16. September 2007 An den Kiosken in der griechischen Hauptstadt wird derzeit außer Zeitungen und Tabak auch eine Filmdokumentation verkauft: Konstantinos Karamanlis - der Mann, der Griechenland veränderte lautet der Titel. Gemeint ist allerdings nicht Griechenlands derzeitiger Regierungschef, der sich bei den Parlamentswahlen an diesem Sonntag an der Spitze der konservativen Volkspartei Nea Dimokratia um eine Wiederwahl bewirbt, sondern sein toter Onkel gleichen Namens.
Der hat Griechenland tatsächlich verändert. Im Jahr 1909 noch als Untertan des Sultans geboren, prägte der griechische Mazedonier die Politik seiner Heimat ein halbes Jahrhundert lang. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis Mitte der neunziger Jahre diente Karamanlis dem griechischen Staat auf diversen Ministerposten, als Regierungschef und zuletzt zwei Amtszeiten lang als Staatspräsident.
Die Karamanlis, Papandreous und Mitsotakis
Sein bleibendes Verdienst ist es, Griechenland im Westen verankert zu haben. Zum 1. Januar 1981 führte er das Land in die Europäische Gemeinschaft - gegen heftigen Widerstand von Oppositionsführer Papandreou. Allerdings muss auch hier wieder vor einer Verwechslung gewarnt werden: Nicht der heutige Oppositionsführer Georgios Papandreou agitierte gegen Griechenlands Westintegration, sondern dessen Vater Andreas, der neben Karamanlis dem Älteren eine weitere prägende Gestalt der griechischen Nachkriegsgeschichte war.
Abgesehen natürlich von George Papandreou, dem Vater von Andreas und dem Großvater von Georgios, der in den sechziger Jahren selbst Ministerpräsident war und außerdem ein Gegner von Konstantin Mitsotakis. Mitsotakis wiederum wurde, nachdem Karamanlis senior das Amt des Staatspräsidenten übernommen hatte, zunächst Außenminister und Anfang der neunziger Jahre Regierungschef Griechenlands. Er hat sich vor einigen Jahren aus der Politik zurückgezogen, doch hat seine Tochter, die ehemalige Athener Bürgermeisterin Dora Bakogiannis, das Außenministerium übernommen. Dass sie auch einmal Regierungschefin werden möchte, gilt als offenes Geheimnis.
Wie auch immer die Griechen wählen
Das klingt verwickelt, ist aber eigentlich einfach. Griechenlands Politik wird seit sechs Jahrzehnten von drei Familien bestimmt: den Karamanlis, den Papandreous und den Mitsotakis. Natürlich gab es zwischendurch immer wieder auch andere Politiker, aber für eine weitere Dynastie ist in diesem Dreierbund kein Platz. Griechenland ist eine Familienangelegenheit. Am Sonntag findet das verwandtschaftliche Duell nun in dritter Generation statt - und selbst das nicht zum ersten Mal.
Wie bei den Parlamentswahlen 2004 stehen sich Georgios Papandreou auf der einen sowie Konstantinos Karamanlis und Dora Bakogiannis auf der anderen Seite gegenüber. Vor dreieinhalb Jahren gelang es Karamanlis, die Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok), gegründet von Andreas Papandreou und heute geführt von dessen Sohn, nach mehr als zwanzig fast ununterbrochenen Jahren von den Fleischtöpfen zu verdrängen. So wie es aussieht, wird die von Karamanlis geführte Nea Dimokratia (gegründet von Karamanlis dem Älteren) auch 2007 wieder mehr Stimmen als die Pasok erhalten. Aber selbst wenn es nicht so kommen sollte - in den Grundfesten würde Griechenland nicht erschüttert. Denn wie auch immer die Griechen wählen, es bleibt in der Familie.
Nur über meine Leiche
Aber wer steht eigentlich für was in dieser südosteuropäischen Sippen-Saga? Um das zu verstehen, ist es hilfreich, einen Blick auf die Lebenswerke des Onkels des amtierenden Ministerpräsidenten sowie des Vaters des jetzigen Oppositionsführers zu werfen. Über Karamanlis d. Ä. erfahren wir in der eingangs erwähnten Dokumentation Erhellendes von Helmut Schmidt. Der habe nämlich, als er im Juni 1975 von der Bewerbung Griechenlands um Aufnahme in die EG hörte, gesagt: Nur über meine Leiche. So berichtet es jedenfalls der ehemalige griechische Außenminister Petros Molyviatis, der es von dem damaligen luxemburgischen Ministerpräsidenten Gaston Thorn gehört haben will, der wiederum zufällig gerade bei Schmidt im Büro gesessen haben soll, als dort die Neuigkeiten aus Athen eintrafen.
Wie dem auch sei: Es ist dem beständigen und zuverlässigen Karamanlis offenbar gelungen, Schmidts Zweifel zu beseitigen. Von griechischen Journalisten befragt, berichtet der ehemalige Kanzler in dem erwähnten Film, Karamanlis sei der einzige vertrauenswürdige griechische Politiker gewesen, den er in jenen Jahren getroffen habe: Man konnte sich auf sein Wort verlassen. Und das ist ja schon allerhand im Mittelmeerraum.
