Von Michael Ludwig, Wolgograd
22. April 2005 Wozu Stalin Denkmäler errichten? Der Diktator habe doch wahrlich Denkmäler in ausreichender Zahl hinterlassen. Millionen tote Sowjetbürger, in Massengräbern verscharrt, seien schließlich unvergessen.
Ganz Kolyma (im Fernen Osten) könne als Denkmal für die Taten des großen Stalin dienen, der in Wahrheit ein verbrecherischer Paranoiker gewesen sei und den nur der Sieg der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg gegen Hitlerdeutschland vor einer Art Nürnberger Prozeß bewahrt habe. Denn ein solcher Prozeß hätte Stalin unzweifelhaft gebührt.
60. Jahrestag der Kapitulation
Könne man ernsthaft Denkmäler für einen wollen, der dreizehn Jahre alte Kinder erschießen ließ? Das war der Kontrapunkt, den der russische Regisseur Mark Rosowskij in einer gespenstisch anmutenden Debatte setzte, die derzeit wieder einmal in Rußland geführt wird und Stalin zum Thema hat.
Der Anlaß ist der 60. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, den einige Kräfte in Rußland zur Rehabilitierung des roten Diktators nutzen wollen, indem sie vor allem Stalins Taten als Feldherr im Zweiten Weltkrieg herausstellen und an die Macht und weltweite Geltung der Sowjetunion erinnern, die unter Stalin einen Höhepunkt erreicht hatte.
Rehabilitierung Stalins?
Rosowskij kam mit seiner Kritik an den Stalinfreunden in einem Fernsehduell zu Wort, das der Sender NTW dieser Tage veranstaltete. Der Gegner Rosowskijs war ein Politiker aus der Partei des Ultranationalisten Wladimir Schirinowskij, der Abgeordnete Aleksej Mitrofanow.
Mitrofanow, der Stalins Verdienste pries, verlor das Duell in den Augen der Fernsehzuschauer, die in einer Blitzumfrage abstimmten, und nach dem Urteil einer Jury, die ausnahmslos aus jüngeren Personen bestand.
Die Klientel von NTW, einem Sender, der dem staatlichen Erdgasmonopolisten Gasprom gehört, ist allerdings nicht typisch. Sie verkörpert nur die gebildete Schicht der russischen Gesellschaft. In mancher Provinzstadt, etwa Orjol, wo dieser Tage die Aufstellung eines Stalindenkmals und die Rehabilitierung Stalins gefordert wurden, werden offenbar andere Meinungen vertreten.
Abrechnung mit Stalin
Es sind aber keineswegs nur die autoritätsgläubigen Nationalisten vom Schlage der Schirinowskij-Anhänger, die ihr politisches Süppchen kochen wollen, wenn demnächst der 60. Jahrestag des sowjetischen Sieges gefeiert wird.
Der Chef der Kommunistischen Partei der Rußländischen Föderation (KPRF), Gennadij Sjuganow, meinte am Wochenende, die Forderung vieler Genossen, endlich die Beschlüsse des 20. Parteitags der KPdSU (im Jahr 1956) über Stalins Persönlichkeitskult zu korrigieren und Stalin selbst zu rehabilitieren, sei nicht notwendig.
Stalin brauche gar nicht rehabilitiert zu werden. Seine Verdienste unterlägen ohnehin keinem Zweifel. Nikita Chruschtschow hatte beim 20. Parteitag in einer Geheimrede mit Stalin abgerechnet und das sowjetische Tauwetter eingeleitet.
Sjuganow fordert neue Sowjetunion
Stalins Bedeutung für den Sieg über Hitlerdeutschland müsse wieder hervorgehoben werden, meinte dagegen Sjuganow. Wolgograd - dort war im Winter 1943 eine Schlacht zugunsten der Sowjets entschieden worden, was von vielen als der Wendepunkt des Krieges im Osten bewertet wird - müsse wieder seinen ursprünglichen Namen Stalingrad erhalten.
Der Verweis auf vergangene sowjetische Größe unter Stalin diente Sjuganow überdies dazu, eine neue Sowjetunion zu fordern und den Bruderparteien aus den GUS-Staaten, den ehemaligen Sowjetrepubliken, einen entschiedenen Kampf gegen samtene Revolutionen wie in der Ukraine zu empfehlen.
