Israel

Wer sind die Opfer, wer die Täter?

Von Jörg Bremer, Jerusalem

“Opfer der Tyrannei“: Jüdische Siedler auf einem Hausdach im Gaza-Streifen

"Opfer der Tyrannei": Jüdische Siedler auf einem Hausdach im Gaza-Streifen

19. August 2005 Am Wochenende ist der Abzug aus dem Gazastreifen offenbar schon Geschichte; gewiß nicht für die betroffenen Siedler, aber für die Presse. An diesem Samstag ruhen die Abzugsarbeiten. Die verbliebenen Siedler in vier Orten, etwa in der Siedlung Netzarim, können noch einmal Atem schöpfen.

Mit Netzarim begann die Abzugsdebatte: Der frühere Vorsitzende der Arbeitspartei Mitzna lehnte 2003 eine Koalition mit Wahlsieger Scharon ab, weil dieser nicht auf die Forderung eingehen wollte, wenigstens Netzarim zu räumen. Das wäre auch „flirrender Unsinn“ gewesen, sagte dieser Tage der stellvertretende israelische Ministerpräsident Olmert. Der Abzug aus einem Ort allein hätte Israel keine Erleichterung gebracht. Jetzt erst sieht sich Israel erleichtert.

„Wir haben keine Macht über die da oben

Von Jugendlichen mit Farbe attackiert: Israelische Soldaten

Von Jugendlichen mit Farbe attackiert: Israelische Soldaten

Schon bemühen sich die Protagonisten um ihren Platz in den israelischen Geschichtsbüchern. Brigadegeneral Gershon Hacohen mußte in den vergangenen Tagen Kfar Darom räumen lassen, unter anderem die Synagoge. Siedler hatten sie - wie ein Gefangenenlager - mit Stacheldraht abgeriegelt, und auf dem Dach standen Jugendliche und warfen Kanister mit Farben und Farblöser auf die Soldaten.

Diese Aktion sei „kriminell“ gewesen, sagte der israelische Ministerpräsident Scharon und schimpfte über eine „Gruppe von Barbaren“. Die Jugendlichen müßten verfolgt und bestraft werden. Die Rabbiner, ihre geistigen Führer, sahen derweilen vom Boden den Randalierern auf dem Dach zu, zuckten mit den Schultern als wollten sie sagen: „Wir haben keine Macht über die da oben.“

Lob an disziplinierte Soldaten

General Hacohen, kein Befürworter des Abzuges, lobte dagegen seine Soldaten, die ihre Disziplin nicht verloren und in mit Farbe verdreckten, stinkenden Uniformen in aller Ruhe ihren Auftrag erfüllt hätten. Hacohen erinnerte an die „Bindung des Isaak“, die bei Christen als „Opferung“ von Abrahams Sohn bekannt ist: Der Kern der Geschichte sei, daß der Vater dem Befehl Gottes gehorche, seinen Sohn zu opfern, Isaak am Ende aber dennoch nicht sterben müsse.

Hacohen zieht den Schluß: „Wäre Isaac tatsächlich geopfert worden, dann hätte nur einer die Geschichte erzählen können.“ Nun hänge es davon ab, welche Version der Geschichte des Abzugs im israelischen Bewußtsein haftenbleibe.

Nur vereinzelte Aktionen des Widerstands

Armee und Polizei weisen darauf hin, daß die Schreckensszenarien ausgeblieben seien. Die Siedler hätten immer wieder versucht, Uniformierte zum Widerstand zu bewegen. In den vergangenen zwei Tagen aber hätten nur zwei Soldaten die Seiten gewechselt. In der schwierigsten Operation seit dem Libanon-Krieg 1982 habe sich die Armee als militärischer Arm des demokratischen Staates bewährt. Armee und Polizei gingen gestärkt aus der Konfrontation hervor.

