigsten meines Lebens. Alberto hatte zum Parken eine halbwegs sichere Stelle gewählt, gleich neben der Fixerstube, die es auch in Las Barranquillas gibt, ein Geruch von Behörde an der Pforte zur Hölle. (Im Jahr 2004 wurden in der Siedlung fast eine halbe Million benutzte Spritzen sichergestellt.) Wir saßen im Taxi, Juan auf dem Rücksitz, und redeten. Alberto und Juan konnten sich nicht in die Augen sehen, und soweit ich weiß, gab es in dieser halben Nacht kaum drei Blickkontakte zwischen ihnen. Doch sie sprachen miteinander wie alte Freunde, die beide vom Leben verraten worden waren und nun gemeinsam herausfinden wollten, welche Gabelung des Wegs die falsche gewesen war.
Tiefe Züge aus dem Crack-Röhrchen
Keiner der beiden hob die Stimme, auch dann nicht, wenn einer gegen das Argument des anderen etwas vorzubringen hatte; in den Sätzen lagen Respekt, eine sonderbare Vorsicht, die an Sanftheit grenzte, und eine überwältigende Trauer. Immer wieder hielten die beiden ein Flämmchen unter die Alufolie, auf der Kokainhydrochlorid in Kokainbase umgewandelt wurde, und nahmen tiefe Züge aus dem Crack-Röhrchen. Auf der Alufolie schwamm brauner Saft.
Als junger Mann, erzählte Juan, habe er Banken ausgeraubt, immer allein. Dann habe er das Geld im Spielkasino verjubelt. Das alles liegt hinter ihm. Im Gefängnis las er fernöstliche Philosophie. Als er nach sechzehn Jahren Haft entlassen wurde, paßte er nirgendwo mehr hin. Jetzt bewohnt Juan eine andere Welt, und Alberto läuft Gefahr, ihm dorthin zu folgen. Das immerhin steht noch auf dem Spiel: Der eine will sich aus dem Sumpf ziehen, in dem der andere langsam untergeht.
Crack ist die billigere Methode, sich zu töten
Die Nächte verbringt Juan draußen, schlaflos. Er wandert über die öden Felder und denkt über die Welt nach. So, wie er spricht, fällt einem für seine nächtlichen Gänge das Wort wandeln ein. Aber bevor Juan sich irgendwo hinlegt, mit dem Kopf auf seiner gesamten Habe, muß er ein paar Euro verdient haben, sonst wird der folgende Morgen fürchterlich. Morgens brüllt sein Körper nach Kokain. Also zieht er noch herum, verscherbelt Alufolie oder Feuerzeuge; irgendeinen Idioten gibt es immer. Aus Las Barranquillas will Juan nicht mehr weg. Obwohl er weiß, daß er hier sterben wird, fürchtet er sich vor dem Leben draußen noch mehr.
Bis vier Uhr morgens konsumieren Alberto und Juan Rauschgift für rund fünfzig Euro; Crack ist die billigere Methode, sich zu töten, auch die schnellere. Weil sie mit der Qualität nicht zufrieden sind, steuern sie immer wieder andere Drogenhäuser an. Mit dem Taxi rollen wir über die Wege, sehen magere Frauen, die an lodernden Lagerfeuern stehen und für den nächsten Schuß ihren Körper feilbieten, hören Flüche, Grölen und aufheulende Motoren. Nachts ist die Zeit von Las Barranquillas. Tausende kommen und decken sich ein, aus Madrid, Toledo, Segovia, Guadalajara, darunter gutgekleidete Leute mit teuren Autos, deren Scheinwerfer die gespenstische Szenerie vor den abbruchreifen Buden beleuchten. Wer es nicht erwarten kann, spritzt, schnüffelt oder raucht gleich neben der Verkaufsstelle.
Kokain heute so begehrt wie nie
Drogensüchtige, die sich für etwas Besseres halten und das Verlierer-Image, den tatterigen Gang und die wild rollenden Augen der Junkies nicht auf sich beziehen, steigen in ihre Autos und transportieren Stoff für die Party ab.