Künstler gegen Denkmäler Stalins
Gerade dort aber, wo Stalin, wie in der Ukraine, Millionen Todesopfer auf dem Gewissen hat, dürfte man nicht an dieser Art lichter Zukunft interessiert sein. Ganz zu schweigen davon, daß die Forderung nach einem Wiederaufbau der Sowjetunion jeden Ansatz für eine vernünftige Politik des Kreml im postsowjetischen Raum unterlaufen dürfte.
Russische Künstler haben sich unterdessen in einem offenen Brief an Präsident Putin dagegen gewendet, Stalin Denkmäler zu errichten. Auch sie warfen dem Diktator Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor und daß er durch die Säuberungen am Vorabend des Krieges die Sowjetunion geschwächt habe, weshalb der Sieg schließlich unter viel größeren Opfern habe erkauft werden müssen, als bei einer klugen Politik notwendig gewesen wären.
Für Stalin und die Heimat
Kriegsveteranen in Wolgograd stand der Ärger über das Fernsehduell im NTW, das gegen Stalin entschieden wurde, noch am nächsten Tag ins Gesicht geschrieben.
Einer der sowjetischen Helden von Stalingrad, der fast 82 Jahre alte Suren Mirsojan, ein Armenier, der als Unteroffizier der sowjetischen Luftlandetruppen auf dem berühmt-berüchtigten Mamajhügel gegen die Deutschen kämpfte, wetterte in seiner Tarnuniform der Fallschirmjäger von heute gegen alle, die seiner Ansicht nach Stalins Andenken beschmutzen wollen.
Natürlich müsse Wolgograd wieder Stalingrad heißen, und wer könne gegen ein Denkmal für den Mann etwas haben, der uns verteidigt hat, uns geführt hat, sagt Mirsojan. Der Ukrainer Vasilij Drigo, ebenfalls ein Kriegsveteran, hatte in seiner Moskauer Einzimmerwohnung schon zuvor ebenfalls keinen Hehl aus der Verehrung für die Verdienste Stalins gemacht. Stalin auf den Lippen, seien die Rotarmisten in den Kampf gezogen, für Stalin und die Heimat hätten sie beim Angriff gerufen.
Entrüstung über Nestbeschmutzer
Wenn diese Veteranen hätten vernehmen können, was der Direktor des Wolgograder Museums Schlacht um Stalingrad, Boris Usik, dazu meinte, wären sie wahrscheinlich noch entrüsteter gewesen. Fahren Sie aufs Land, hatte Usik dem Besucher geraten, fragen Sie bei den überlebenden Soldaten nach.
Denen seien Losungen in diesem Massensterben gleichgültig gewesen. Nach der Mutter hätten viele gerufen und geflucht, anstatt Stalin anzubeten, wie es der Stalinkult später behauptete.
Was den beiden Veteran außer ihrer Entrüstung über Nestbeschmutzer noch gemeinsam ist, ist auch das Leugnen, daß Stalin durch Terror und Versäumnisse Schuld auf sich geladen habe. Sie glauben, daß man ihnen ihren Sieg stehlen wolle, indem man Stalins Andenken schände, sehen die Kritik an Stalin als Abwertung ihrer persönlichen Tapferkeit.
Wenn alles nichts mehr gegen Tatsachen hilft, dann argumentieren die Stalinfreunde mit der Legende vom guten Zaren Stalin, der von den Verbrechen nichts gewußt oder sie habe abstellen lassen, nachdem er davon erfahren habe.
Stalin, Roosevelt und Churchill
Ein Stalindenkmal wird nun trotz der Proteste sicherlich doch in Wolgograd aufgestellt, allerdings eines, das diesen zusammen mit Roosevelt und Churchill zeigt: drei ältere Herren, die Geschichte gemacht haben. Es zeigt sie in einer Pause der Konferenz von Jalta, auf einer Bank vor dem Palast von Liwadija bei Jalta.
Der georgische Bildhauer Surab Zereteli hatte sein zehn Tonnen schweres Werk wie Sauerbier angeboten. In Jalta auf der Krim, die seit Chruschtschow zur Ukraine gehört, kam Zereteli mit seiner Plastik nicht zum Zuge, in Moskau ebenfalls nicht. Nun wird das Denkmal als Ausstellungsstück des Museums der Schlacht um Stalingrad in Wolgograd Einzug halten.
Die Entscheidung, meinte Direktor Usik, sei von der politischen Führung der Region und der Stadt getroffen worden. Aber das Denkmal wird nicht an einem exponierten Platz stehen und auch nicht im Museum selbst, sondern nur in dessen Nähe.
Text: F.A.Z., 21.04.2005, Nr. 92 / Seite 5
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