Populismus als Staatsdoktrin
Ähnliches ist auch im zweiten Teil von Schmidts Lebenserinnerungen zu lesen. Darin ist Schmidt voll des Lobes für sein damaliges griechisches Gegenüber: Karamanlis hatte mir in seiner Offenheit sehr gefallen, und ich hatte spontan Vertrauen gefasst in seine Ehrlichkeit, vor allem aber in seinen Willen zur Kontinuität. Er ist kein levantinischer Demagoge, sondern ein eher wortkarger, distanzierter Mann, ein überzeugter Demokrat, wenn auch vielleicht ein ,autoritärer Demokrat', wie das Magazin ,Time' einmal schrieb.
Diese Einschätzung wird heute von den meisten geteilt, und selbst die innenpolitischen Gegner des 1998 in Athen gestorbenen Karamanlis erkennen seine historische Leistung an. Die Feststellung, dass er kein levantinischer Demagoge gewesen sei, führt indes fast zwangsläufig auf die Spur von Andreas Papandreou, dem großen Antipoden von Karamanlis. Geboren 1919 auf Chios vor der Küste der Türkei, darf dieser Politiker für sich in Anspruch nehmen, der unberechenbarste und opportunistischste Politiker zu sein, den die Hellenen im 20. Jahrhundert hervorgebracht haben. Sein Populismus wurde oft kopiert und nie erreicht. Genauer gesagt: Er wurde institutionalisiert.
Unter Papandreou wurde der Populismus zur Staatsdoktrin - wer auf die Straße ging, war im Recht. Papandreou hatte in seiner Jugend mit dem Trotzkismus kokettiert und musste später in die Vereinigten Staaten flüchten, wo er in Harvard Wirtschaftswissenschaften studierte und dann auch lehrte. Er wurde sogar Amerikaner, legte die Staatsbürgerschaft später jedoch wieder ab, um in Griechenland eine politische Karriere machen zu können. Behilflich war ihm bei seinem Aufstieg, dass er sich rasch zum Wortführer des Antiamerikanismus in seinem Lande aufschwang.
Unberechenbar und störrisch
Einen Höhepunkt fand die für Andreas Papandreou charakteristische Politik vor den Parlamentswahlen 1981. Damals propagierte Papandreou den Austritt Griechenlands aus der EG - eben weil solche Parolen damals populär waren. Tatsächlich gewann Papandreous Pasok die Wahlen von 1981 und hielt sich dann mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Jahr 2004 an der Macht. Von einem Austritt aus der EG war natürlich nicht mehr die Rede, sobald Papandreou die Macht errungen hatte.
Dabei wäre das in mancher europäischen Hauptstadt vielleicht begrüßt worden, denn die Europäer wurden von nun an mit einem anderen Griechenland konfrontiert, als jenes es gewesen war, das Karamanlis geführt hatte. Unberechenbar und störrisch, war Papandreous Athen stets für böse Überraschungen gut - etwa durch die Drohung mit einem Veto gegen die Aufnahme Spaniens und Portugals in die EG, sollte Griechenland nicht mehr Finanzhilfen bekommen. Er benutzte marxistisches und pseudomarxistisches Vokabular, gab sich zugleich fast hemmungslos nationalistisch, dabei immer antiamerikanisch und teilweise antideutsch; jedenfalls erschien er sprunghaft und unberechenbar, so Schmidt.
Reformen sind unwahrscheinlich
Und heute? Der amtierende Papandreou, geboren 1952 in Minnesota, galt als guter Außenminister, der eine maßgebliche Rolle bei der griechisch-türkischen Entspannungspolitik spielte. Seit er Oppositionsführer ist und sich mit Innenpolitik beschäftigen muss, wirkt er aber unbeholfen. Seine erste Parlamentswahl als Chef der Pasok hat er verloren, und die zweite wird er wohl auch verlieren. Papandreou der Dritte müht sich zwar, die Regierung Karamanlis schlechtzureden, aber er überzeugt nicht genügend Wähler.
Karamanlis der Zweite hingegen steht im Falle eines Wahlsieges vor undankbaren Aufgaben. In der ersten Legislaturperiode hat der Ministerpräsident vor allem die Haushaltsmisere beseitigen müssen, die ihm die Vorgängerregierung hinterlassen hatte. In den kommenden Jahren muss er das marode Rentensystem des Landes reformieren. In Griechenland gibt es fast 200 Rentenkassen; die Taxifahrer, die Müllmänner, die Journalisten - alle haben ihre eigenen, und viele sind ineffizient. Ob Karamanlis den Mut zur Änderung hat und als Kostas der Reformer in die Geschichte Griechenlands eingehen wird, das bezweifeln aber auch manche seiner Wähler.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.09.2007, Nr. 37 / Seite 9
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z., picture-alliance / dpa, REUTERS