Von Michael Martens
22. Juli 2008 Im Nachhinein lesen sich die Worte von Rasim Ljajic fast prophetisch. In einem vor wenigen Tagen geführten Interview mit der serbischen Nachrichtenagentur Tanjug hatte er, der Vorsitzende des Nationalen Rats für die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal, über die drei großen“ noch flüchtigen mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher im Namen der neuen serbischen Regierung mitgeteilt: Wir sagen nicht, dass die drei Haager Angeklagten – Ratko Mladic, Radovan Karadžic und Goran Hadžic – nicht in Serbien sind. Aber wir können auch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit behaupten, dass sie es sind.“
Wenn Ljajic korrekt zitiert wurde, enthält seine Aussage eine bemerkenswerte Abweichung von den üblichen Äußerungen der Belgrader Politiker zu diesem Thema, auch jener, die als proeuropäisch“ gelten. Denn die offizielle Lesart aller serbischen Regierungen seit dem Sturz von Slobodan Miloševic im Oktober 2000 lautete stets: Wir würden Mladic und Karadžic sofort verhaften, wenn wir nur könnten – aber wir wissen leider nicht, wo sie sich aufhalten. Vermutlich, wurde meist hinzugefügt, seien sie nicht in Serbien.
Ein politischer und persönlicher Triumph
Es ist durchaus möglich, dass viele solche Behauptungen nach bestem Wissen und Gewissen aufgestellt haben, denn es wird stets nur ein kleiner Kreis von Männern in Belgrad gewesen sein, die den Aufenthaltsort der (angeblich) Gesuchten kannten. Ob Ljajic, als er seine nachträglich doppeldeutig erscheinenden Worte sprach, schon etwas von der bevorstehenden Verhaftung wusste, werden wir vielleicht bald erfahren. Für ihn ist die Festnahme Karadžics ein politischer und persönlicher Triumph. An seiner Glaubwürdigkeit bestand nie Zweifel, denn Ljajic, derzeit Minister für Arbeit und Soziales, ist ein Muslim aus dem Sandžak, jenem Grenzgebiet, das teils zu Serbien, teils zu Montenegro gehört.
Die serbischsprachigen Muslime des Sandžak sind an den bosnischen Muslimen orientiert, den Bosniaken, denen Karadžics blutige Vertreibungspolitik galt. Auch im Sandžak befanden sich die Muslime in einer prekären Lage. Deshalb nahm man es Ljajic ab, wenn er sagte, dass es für ihn nichts Dringlicheres gebe als die Verhaftung beider. Dass er dabei wenig ausrichten konnte, weil der frühere Ministerpräsident Koštunica die Geheimdienste und das Innenministerium kontrollierte, war allen klar. Allerdings wurde ihm zum Vorwurf gemacht, dass er sich an einer solchen Regierung überhaupt beteiligte.
Ljajic wurde 1964 in Novi Pazar geboren, der größten Stadt des Sandžak. Er studierte in Sarajevo Medizin, trat dann aber 1990 in die Politik ein, gründete eine Partei und ist heute der prominenteste muslimische Politiker Serbiens. Unter dem später ermordeten Reformer Zoran Djindjic war er zunächst als Minister für ethnische Minderheiten zuständig und kümmerte sich um die unruhige Lage im albanisch dominierten Südwesten Serbiens, dem Preševo-Tal. Nach Djindjics Tod wurde er Minister für Menschen- und Minderheitenrechte, doch seinen Landsleuten ist er vor allem durch seine Arbeit als Chef des Rates zur Kooperation mit dem Tribunal bekannt geworden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa