Von Petra Kolonko, Peking
20. April 2008 Tausende von verärgerten Bürgern haben in mehreren Städten Chinas am Wochenende gegen einseitige“ Berichterstattung ausländischer Medien über China und gegen eine Unabhängigkeit Tibets demonstriert. Auch in verschiedenen europäischen und amerikanischen Städten gingen Chinesen auf die Straße, um gegen die nach ihrer Meinung falsche Berichterstattung zu protestieren und ihre Unterstützung für die Olympischen Spiele in Peking zu zeigen.
Die größte Demonstration in China wurde aus der Provinzhauptstadt Hefei gemeldet, wo etwa 10.000 Menschen vor einem Carrefour“-Supermarkt demonstrierten. Die Kette ist zum Angriffsziel geworden. In Peking gab es eine kleinere Demonstration vor der französischen Schule. Im Botschaftsviertel war die Polizeibewachung verstärkt worden. Die chinesische Regierung rief in offiziellen Verlautbarungen ihre Bürger auf, ihre gerechte Empörung“ und ihren Patriotismus auf rationale Weise zu zeigen.
Niemand darf sich einmischen
In einer Zeit, da die Interessen des Landes bedroht und dessen Ansehen in Frage gestellt werde, müsse jeder Chinese seinen Patriotismus zeigen, hieß es in einem Kommentar der Volkszeitung“ am Sonntag. Ohne die Protestaktionen wie den Boykottaufruf gegen Carrefour und die Demonstrationen direkt zu erwähnen, hieß es, ein großes Land sei nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig stark.
Deshalb müsse man sich angesichts von Druck und Schwierigkeiten rational verhalten. China sei dabei, sich selbst zu entwickeln. Das könne niemand aufhalten, niemand dürfe sich einmischen. Kommentatoren anderer Zeitungen wiesen darauf hin, dass ein Boykott von Carrefour im Zeitalter der Globalisierung nur den chinesischen Lieferanten und Angestellten schaden würde.
In China, wo unangemeldete Demonstrationen normalerweise schnell aufgelöst werden, ließen die Sicherheitskräfte in mehreren Provinzstädten die teilweise großen Menschenmengen unbehelligt. So gab es Demonstrationen in Hefei, Schanghai, Wuhan und Qingdao.
Boykottaufruf per SMS
Der Aufruf zum Boykott der Supermarktkette Carrefour wird seit einigen Tagen über Internet und SMS verbreitet. Zuvor war berichtet worden, der Hauptanteilseigner von Carrefour habe den Dalai Lama mit Spenden unterstützt. Diese Meldung wies das Unternehmen aber zurück. Carrefour werde nie etwas tun, was die Gefühle der Chinesen verletzen könne, hieß es in einer Stellungnahme. Carrefour ist in China sehr beliebt und in fast jeder Großstadt vertreten. Ursprünglich war im Internet zu einem Aktionstag gegen Carrefour für den 1. Mai aufgerufen worden.
Frankreich ist das bevorzugte Ziel nationalistischer Proteste, weil dort der olympische Fackellauf von pro-tibetischen Demonstranten gestört worden war. Empörung hatte vor allem hervorgerufen, dass Demonstranten in Paris versucht hatten, der gehbehinderten chinesischen Fackelträgerin Jin Jing, die im Rollstuhl die Fackel trug, diese zu entreißen.
Auch Deutschland in der Kritik
Groß verbreitet wurden von den chinesischen Medien auch die Äußerungen des CNN-Kommentators Cafferty, der die Chinesen als Bande von Gangstern“ und chinesische Produkte als Schrott“ bezeichnet hatte. Das chinesische Außenministerium verlangt eine Entschuldigung.
Auch Deutschland ist in der Kritik. Den deutschen Medien wird eine einseitige Berichterstattung über die Ereignisse in Tibet vorgeworfen. Kritisiert wird zudem, dass Bundeskanzlerin Merkel eine abermalige Begegnung mit dem Dalai Lama nicht ausschließt. Die Nachrichtenagentur Xinhua verbreitete einen Artikel, in dem es hieß, deutsche Nachrichtenmagazine verbreiteten nur negative Nachrichten über China.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
