Von Andrea Schneider
09. November 2004 In Amsterdam drückt ein grauer Morgenhimmel heute schwerer als sonst auf die Schultern der Menschen.
Wer in der Straßenbahn die Zeitung liest, der vertieft sich auch jetzt, Tage danach, meist in die Artikel über den Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh. Noch immer machen die Absperrung, die Polizei, die meterlangen Blumenreihen, Kerzen, Briefe und Dutzende Menschen den Tatort in der Linnaeusstraat unübersehbar.
Referenz mit Heineken-Bierdosen und Zigaretten
"Lieber Theo, ruhe sanft", steht auf einem Zettel, daneben liegt eine Collage mit Aufklebern vom "König der Löwen", ein Stückchen weiter ein Riesenteddy. Zwei Schüler unterschrieben ihren Brief mit ihren Vornamen und dem Zusatz "Türke" oder "Marokkaner".
Van Goghs Produzent Gijs van de Westelaken amüsiert sich über die Blumen und Kerzen: "Theo hätte gelacht, das war wirklich nicht sein Ding." Darum haben manche ihre Reverenz auch lieber mit Heineken-Bierdosen erwiesen, ihn in Briefen auch "unausstehlich" genannt oder Zigaretten für Theo hingestreut, die der Regen weichgewaschen hat.
Das Land steht immer noch unter Schock
Die Amsterdamer, die Niederländer sind von diesem Mord in ihrem sonst so unaufgeregten Land tief schockiert. Die Warnung vor der "islamistischen Gefahr" ist immer lauter zu hören, während muslimische Organisationen sich beeilen, den Anschlag zu verurteilen und Friedfertigkeit zu demonstrieren.
Doch schon ziehen die Rechtsextremen auf die Straße, schon werden Brandanschläge auf Moscheen im Lande verübt, wird ein Versammlungshaus marokkanischer Organisationen in Amsterdam mit Farbe beschmiert, explodierte in der Nacht auf Montag sogar ein Sprengsatz an einer Islamschule in der Stadt Eindhoven.
Van Goghs Gefährten müssen sich verstecken
Die rechtsliberale Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali, mit der Van Gogh jenen islamkritischen Film "Submission" drehte, der die Gemüter der Muslime so erhitzte, mußte unmittelbar nach dem Mord untertauchen. Wieder gab es Todesdrohungen gegen sie, doch diesmal mit einem Messer festgesteckt in Van Goghs totem Körper.
Auch Hirsi Alis ehemaliger Fraktionskollege Geert Wilders, der seit September unter anderem wegen seiner Ablehnung eines EU-Beitritts der Türkei als Unabhängiger im Parlament sitzt und für deutliche Kritik an Muslimen bekannt ist, wird bedroht.
Scheinbar friedliches Mulit-Kulti-Leben auf der Straße
Nicht weit vom Tatort bietet ein kleiner Laden auf dem Weg zur Amstel "holländische belegte Brote" an und Döner Kebab. Auch griechische und asiatische Geschäfte, eine alte Seilerei, das alles reiht sich Haus an Haus. Aus der Al-Kabir-Moschee, auf die nur ein arabischer Schriftzug hinweist und die sich hinter einer schlichten Fassade verbirgt, strömen nach dem Gebet Dutzende von Männern, manche in der Dschellaba, andere in Jogginghose, die meisten in Straßenkleidung.
Allochthone und Autochthone
Viele Europäer bewundern die Niederlande für ihren Umgang mit Ausländern und ihren Nachkommen, die sie hier vorsichtig "Allochthone" nennen, in "westlich" und "nichtwestlich" unterteilt, während die Niederländer die "Autochthonen" sind. Lange Jahre waren die Niederlande eines der begehrtesten Ziele für Asylsuchende, doch die Regierung hat in jüngster Zeit die Gesetze immer weiter verschärft.
Den Haag steckte viel Geld in die Förderung ethnischer Minderheiten und deren Kulturen: Die staatlich subventionierte Wahrung der eigenen kulturellen Identität im fremden Land sollte den Neuankömmlingen einen guten Start garantieren. Doch monieren Kritiker nicht erst seit gestern, hinter der Toleranzfassade sei das Miteinander so harmonisch nicht - und vielleicht auch nie gewesen.
Toleranz war ein dicker Teppich, unter den alles gekehrt wird
Toleranz, sagt Van Goghs Produzent Van de Westelaken, das sei in Amsterdam und im ganzen Land "so eine Art dicker Teppich, unter den alles gekehrt wird". Das Motto laute: "Wenn wir nicht darüber reden, dann geht es vielleicht von selbst wieder weg."
Anderswo würden mehr Debatten geführt, da könne so etwas wie radikal-islamischer Fundamentalismus gar nicht unbemerkt vor sich hin gären. Aber hier? Van de Westelaken erwähnt jene Amsterdamer Moschee, in der nach dem 11. September der Dschihad propagiert worden sein soll. Da müsse etwas geschehen, habe es zunächst geheißen. Bis heute aber sei dort alles beim alten.
War die Liberalität es nicht vielmehr Gleichgültigkeit?
Der niederländische Soziologe Ruud Koopmans hat die Integrationspolitik in seinem Land bereits vor Jahren als "verfehlt" bezeichnet. Hinter dem Schlagwort Toleranz verberge sich oft nur Gleichgültigkeit.
Auch Koopmans kritisiert eine Mentalität des Hinwegsehens über offensichtliche Probleme. Sogar im Vergleich zu Deutschland, das alles andere als eine fortschrittliche Integrationspolitik verfolge, schneide das Nachbarland schlechter ab.
