31. Oktober 2007 Der Albtraum ist nicht vorbei, aber das lange Warten. Zum letzten Mal sehen sich an diesem Mittwoch die Hauptangeklagten im Madrider Terrorprozess, die Überlebenden und die Angehörigen der 191 Toten von Angesicht zu Angesicht. Die neunzehn Männer in dem Glaskasten - siebzehn Araber und zwei Spanier - hören nach vier zähen Monaten der Beschuldigungen, des Leugnens, der Zeugenaussagen und der Präsentation der Beweise nun um elf Uhr aus dem Mund des Vorsitzenden Richters Javier Gómez Bermúdez ihre Urteile.
Drei Jahre und sieben Monate sind vergangen, seit im Morgengrauen des 11. März 2004 islamistische Extremisten dreizehn Rucksackbomben in vier Vorortzügen der spanischen Hauptstadt zündeten. Das Gros der Attentäter kann freilich nicht mehr belangt werden. Sieben Terroristen starben am 4. April 2004 von eigener Hand, als sie in einer konspirativen Wohnung in der spanischen Hauptstadt von der Polizei gestellt wurden.
Vierzigtausend Jahre Haft für jeden Täter beantragt
Drei ihrer Komplizen, deren Fingerabdrücke oder DNA-Spuren später entdeckt wurden, gelang die Flucht. Von diesen ist jedoch nur noch einer, der Marokkaner Mohammed Belhadj, untergetaucht. Die beiden anderen endeten mit großer Wahrscheinlichkeit als Selbstmordattentäter im Irak. Übrig und auf der Anklagebank sind nun die drei mutmaßlichen geistigen Urheber - der Ägypter Rabei Osman el Sayed und die Marokkaner Youssef Belhadj und Hassan el Haski -, die beiden mutmaßlichen aktiven Mittäter - die Marokkaner Jamal Zougam und Abelmajid Bouchar -, der mutmaßliche spanische Sprengstofflieferant José Emilio Suárez Trashorras, der mutmaßliche Verbindungsmann zwischen Suárez und den Terroristen, der Marokkaner Rafa Zouhier, und der mutmaßliche Spengstofftransporteur, der Marokkaner Otman el Gnaoui.
Für jeden von ihnen hat die Staatsanwaltschaft fast vierzigtausend Jahre Haft beantragt. Den übrigen Angeklagten, darunter ein Syrer, ein Algerier und ein Libanese, wird zumindest Kollaboration oder Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen, mit verlangten Strafen zwischen jeweils zwölf und 27 Jahren. Ihnen allen ist eines gemein: Sie müssen mit einer Verurteilung zu mehr als sieben Jahren Gefängnis rechnen, weil sie sonst nach spanischem Recht und dreieinhalbjähriger Untersuchungshaft schon hätten freigelassen werden müssen.
Indizienprozess mit reichem Beweismaterial
Der Indizienprozess, der sechshundert Folianten gefüllt hat, förderte reiches Beweismaterial zu Tage. Telefonkarten für die Zünder, Speichel auf Dattel- und Olivenkernen, Haut und Haare aus Rasierklingen und Mützen, abgehörte Gespräche, Zeugenaussagen. Doch Letztere waren nicht ohne Widersprüche. So wurde zum Beispiel der von vier Augenzeugen identifizierte Marokkaner Jamal Zougam an zwei Orten gleichzeitig gesehen.
Der vorläufige Schlusspunkt im Gerichtssaal - die Revisionsbegehren dürften im Anschluss noch bis zum Obersten Gericht gehen - verspricht zugleich der Beginn einer neuen innenpolitischen Auseinandersetzung zu werden. Vier Monate vor den spanischen Parlamentswahlen sind die sozialistische Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero und die konservative Opposition mit ihrem Spitzenkandidaten Mariano Rajoy schon wieder präventiv in Stellung gegangen.
Beteiligung am Irak-Krieg erhöhte Terrorismus-Risiko
Denn drei Tage nach jenen Attentaten hatte wider Erwarten Aznars Kronprinz Rajoy mit der Volkspartei eine schwere Niederlage erlitten. Die vermeintlichen Lügen von damals, die ungelenke und irreführende Informationspolitik der Populares und die geschickte Kampagne der früheren Opposition in den entscheidenden Stunden vor jener Abstimmung sind nun abermals Gegenstand einer Auseinandersetzung, deren alte Wunden nicht verheilt sind. Zapatero scheint bei diesem Thema die besseren Karten zu haben, weil alle Verschwörungstheorien, welche die baskische Terrororganisation Eta mit dem Madrider Massaker in Verbindung brachten, durch das Gerichtsverfahren entkräftet wurden.
Auf dieser Grundlage kann der Ministerpräsident, wie er das schon in dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss über das Verbrechen tat, seine für die spanischen Wähler noch immer werbewirksam anmutenden zwei Kernargumente aufbauen: dass die Beteiligung Aznars am Irak-Krieg damals für Spanien das Risiko des internationalen Terrorismus erhöht habe und dass sein prompter Rückzug der Truppen gerechtfertigt war, weil er jenen Krieg für illegal und nutzlos gehalten habe.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa