07. Dezember 2006 Ghassan Tueni ist einer der führenden Intellektuellen des Libanons. Er gibt die Tageszeitung Al Nahar heraus. Anfang 2006 rückte er für seinen Sohn Gebran, der am 12. Dezember 2005 ermordet worden war, ins Parlament nach. Mit ihm sprach in Beirut Rainer Hermann.
Herr Tueni, übernimmt die Hizbullah im Libanon die Macht?
Ich glaube nicht, daß sie es kann. Sie will im Kabinett eine Sperrminorität, also ein Drittel der Minister plus einen. Daneben verfügt sie aber über die Macht der Straße und über Raketen. Aus dem - wie sie sagt - von Gott verliehenen Sieg über Israel leitet sie einen Anspruch auf eine stärkere politische Rolle ab. Mit Rhetorik und Religion hat sie das Ergebnis des Kriegs in einen Sieg umdefiniert. Auch mit Hilfe des gewaltigen Stroms von Geldern und Waffen aus Iran über Syrien.
Könnten die Proteste zu einem neuen Bürgerkrieg zu werden?
Erstmals stehen sich im Libanon in einem Konflikt nicht Christen und Muslime gegenüber, sondern Sunniten und Schiiten. Die Sunniten können aber nicht eine Eskalation in Gang setzen. Denn die Sunniten Beiruts sind bürgerlich, und sie gehen so schnell nicht auf die Straße. Sie haben keine Miliz und keine Waffen. Im Bürgerkrieg hatten die Palästinenser die Sunniten verteidigt. Diesmal stehen sie auf der Seite Syriens und der Schiiten.
In der islamischen Welt wachsen Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten: auch im Libanon?
Der Konflikt reicht möglicherweise bald nach Syrien. Damaskus spielt ein für sich selbst sehr gefährliches Spiel. In Syrien lauert eine größere Gefahr als im Libanon. Der syrische Staatschef tut so, als gäbe es in Syrien keine Sunniten, nur eine Handvoll sunnitischer Extremisten. Das stimmt nicht. Die meisten sunnitischen Muslime Syriens sind nur konservativ. Sollte der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten auf Syrien übergreifen, flöge Syrien - mit der Herrschaft der Minderheit der schiitischen Alawiten - in kürzester Zeit in die Luft.
Welches Interesse hat Iran am Libanon?
Die Iraner freuen sich über die Verehrung, die dem Hizbullah-Führer Nasrallah in der arabisch-sunnitischen Welt entgegenschlägt. Mit ihm bahnte sich die Schia einen Weg in die Welt der Sunniten. Sollte es nun zu einem Blutvergießen zwischen Sunniten und Schiiten kommen, würde sich dieser Trend drehen. Die Iraner glauben daher, daß die Syrer im Libanon zu schnell auf den Knopf drücken.
Was trennt im Libanon Regierung und Opposition?
Die Regierung will gute Beziehungen eines souveränen Libanons zu Syrien. Syriens Staatschef Assad will Syrien aber in den Libanon zurückbringen, die Hizbullah will es auch. Assad sagte, die Regierung Siniora könne sich nicht aus eigener Kraft halten. Das will er nun zeigen. Leute von Al Qaida sickern über die Grenze, auch bewaffnete Palästinenser. Assad verweigert aber eine Kontrolle der Grenze durch die Unifil-Einheiten. Viele syrische Arbeiter sind bereits in den Libanon zurückgekehrt.
Wie wichtig ist das Hariri-Tribunal für den Libanon-Konflikt?
Das ist das wichtigste Thema. Denn Syrien fürchtet, daß das internationale Tribunal einen Punkt erreicht, an dem eine Anklage gegen die Machthaber in Syrien unvermeidbar wird. Ob dem ein Urteil folgt oder nicht, ist zweitrangig. Der frühere syrische Prokonsul im Libanon, Ghazi Kanaan, wurde ja geselbstmordet, auch sein Bruder. Zuvor soll Assad angedeutet haben, er werde Ghazi Kanaan und dessen Nachfolger Rustum Gazaleh unter der Bedingung überstellen, daß die höheren Ränge Syriens nicht angetastet würden. Ein internationales Gericht würde sich auf einen solchen Handel nicht einlassen.
Unterstützt die Hizbullah das Tribunal, oder will sie es mit Rücksicht auf Syrien verhindern?
Die Hizbullah unterstützt das Tribunal nicht. Sie hatte sich ja aus der Regierung zurückgezogen, als der Entwurf dazu dem Kabinett vorgelegt wurde. Nasrallah äußert zwar vage, er sei nicht gegen das Tribunal. Zuvor hatte er aber öffentlich gesagt, er habe Bedenken gegen das Tribunal und man solle ein arabisches Gericht vorziehen.
Gibt es für die politische Krise im Libanon eine Lösung?
Es ist ein Spiel der Unmöglichkeiten. Die erste Blockade besteht darin, daß Präsident Lahoud keine Erlasse der Regierung mehr unterzeichnet, da er sie für illegal und verfassungswidrig erklärt hat. Die zweite Blockade ist, daß Parlamentssprecher Berri keine Sitzung einberufen will, um über den Gesetzentwurf für das Tribunal zu debattieren.
Zudem sind die Christen gespalten. Der bei vielen Christen beliebte frühere General Aoun steht auf der Seite der Opposition und der Hizbullah.
Aoun profitiert von der Desillusionierung der bürgerlichen Christen mit ihren Warlords. Auch ist die christliche Partei der Phalangisten nach der Ermordung von Pierre Dschemeijil geschwächt. Sein Vater Amin hat aber zu einem neuen Höhenflug angesetzt. Als einziger christlicher Führer sprach er seit dem Ausbruch der Krise mit Nasrallah, zuletzt vergangenen Sonntag mehr als drei Stunden. Eine Einigung erzielten sie nicht, sie wollen die Gespräche aber bald fortsetzen. Dschemeijil empfiehlt sich als Vermittler und könnte für Aoun ein Rivale für das Amt des Staatspräsidenten werden. Er war ja bereits Präsident und würde das Amt wieder annehmen - als Rache an Aoun und für seinen ermordeten Sohn.
Text: F.A.Z., 07.12.2006, Nr. 285 / Seite 7
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