Uiguren in China

Wind gesät und Sturm geerntet

Von Till Fähnders, Kaschgar

Der Altstadt den Rücken zugewandt: Mao-Statue im neuen Stadtzentrum

Der Altstadt den Rücken zugewandt: Mao-Statue im neuen Stadtzentrum

06. Juli 2009 Dumpfe Schläge hallen über ein Trümmerfeld in den alten Wohnvierteln der Oasenstadt Kaschgar. Ein Uigure in blauem Hemd und mit der traditionllen Doppa (einer bestickten runden Kappe) auf dem Kopf steht auf dem Dach eines alten Lehmhauses. Mit beiden Händen hebt er eine Hacke in die Höhe und lässt sie auf die Mauer unter sich hinabsausen. Erde und Stroh bröseln herab, Ziegelsteine stürzen herunter. Unten heben einige Männer die Überreste, die noch brauchbar sind, auf und werfen sie auf den Anhänger eines kleinen Traktors. An einer halb eingestürzten Mauer daneben sind die weißen Ornamente uigurischer Wandverzierungen bloßgelegt.

Kaschgars einzigartige Altstadt ist zum Abriss freigegeben. Jeder Schlag versetzt der uigurischen Kultur einen Hieb. Mit Hacken, Schaufeln und Baggern wird Stein für Stein eine tausend Jahre alte Geschichte abgetragen. Das Trümmerfeld von Kaschgar ist so etwas wie das Vorfeld der Trümmerlandschaft, die jetzt aus der Provinzhauptstadt, aus Urumtschi, angerichtet wurde. Die Uiguren haben viele Schläge ertragen, Schläge wie die in Kaschgar sind zu viel.

Leben von der Hände Arbeit: Die Bewohner Kaschgars sind auf ihr geschäftliches Umfeld angewiesen

Leben von der Hände Arbeit: Die Bewohner Kaschgars sind auf ihr geschäftliches Umfeld angewiesen

Die Stadt Kaschgar mit ihren etwa 400 000 Einwohnern liegt in der Unruheprovinz Xinjiang tief im Nordwesten Chinas. Anders als in den weiter östlich gelegenen Städten der autonomen Region stellen die Uiguren in Kaschgar immer noch die Mehrheit der Bevölkerung. Einst trafen sich hier am Rand der Wüste Taklamakan zwei Routen der Seidenstraße, auf Kamelrücken transportierten die Händler Waren aus ganz China durch die Oase. Die Grenze zu Pakistan ist nur ein paar Stunden Fahrt über die Karakorum-Schnellstraße entfernt. Kaschgar ist auch das Tor, durch das einst der Islam in den Fernen Osten kam. Die meisten Uiguren sind gläubige Muslime.

50.000 Familien werden vertrieben

„Es ist eine Schande“, sagt ein uigurischer Mann mit Schnauzbart, der in der Altstadt von Kaschgar einen Karren mit Holzbalken belädt. In seinem bis auf die Grundmauern zerstörten Haus ist der Boden mit Steinen, Fensterrahmen und Müll übersät. Die Menschen sind hier aufgewachsen, wegzugehen sei „wie zu sterben“, sagt der Mann. Insgesamt sollen nach Regierungsangaben 49 000 Haushalte mit rund 220 000 Anwohnern ihre alten Häuser verlassen. Der Plan kostet drei Milliarden Yuan (etwa 317 Millionen Euro). Fünf Millionen Quadratmeter Bausubstanz sollen zerstört werden. Mehr als 3300 Familien haben schon zugeschaut, wie ihr Häuser unter den Spitzhacken der Arbeiter zu Staub wurden, der nun mit dem Wüstensand vermischt durch die Straßen fegt. Mehr als 650 Familien haben bis Mitte Juni ihre neuen Wohnungen bezogen, wie das für die Umsiedlung zuständige Büro der Stadtverwaltung mitteilt.

Historisches Erbe wird vernichtet

Mit der Altstadt wird ein wichtiger Teil des uigurischen Erbes vernichtet. Im Exil lebende Uiguren sehen in dem Plan einen weiteren Schritt der chinesischen Regierung, das Turkvolk mit seinen acht bis neun Millionen Angehörigen in China von seinen kulturellen Wurzeln abzuschneiden. Es sei der Versuch, die Uiguren zu assimilieren, sagt die berühmte im Exil lebende Uigurin Rebiya Kadeer, die einst sogar als Delegierte in Chinas Volkskongress gesessen hatte und heute Vorsitzende der Uyghur American Association (UAA) und Präsidentin des Uigurischen Weltkongresses (WUC) ist.