Pim Fortuyn traf die Stimmung
Tatsächlich rumorte es schon seit Jahren unter der Multikulti-Kuscheldecke. Offenbar wurde das spätestens im Parlamentswahlkampf von 2002, der erst von den islamfeindlichen Äußerungen Pim Fortuyns und dann von dessen Ermordung bestimmt wurde. Fortuyn hatte stimmungssicher die Kritik überzeichnet, die schon seit den neunziger Jahren an der Minderheitenpolitik geübt worden war.
Vor Fortuyn war diese Kritik durch Politiker wie den damaligen rechtsliberalen Fraktionsvorsitzenden Frits Bolkestein allerdings in der Öffentlichkeit auf Widerstand gestoßen. Der schillernde Soziologe Fortuyn dagegen bekam großen Zulauf dafür, daß er Tabus brach und beispielsweise einen Einreisestopp für Muslime forderte.
Soziale Probleme bei den Einwanderern
Rund 900 000 der etwa 16 Millionen Menschen in den Niederlanden sind muslimischen Glaubens, etwa zwei Drittel von ihnen türkischer und marokkanischer Herkunft. Beide Minderheiten gelten als weniger integriert als andere ebenfalls große Einwanderergruppen wie etwa jene aus der ehemaligen niederländischen Kolonie Surinam.
Noch Ende der neunziger Jahre lag die Schulabbrecherquote in beiden Gruppen bei über 30 Prozent, die Arbeitslosenquote ist hoch, gemeinsam mit jungen Leuten von den Antillen geraten jugendliche Marokkaner immer wieder in die Schlagzeilen wegen Kriminalität.
Traditionelle gesellschaftliche Vorstellungen
Marokkaner und Türken haben nach Untersuchungen des Sozialen und Kulturellen Planungsbüros (SCP) besonders traditionelle gesellschaftliche Vorstellungen, ihre Kontakte suchen sie vor allem unter ihren Landsleuten - auch, wenn es ums Heiraten geht.
Merove Gijsberts, Forscherin am SCP, sagt, gerade eine Reihe von Marokkanern habe sich nach dem 11. September 2001 - auch wegen häufiger Anfeindungen - noch stärker als früher auf die eigenen Landsleute besonnen.
Heiraten darf nur noch, wer 1300 Euro im Monat verdient
Die Politik reagierte auf die Debatte nach dem "11. September", auf Fortuyn und auf die nicht mehr zu leugnenden Probleme mit einer restriktiveren Immigrations- und Integrationspolitik. Jüngstes Beispiel: Strengere Regeln, die das - vor allem bei Türken und Marokkanern gängige - Nachholen von Partnern aus der Heimat erschweren, sind seit Anfang des Monats in Kraft.
Von nun an müssen beide Partner statt wie bisher 18 mindestens 21 Jahre alt sein, außerdem muß der Partner in den Niederlanden über ein Einkommen von über 1300 Euro verfügen.
Die symbolische Politik hat wenig geholfen
"Die Niederlande haben lange eine symbolische Politik gemacht - die sah auch wirklich gut aus", sagt Maria Berger von der Freien Universität Amsterdam, die sich mit Integrationsfragen befaßt. "Es gab Islamschulen, viele Investitionen in den Erhalt der Kulturen und Sprachen - nur hat es relativ wenig geholfen."
Statt dessen sei die Ethnizität zementiert worden. Langfristig führe diese starke Betonung der eigenen Herkunft zu Problemen, etwa beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Im Land gebe es nach dem Mord eine eigenartige Ruhe, vielleicht "die Ruhe vor dem Sturm", sagt die Forscherin.
Der Mörder Fortuyns war ein verrückter Tierschützer
Schon als Pim Fortuyn am 6. Mai 2002 ermordet wurde, hatten viele einen islamischen Extremisten hinter der Tat vermutet. Erleichterung machte sich damals breit, als statt dessen ein militanter Tierschützer der Tat überführt wurde. Nun aber hat ein radikalisierter Muslim gemordet, und die Ratlosigkeit ist allgegenwärtig.
Die Muslime reden mit zwei Zungen
Eine resolute Frau aus der Nachbarschaft des Mordschauplatzes zürnt, die Marokkaner redeten doch alle mit zwei Zungen: "Nach außen hin wissen die genau, was sie sagen müssen, und geben sich friedlich, aber daheim, da sprechen sie dann ganz anders."
Ein marokkanischer Schüler sagt, manchmal habe er Van Gogh im Fernsehen gesehen. "Er fand, daß Muslime schlecht sind", sagt der Vierzehnjährige schlicht. "Die Leute sagen, was er in seinen Filmen zeigte, war das, was er über uns Muslime denkt - und darüber waren wir nicht besonders glücklich." Jetzt seien die "weißen Leute" überzeugt, daß alle Muslime den Mord gut fänden.
Sie sehen mich an, als sei ich ein Mörder
"Und manchmal sehen sie mich an, als sei ich der Mörder." Auch Halim El Madkouri vom Institut für multikulturelle Entwicklung sieht die Muslime in großer Furcht: "Einerseits vor den Autochthonen und deren Vorurteilen und Ablehnung, andererseits vor Repressalien fundamentalistischer gegen moderate Muslime."
"Dieses Land hat schon lange keine Richtung mehr", sagt Van Goghs Filmproduzent Van de Westelaken. "Das Klima ist jetzt perfekt für einen Populisten von rechts", raunt er. In seiner Produktionsfirma Column Producties, zu der Van Gogh am Tag des Mordes unterwegs war, um weiter an seinem Pim-Fortuyn-Film "0605" zu arbeiten, ist ein wenig Alltag zurückgekehrt. Telefone klingeln, ein Fernseher läuft. Aber manchmal, wenn in den Nachrichten das Foto Van Goghs eingeblendet wird, schauen die Mitarbeiter auf und werden still.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2004, Nr. 262 / Seite 3
Bildmaterial: dpa/dpaweb