Nach einem Bericht der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle ist Kokain heute so begehrt wie nie, an der Spitze stehen Großbritannien und Spanien. Allein am Madrider Flughafen Barajas wurden 2005 mehr als zweitausend Kilogramm Kokain mit einem Einzelverkaufswert von rund 24 Millionen Euro beschlagnahmt, und die Schmuggelmethoden nehmen immer abenteuerlichere Formen an. Alle diese Leute sind krank, sagt Francisco Javier Barroso, Polizeireporter bei El Pais. Und solange es die Krankheit gibt, wird es den Drogenhandel geben.
Ausflüge ins Suchtmilieu
Barroso hat zahllose Ausflüge ins Suchtmilieu hinter sich, meist in Begleitung von Drogenfahndern. Neuerdings kontrollieren in Madrid 1400 Polizisten die Schulen. Viele der Dreizehn- und Vierzehnjährigen, sagt Barroso, hätten schon Erfahrung mit den härtesten Rauschgiften, von Ecstasy bis Kokain. Dann erzählt er, warum die Festung Las Barranquillas uneinnehmbar ist. In den Kaufstationen brennt immer ein Feuer, sommers wie winters. Bevor die Polizei eintrifft, haben Spitzel den Clan alarmiert, und die Ware wird verbrannt. Früher kletterte ein Polizist sofort aufs Dach und goß Wasser durch den Schornstein, um einen Teil der Drogen als Beweismittel zu retten. Da bauten die Clans sechs Meter hohe Schornsteine. Auch heute noch gilt für die Süchtigen in Las Barranquillas: Wenn aus einem Haus eine Rauchsäule aufsteigt - habemus drogam.
Anfang Januar bringt Alberto schlechte Nachrichten. Juan habe sich verändert, sei in einen Kampf verwickelt worden, er wolle niemanden mehr sehen. In einer verregneten Januarnacht fahren wir trotzdem nach Las Barranquillas. Nach langer Suche finden wir ihn, um Jahre gealtert. Seine Stirn ist mit Wunden übersät. In den Pausen zwischen den Crack-Pfeifen trinkt er Rotwein. Dann sinkt er in den Sitz zurück und hängt Koksträumereien nach. Manchmal summt er eine kleine Melodie, als stünde er in seinem Kinderzimmer vor vierzig Jahren. Meistens schweigt er. Seine Lippen bewegen sich nervös und selbstvergessen zugleich, ein lautlos brabbelnder Mund.
Die Tage sind gezählt
Diese Nacht ist noch elender als die erste. Ständig tauchen Süchtige aus dem Regen auf, klopfen an Albertos Autofenster und betteln um einen Euro, eine Zigarette, einen Spiegel. Den Spiegel braucht ein junger Mann, um sich die Spritze in den Hals zu setzen. In den Hals? frage ich. - Die vorletzte Stelle, sagt Alberto, wenn es keine intakten Venen mehr gibt. - Und die letzte? - Der Penis.
Es wird nichts ändern, daß die Tage von Las Barranquillas gezählt sind, weil hier demnächst neue Autobahn- und Eisenbahnstrecken gebaut werden. Nicht weit entfernt, in El Salobral, haben die Drogenclans im Madrider Süden eine neue Siedlung aus dem Boden schießen lassen, und etwas weiter östlich, auf der Canada Real Galiana, entsteht entlang einer Strecke von fünfzehn Kilometern, die illegal gebaute Häuser säumen, ein neuer Großmarkt für Drogen. Ob es in die Zuständigkeit der Stadt oder der Region Madrid fällt, die Gesetze gewähren riesige Schlupflöcher, und die Behörden sind hilflos.
Alberto spricht davon, daß er sich aus dem Loch ziehen muß, solange es noch geht. Er ist fünfzig geworden, seine Frau hat ihn verlassen, und er wohnt bei seiner alten Mutter. Am 18.Januar hat sein Methadon-Programm begonnen. Vom ersten gesparten Geld will er sich eine gebrauchte Schreibmaschine kaufen, um seine Aufzeichnungen zu ordnen. Alberto mag Stendhal, der habe alles über den Menschen gewußt: wie er aufsteigt, wie er fällt.
Text: F.A.Z., 01.02.2006, Nr. 27 / Seite 42
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