“Wir haben keine Macht über die da oben“

"Wir haben keine Macht über die da oben"

Die Siedler hätten es auch nicht geschafft, das Land ins Chaos zu treiben, schreibt die Zeitung „Haaretz“. Es habe „gerade einmal ein paar Störungen auf ein paar Kreuzungen“ gegeben. Der Staat gehe als Sieger aus dem Konflikt hervor. Der Widerstand gegen die Zwangsräumung sei von Anfang an keine Massenbewegung gewesen, es habe sich um vereinzelte Aktionen gehandelt, heißt es in der Zeitung.

Siedler sehen sich als Opfer

Die Siedler sehen das anders. Sie seien „eine Gemeinschaft des Leidens“ und „Opfer der Tyrannei“ geworden, sagt einer von ihnen. Nach Siedler-Führer Rabbi Kaminetzky gehe die „orangene Revolution“ weiter. Die „schlechte Tyrannen-Regierung wird nun von Israel aus zum Sturz gebracht werden müssen, um wieder Gerechtigkeit herzustellen“. Ob es nicht falsch von ihm gewesen sei, von einem möglichen Wunder zu predigen, das den Abzug verhindern werde? „Hier geschieht ein göttlicher Zug, den ich nicht verstehe. Man erlebt Dinge, die nicht erklärt werden können“, sagt der Geistliche.

Manche Siedler wollten freilich eine klare Botschaft loswerden: Ein alter Mann wies nach einem Zeitungsbericht Tochter und Enkelsohn an, mit erhobenen Händen zum Bus für den Abzug zu gehen. Sie trugen einen orangen Judenstern auf der Brust. Sie gingen nebeneinander wie die zwei Schoah-Opfer auf dem berühmten Foto, das während des Aufstandes im Warschauer Ghetto gemacht wurde.

Soldaten müssen sich beschimpfen lassen

Damit werde das Gedenken an die Schoah geschmäht, heißt es in den Zeitungen. Empörend seien auch die Vergleiche Scharons mit Hitler. Scharon habe die Juden von Gaza nicht in den Tod nach Auschwitz geschickt, er hole sie vielmehr nach Israel zurück. Die Soldaten, die sich ungerührt als „Judenrat“ oder „Gestapo“ beschimpfen ließen, seien zu bewundern, schreibt die Zeitung „Yediot Ahronot“. Ganz Israel gehe gestärkt aus dem Abzug hervor, schreibt der Kolumnist Ari Shavit.

Eine belastende Phase des messianischen Kolonialismus gehe endlich zu Ende: „ein grundloses Siedlungsprojekt eines Mutterstaates, das einer ärmeren Bevölkerungsgruppe besetztes Land gibt. Ein in sich geschlossenes örtliches Regime, das einer kolonialistischen Landwirtschaft frönt, getragen von billigem Land, billigem Wasser und billigen Arbeitskräften.“ Und schlimmer noch: Diese Kolonialisten gäben sich zudem auch noch als messianisch. „Hier sind sie nicht nur die Herren gewesen, weil sie militärisch, politisch und wirtschaftlich stärker waren, sondern weil sie sich auch noch religiös erhaben vorkamen“, meint Shavit.

Abzug nicht mit „Masada“ zu vergleichen

In einem anderen Beitrag wird den Siedlern vorgeworfen, sie stellten sich nicht einmal ihren eigenen Fehlern: „Mit dem Soldaten, der Anfang August vier Araber tötete, um den Abzug zu verhindern, oder dem Siedler, der in dieser Woche seine palästinensischen Mitfahrer erschoß, wollen diese Herrschaften nichts zu tun gehabt haben.“

Der Abzug aus Gaza sei kein „Masada“ gewesen, resümiert Alex Fishman in „Yediot Ahronot“ und erinnert dabei an die historisch freilich fragwürdige Geschichte der letzten von den Römern belagerten Zeloten auf der Festung am Toten Meer, die statt Sklaverei den Selbstmord gewählt haben sollen. Dieser Abzug sei geprägt gewesen von hysterischen Jungs und Mädchen. „Da bleiben keine Symbole übrig, nichts für das kollektive Gedächtnis.“

Text: F.A.Z., 20.08.2005, Nr. 193 / Seite 5
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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