Sudan

Bashir wird noch gebraucht

Von Thomas Scheen

Bashir: “Kampagne gegen den Islam“

Bashir: "Kampagne gegen den Islam"

25. Juli 2004 An starken Worten fehlt es im Umgang mit der Flüchtlingskatastrophe in Darfur nicht. Das jüngste Beispiel bot der amerikanische Kongreß, der die massenhafte Vertreibung von Schwarzafrikanern in Westsudan als "Genozid" bezeichnete, obwohl sich UN-Generalsekretär Kofi Annan wohlweislich versagt, dieses fatale Wort zu gebrauchen. Zur Logik des verbalen Drucks paßte auch die zunächst gestreute, dann dementierte und schließlich unter massiver Verwendung des Konjunktivs am Leben erhaltene Meldung aus Großbritannien, man bereite die mögliche Entsendung einer Brigade mit fünftausend Soldaten vor.

Der sudanesische Außenminister reagierte planmäßig: Er prophezeite den Interventionstruppen einen ähnlich "herzlichen" Empfang wie den Amerikanern im Irak. Und Präsident Bashir sagte, der Druck des Auslands auf Sudan richte sich gegen den Islam - ganz so, als seien die aus Darfur vertriebenen Schwarzafrikaner keine Muslime. Dabei war die Anspielung beider Politiker auf den Irak ein unfreiwilliges Eingeständnis der blanken Angst vor einem militärischen Eingreifen, die sich seit dem Sturz des Raïs und seines schmählichen Wiederauftauchens aus einem Erdloch aller despotischen Regime im arabischen Raum bemächtigt hat.

Dauer und Resultat des Einsatzes

Seit dem Irak-Krieg ist alles anders. So ungewiß der Ausgang des amerikanischen Versuches auch ist, den Irak politisch neu zu erfinden, den Akteuren totalitärer Regime ist wohl seither klargeworden, daß es ihnen buchstäblich persönlich an den Kragen gehen kann. Nicht wenige in Sudan, darunter der bekannte Menschenrechtsaktivist und Anwalt Ghazi Suleiman, preisen die Amerikaner für diese Politik. Was Suleiman, der sich als "arabischer Nationalist" bezeichnet, übrigens nicht daran hindert, die Vereinigten Staaten für die Bombardierung der vermeintlichen Giftgasfabrik nahe Khartum 1998 zu verklagen.

Dennoch sind Drohungen nur dann sinnvoll, wenn der Wille, sie in die Tat umzusetzen, tatsächlich vorhanden ist. Daran aber darf man zweifeln, wenn von fünftausend Soldaten zur Sicherung einer Region von der Größe Frankreichs die Rede ist. Zur Erinnerung: Als die europäische Eingreiftruppe Artémis im vergangenen Jahr in der ostkongolesischen Region Ituri eingriff, weil die Kindersoldaten der unterschiedlichen Totschlägerbanden den Blauhelmsoldaten aus Uruguay auf der Nase herumtanzten, waren knapp tausend Soldaten aus Frankreich, Großbritannien, Schweden und Belgien erforderlich, um ein Gebiet von einhundert Quadratkilometern um die Regionalstadt Bunia zu sichern. Wie viele wären da für Darfur nötig?

Zudem stellt sich die Frage nach der Dauer und dem angestrebten Resultat eines solchen Einsatzes - und damit wieder die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Drohungen. Die in Darfur tätigen Rebellen der Sudan Liberation Army zeigen jedem Journalisten gerne Dokumente aus den achtziger Jahren, in denen Khartum bereits eine "Umverteilung" Darfurs nach der Vertreibung der Schwarzafrikaner skizziert. Insofern ist Khartums Politik der verbrannten Erde in Darfur eine langfristige, und genauso langatmig müßte das militärische Engagement dort sein, dessen Ergebnis logischerweise der Sturz der jetzigen Regierung in Khartum wäre. Will das jemand ernsthaft?

„Tanz mit dem Teufel“

Es ist ein offenes Geheimnis, daß vor allem die Amerikaner den sudanesischen Präsidenten Bashir zwar nicht ins Herz geschlossen haben, ihn aber dennoch für gegenwärtig "unverzichtbar" halten. Der Hintergrund für diese Einschätzung ist der brüchige Frieden mit dem Süden Sudans. Omar al Bashir hatte Kontakten zu den Rebellen im Süden zugestimmt, er traf sich mit Rebellenführer John Garang, er schaffte es, den Islamistenführer Hassan al Turabi kaltzustellen, er knüpfte neue Bande sowohl zu Ägypten als auch zu Äthiopien.

"Wir tanzen mit dem Teufel", soll ein amerikanischer Diplomat die jahrelangen Bemühungen der Vereinigten Staaten beschrieben haben, Nord und Süd an einen Verhandlungstisch zu bringen. Der Preis scheint alle Mühen wert zu sein: ein Ende des brutalsten und längsten Bürgerkrieges Afrikas, neue Ölkonzessionen und nicht zuletzt die Kontrolle über den strategisch wichtigen Nil und damit ein potentielles Druckmittel gegen Ägypten, sollte dieses Land nach Mubaraks Tod in den Fundamentalismus abgleiten. Anders als Saddam wird Bashir noch gebraucht, und leider weiß er das.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2004, Nr. 171 / Seite 10
Bildmaterial: EPA

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