„Ich trauere über den Verlust dieses einzigartigen Ortes, der zum Welterbe gehört“, sagt Kadeer. Die Exiluiguren kritisieren auch, dass die Bevölkerung nicht ausreichend an den Planungen beteiligt worden sei. Viele scheinen sich auch in Kaschgar überrumpelt zu fühlen. Eine weitgehend authentische Altstadt wie hier gibt es wohl nur noch in wenigen zentralasiatischen Städten. In dem Hollywoodfilm „Drachenläufer“ (The Kite Runner) diente sie deshalb als Kulisse und stellte dort das frühere Kabul dar. Zwischen den braunen Lehmmauern leben die Menschen heute kaum anders als vor hundert Jahren – von den Handys, Fernsehern und Motorrollern, die auch hier mittlerweile zur Ausstattung gehören, einmal abgesehen.

Stadtregierung: „Befürchtungen übertrieben“

Derzeit scheint noch unklar, welche Gebiete und Häuser das Abrisskommando eventuell verschonen wird. Die Stadtverwaltung werde einen Teil der „wertvollen“ Gebäude für den Tourismus erhalten, berichtet das zuständige Büro. Sie sehe in der Altstadt durchaus einen kulturellen und historischen Wert. Nach Informationen amerikanischer Zeitungen wie der „New York Times“ werden aber ganze 85 Prozent des Altstadtgebiets abgerissen. Die Stadtregierung weist diese Zahl als „etwas übertrieben“ zurück. Was mit dem frei werdenden Land geschehen soll, ist nur lückenhaft bekannt.

Kein Weg in die Vergangenheit: Die Bewohner Kaschgars befürchten, von ihrer eigenen Kultur abgeschnitten zu werden

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Einige Uiguren sollen, je nach dem was sie mit der Stadtregierung ausgehandelt haben, neue Häuser am gleichen Ort bekommen. Nicht auszuschließen ist, dass ein großer Teil des Landes wie in anderen chinesischen Städten zuvor für kommerzielle Unternehmen genutzt wird, deren Einnahmen nicht zwangsläufig in den Geldbeuteln der früheren Anwohner landen. Für viele Bewohner bringt der Verlust ihrer gewohnten Umgebung vor allem ökonomische Fragen und Probleme mit sich. Die meisten hängen von dem ab, was sie mit ihren Händen herstellen und bisher in den kleinen Läden der Altstadt an ihre Nachbarn verkaufen konnten.

Abriss vermutlich politisch motiviert

In der offiziellen Begründung heißt es, dass die Altstadt von Kaschgar in einer Erdbebenregion liege und die alten Häuser einem schweren Beben nicht standhalten könnten. Der Grund erscheint aber auch vielen Uiguren unglaubwürdig. Schließlich hätten die Häuser schon seit Jahrhunderten vielen Erdbeben getrotzt. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass der Abrissplan vor allem politisch motiviert ist. Er kommt zu einer Zeit, in der die Regierung die Kontrolle über die uigurische Bevölkerung, ihre Moscheen und Koranschulen noch einmal erhöht hat. Diese Kontrolle dürfte in den übersichtlichen Apartmenthäusern des neuen Kaschgar leichter fallen als im verwirrenden Labyrinth der Altstadt.

Wo ihre Häuser standen - nur noch Staub und Trümmer

Wo ihre Häuser standen - nur noch Staub und Trümmer

Seit Jahren kämpft Peking mit teilweise harten Mitteln gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der Uiguren und die „drei Übel“ Separatismus, Terrorismus und Extremismus. Viele Uiguren fühlen sich durch chinesische Siedler bedrängt und empfinden die Vormacht Pekings als Fremdherrschaft. Einige von ihnen wollen die für kurze Zeit existierende frühere Republik Ost-Turkestan wiederherstellen. In Kaschgar mit seiner Lage nicht fern von Pakistan und Afghanistan, seiner reichhaltigen islamischen Geschichte und seiner Rolle als kulturelles Zentrum sieht die Regierung den Brutkasten für diese Bewegung. In diesem Jahr wollen die Behörden hier schon sieben „Terror-Zellen“ ausgehoben haben, wie die staatliche Presse Anfang des Monats berichtete. Details wurden allerdings nicht genannt.

Terrorvorwürfe als Vorwand

Nach Ansicht von Menschenrechtsgruppen benutzt die Regierung die Terrorvorwürfe als Vorwand, um auch gegen friedliche Unabhängigkeitskräfte vorzugehen. Im April hat sie offenbar eine weitere, hundert Tage andauernde Kampagne gestartet (Parole: „hart zuschlagen“). Die Regierung ist nervös, im Oktober will sie den 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik groß feiern. Sie befürchtet Anschläge und Unruhen. In den vergangenen Wochen habe sie ihr Vorgehen gegen die Uiguren deshalb noch einmal verschärft, berichtete die UAA. Im April seien in Kaschgar 90 Uiguren festgenommen worden, einige wegen „illegaler religiöser Aktivitäten“. Die Sicherheitskräfte wurden mobilisiert und Videokameras installiert.

