08. Mai 2006 Der frühere südafrikanische Vizepräsident Jacob Zuma ist am Montag nach einem der spektakulärsten Justizfälle in der Geschichte Südafrikas vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. In einer mehrstündigen Urteilsverkündung argumentierte Richter Willem van der Merwe, es gebe keine eindeutigen Beweise für die Schuld des populären Politikers.
Zuma war angeklagt, eine 31 Jahre alte Frau, die eine gute Bekannte seiner Familie ist, vergewaltigt zu haben, als sie in Zumas Johannesburger Residenz übernachtet hatte. Die Frau ist zudem die Tochter eines ehemaligen Befreiungskämpfers des African National Congress (ANC), der in der Zeit des Apartheidsregimes mit Zuma zusammen in Haft und anschließend im Exil gewesen war.
Erschreckende Einblicke in das Sexualverhalten
Zuma hatte den Geschlechtsverkehr nicht bestritten, ihn aber als einvernehmlich dargestellt. Dieser Darstellung schloß sich auch das Gericht an. Zumas Anwalt Kemp J. Kemp war es während des Prozesses gelungen, die Glaubwürdigkeit der Klägerin in Frage zu stellen, indem er beweisen konnte, daß sie in der Vergangenheit mehrfach Vergewaltigungsklagen angestrengt hatte, die nie zu einer Verurteilung geführt haben.
Jenseits der politischen Dimension dieses Prozesses, der von Zumas Anhängern als konstruierter Versuch gewertet worden war, den potentiellen Nachfolger von Präsident Mbeki zu verhindern, hatten die Verhandlungen auch erschreckende Einblicke in das Sexualverhalten südafrikanischer Männer gewährt. Zuma hatte nie bestritten, mit der HIV-positiven Klägerin ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, obwohl er von ihrer Krankheit wußte. Trotzdem blieb er dem Gericht den geforderten HIV-Test schuldig und sagte, er wisse, daß er nicht infiziert sei, weil ausgiebiges Duschen danach das Infektionsrisiko minimiere.
Zeugenschutzprogramm für die Klägerin
Selbst den sonst wortgewaltigen Aids-Aktivisten in Südafrika fehlten zunächst die Worte. Wie es aber generell um den Umgang mit dem Vorwurf der Vergewaltigung in der südafrikanischen Gesellschaft bestellt ist, zeigte der Fall Zuma exemplarisch: Die Klägerin wurde von Zumas Anhängern während des Verfahrens öffentlich nur als Hure bezeichnet; nach dem Ende des Prozesses wird sie im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms im Ausland in Sicherheit gebracht werden.
Den 64 Jahre alten Zuma erwartet voraussichtlich in der Mitte des Jahres ein zweiter Prozeß wegen Korruption. Zumas Finanzberater, der aus Durban stammende Geschäftsmann Shabir Shaik war Ende 2005 wegen Betrugs, Unterschlagung, Steuerhinterziehung und Korruption in erster Instanz zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Shaik hatte seine Beziehungen zu dem in notorischen Finanznöten steckenden Vizepräsidenten genutzt, um ein windiges Rüstungsgeschäft mit dem französischen Konzern Thomson (heute Thales) politisch abzusichern. Dafür soll Zuma 150.000 Euro erhalten haben.
Zutiefst korrupt
Obwohl er selbst nicht angeklagt war, war es im Shaik-Prozeß in erster Linie um den Vizepräsidenten gegangen. In seiner Urteilsverkündung hatte Richter Hillary Squires damals das Verhältnis des Angeklagten zu Zuma als zutiefst korrupt bezeichnet.
Obwohl Zuma nach Bekanntwerden der Korruptionsklage von Präsident Mbeki als Stellvertreter entlassen worden war, hatte er den Posten des stellvertretenden ANC-Präsidenten erst ruhen lassen, als er zusätzlich wegen Vergewaltigung angeklagt worden war. Seine Unterstützer, darunter der Dachverband der südafrikanischen Gewerkschaften, Cosatu, und der Jugendverband des ANC, hatten für den Fall eines Freispruches die Wiedereinsetzung Zumas in all seine Ämter gefordert, was allerdings unwahrscheinlich scheint. Vor dem Vergewaltigungsprozeß hatte sich der ebenso populäre wie populistische Zuma stets als Gegenstück zu dem unnahbaren Mbeki zu stilisieren versucht. Mbeki hatte immer bestritten, von den Anklagen gegen Zuma profitiert zu haben, um einen Politiker unmöglich zu machen, dem er seine eigene Nachfolge nicht zutraut.
Garant für die Zulu-Interessen
Zuma, ein Zulu, gilt unter seinen Anhängern als Garant für die Wahrnehmung der Interessen der Zulus in einem weitgehend von Angehörigen der Xhosa dominierten ANC. Zuma zählt zum harten Kern des ANC, jenen Frauen und Männern, die schon früh den Kampf gegen das Apartheidsregime aufnahmen und dafür im Gefängnis saßen. Zuma stammt aus einfachen Verhältnissen und lernte erst auf der Gefängnisinsel Robben Island, wo er eine zehnjährige Haftstrafe verbüßte, Lesen und Schreiben. Gleichwohl war er zuvor als einer der Mitbegründer des bewaffneten Armes des ANC, des Umkhonto we Sizwe, rasch zum Geheimdienstchef aufgestiegen.
Nach dem Ende der Apartheid war es wiederum Zuma, der mäßigend auf die verfeindeten politischen Lager der Zulu-Partei Inkatha Freedom Party KwaZulu-Natal und dem ANC einwirkte. Daß der ANC sich in der Provinz KwaZulu-Natal gegen die Inkatha-Partei durchsetzen konnte, wird allgemein Zumas Einfluß zugeschrieben. Politische Freunde wie Feinde beschreiben Jacob Zuma übereinstimmend als jovial, hilfsbereit und menschlich. Gleichzeitig pflegte er einen sehr teuren Lebensstil und muß für fünf frühere Ehefrauen und mehr als ein Dutzend Kinder aufkommen.
Text: tos./F.A.Z.
Bildmaterial: AP