Im Staub: Noch nach dem Abriss ist die alte Pracht zu erkennen

Im Staub: Noch nach dem Abriss ist die alte Pracht zu erkennen

Die meisten Uiguren in Kaschgar wollen sich auf der Straße nicht zu den Vorgängen äußern. Sie fürchten, dass Spione zuhören können. Öffentlich wird die Regierung in Kaschgar deshalb kaum kritisiert. Im Gegenteil: Ungefragt teilen einige Anwohner mit, wie glücklich sie seien, endlich in moderne Häuser ziehen zu dürfen. Doch im privaten Gespräch werden Zweifel und auch harte Kritik laut. Es sei ein großer Verlust für die uigurische Kultur, sagen viele. Auch befürchten einige, dass sie nicht ausreichend entschädigt werden. Eine alte Frau klagt, dass die Regierung ihrer Familie 400 Yuan pro Quadratmeter geboten habe. Allein eine Ladung mit Ziegelsteinen koste aber schon 350 Yuan.

Höherer Lebensstandard?

„Ich will nicht gehen“, sagt ein alter Uigure, der einst Händler war und sich nun in einem großen Haus mitten in der Altstadt zur Ruhe gesetzt hat. Er habe zuviel Geld in den Bau seines Hauses gesteckt, um es nun einfach abreißen zu lassen. Im Schneidersitz sitzt der Alte auf einem Perserteppich in seinem Gästezimmer. Zwölf Familienmitglieder wohnen in den Zimmern um den offenen Innenhof, in dem die Mutter des Hauses gerade den Boden fegt. Bis zum ersten Juli hat die Familie Zeit, das Angebot der Regierung anzunehmen, sagt der Alte. Er soll ein neues Haus bekommen, doch der 70 Jahre alte Mann hält das für ein schlechtes Geschäft, weil er für die Innenausstattung des Neubaus selbst aufkommen muss. „Viele sind froh, weil ihre Häuser alt waren, aber meins ist doch noch neu“, sagt er.

Tatsächlich dürfte sich für viele Uiguren der Lebensstandard durch die Umsiedlung in die modernen Apartmenthäuser zunächst deutlich verbessern. Mehr als 850 bereits umgesiedelte Uiguren leben in einer Neubausiedlung mehrere Kilometer außerhalb des Stadtzentrums direkt neben einem Zementwerk. Die Gebäude leuchten hellorange und rot. Es gibt ein vernünftiges Abwassersystem. Im Innenhof ist frisches Grün angepflanzt worden und es gibt einen kleinen schattigen Markt, in dem ein Händler Obst und Gemüse verkauft. „Wir sind sehr glücklich hier“, sagt eine junge Frau. Doch augenscheinlich sind es hastig hochgezogene Bauten, in denen sämtliche Rohre außerhalb der Wände liegen. Einige Familien leben in unverputzten Wohnungen mit kahlen Betonfußböden. Ein junger Man berichtet, dass viele enttäuscht seien, weil die Lage ungünstig sei und die Wohnungen zu klein.

Schneller als der Fünf-Jahres-Plan

Das älteste der bereits abgerissenen Häuser soll vor 350 Jahren gebaut worden sein. Offenbar sind auch Moscheen und andere Kulturdenkmäler bedroht. Berichte, wonach die religiös bedeutende Xanliq Madrasar zerstört wurde, lassen sich jedoch nicht bestätigen. Mitte Juni standen zumindest noch Teile der früheren Koranschule, in der heute einige Familien leben. Abgerissen sei aber der umzäunte Hof, der zuletzt Teil der Grundschule Nummer eins war, berichtete ein Anwohner.

Der gesamte Plan soll in den kommenden fünf Jahren beendet werden, heißt es offiziell, inklusive Neubauten. Der schnelle Fortschritt der Arbeiten, die erst im Februar begonnen haben, hinterlässt aber den Eindruck, dass erhebliche Teile der Altstadt schon bald verschwunden sein werden. Von einer Seite aus gesehen scheinen die braunen Lehmbauten aber heute noch wie eine antike Festung in die Höhe zu ragen. Sie hebt sich von der Neustadt ab, die mit ihren Ladenzeilen und gekachelten Zweckbauten so wirkt wie jede mittelgroße Stadt in China. Eine der größten Statuen des „Großen Vorsitzenden“ Mao Tse-tung des Landes hält in der Innenstadt ihre schützende Hand über dieses neue Kaschgar. Der Altstadt hat die Statue den Rücken zugekehrt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Till Faehnders

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