Krise im Libanon

Die Rückkehr der Milizen

Von Markus Bickel, Beirut

13. Mai 2008 Auf einem durchgesessenen Sofa haben es sich die neuen Machthaber bequem gemacht. Eine Gardine mit kleinen grünen Palmen hängt hinter den drei Milizionären der Syrischen Sozialistischen Nationalen Partei (SSNP), vor ihnen stehen ein Plastiktisch und die Zapfsäulen einer seit Jahren nicht mehr betriebenen Tankstelle.

Das „No Smoking“-Schild über ihren Köpfen ignorieren die Männer. „Mobile Services“ heißt es in verblichenen Buchstaben an den Gemäuern des Stützpunkts, der nur eine Parallelstraße vom Campus der American University Beirut (AUB) entfernt liegt, der grünen Lunge Westbeiruts.

Am Dienstagmittag ist die Stellung der syrisch-nationalistischen Verbündeten der Hizbullah von Soldaten flankiert, zwei Stunden später sind sie wieder alleinige Herrscher über die Kreuzung zwischen Jeanne-d'Arc- und Sidani-Straße. Die Ankündigung des Oberkommandierenden der Armee, Michel Suleiman, im Laufe des Tages alle bewaffneten Formationen von den Straßen zu vertreiben, hat sich hier, unweit der Privatwohnung von Ministerpräsident Fuad Siniora, nicht bewahrheitet.

Bewaffnete Übernahme durch die Hizbullah

Für die Mitglieder der für den Anschluss Libanons an Syrien fechtenden libanesischen Partei brachte die Einnahme Westbeiruts Ende vergangener Woche die lang ersehnte Rückkehr an die Macht in ihrem Viertel. Schon während des Bürgerkrieges (1975 bis 1990) hatten sie in den Straßen von Ain al Mreisse, Ras Beirut und Manara das Sagen, ihre Dominanz endete erst mit dem Mord an Ministerpräsident Rafiq Hariri im Februar 2005. Mit dem Rückzug der langjährigen syrischen Protektoratstruppen zwei Monate später verließen auch ihre politischen Protegés vom syrischen Geheimdienst die libanesische Hauptstadt. Seitdem war Westbeirut fest in den Händen von Hariris Sohn Saad.

Das hat sich mit der bewaffneten Übernahme durch die Hizbullah und ihre schiitischen Verbündeten von der Amal-Bewegung Parlamentspräsident Nabih Berris sowie die SSNP-Kämpfer schlagartig geändert. „Auch wenn man sie nicht sieht, sind sie überall“, sagt Khalil Hamdan, der ein paar Straßen entfernt von dem SSNP-Checkpoint wohnt. Mehrfach seien Hariri-Anhänger seit dem Wochenende aus ihren Wohnungen heraus von den syrischen Nationalisten verhaftet worden, sicher fühle sich niemand mehr. Bis vor einer Woche hingen hier an fast jedem Haus Poster von Saad und Rafiq Hariri. Jetzt zieren das an die Wände gesprühte rot-schwarze SSNP-Symbol die Wände - und Todesanzeigen für Ziad Ghalaniyeh.

Schweigen nach der stillen Besatzung

Bei den Kämpfen, die unmittelbar nach der Brandrede von Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah am vergangenen Donnerstag ausbrachen, wurde der 16 Jahre alte Jugendliche erschossen. Im Viertel kannte ihn fast jeder, gemeinsam mit Gleichaltrigen raste er auf seiner Vespa die zur Uferpromenade Corniche führende Adonis-Straße hinunter. Das von seinem Onkel betriebene Wasserpfeifen-Café Ghalaniyeh an diesem Dienstag verwaist. „Als ihm am Freitag in einem Trauerzug gedacht wurde, kamen SSNP-Kämpfer mit Kalaschnikows vorbei, um die Menge zu zerstreuen“, erzählt Hamdan.

Immer wieder schaut er sich um, während er über die Geschehnisse spricht, die zur Umkehr der Machtverhältnisse im Libanon führten. Vor der Einnahme Westbeiruts durch die Hizbullah und ihre Verbündeten saß Hamdan jeden Nachmittag mit seinen Kumpels vor dem Friseurladen zwischen Adonis- und Hamra-Straße. In ihren lautstark geführten Gesprächen kamen weder die Hizbullah noch die Mustaqbal-Partei des jungen Hariri gut weg, obwohl sie sich ihm politisch verbunden fühlen. Die stille Besatzung hat die Bewohner der Hamra zum Schweigen gebracht.

Rückschlag für ein kosmopolitisches Viertel

Viel mehr als ein Schulterzucken hat auch Salim Bisri nicht übrig auf die Frage, wo denn die Sicherheitsdienste des nach dem Mord an seinem Vater zum politischen Führer der meisten libanesischen Sunniten aufgestiegenen Unternehmers vergangene Woche blieben. Während er spricht, fahren zwei schwarze Range Rover-Jeeps rückwärts in die Einfahrt gegenüber des Café Ghalaniyeh. Männer mit schwarzen Brillen und blauen Reporterwesten winken den Fahrern den Weg. „Da sind Hariris Leute“, sagt er. „Geholfen haben sie uns nicht.“

Dass nun ausgerechnet die von vielen Bewohnern Westbeiruts als Kleinkriminelle bezeichneten SSNP-Kader die Macht in ihrem Viertel übernommen haben, bedeutet einen Rückschlag für das vielleicht kosmopolitischste Viertel der libanesischen Hauptstadt. Die Rückkehr der Milizen, gegen die sich selbst während des Bürgerkrieges ziviler Widerstand gebildet hatte, entspricht so gar nicht dem aufgeklärten Charakter des multikonfessionellen Mittelklassequartiers.

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Direkt neben dem Ghalaniyeh-Café liegt die katholisch-maronitische St.-Rita-Gemeinde, die Adonis-Straße ein paar Schritte hinunter die Schatila-Moschee. „Nichts wie weg hier“, sagt Hamdan, der einige Jahre in Zürich arbeitete und neben dem libanesischen auch einen Schweizer Pass hat. Er hat schwarze Ränder unter den Augen. Immer neue Gerüchte machen die Runde: Schiiten würden in sunnitisch dominierten Vierteln wie Hamra aus ihren Wohnungen geholt und ausgewiesen, ähnliches passiere unter umgekehrten Vorzeichen in den von der Hizbullah kontrollierten Gebieten. Ein am Wochenende über die libanesische Nordgrenze nach Syrien ausgereister Christ berichtet, wie sunnitische Milizen die Pässe der Fliehenden auf ihre Religionszugehörigkeit untersucht habe.

Rache der Hariri-Anhänger?

Sicherheit gibt es auch nicht in dem nach dem Rückzug der Hizbullah-Kämpfer zu einer angespannten Normalität zurückgekehrten Hamra. Wenig mehr als zwanzig Jahre alt dürften die SSNP-Mitglieder sein, die nach Einbruch der Dunkelheit auf der Adonis-Straße, nur eine Kreuzung von ihrem Hauptquartier entfernt, auftauchen. In der Straßenmitte weht die Fahne mit dem schwarz-roten Parteisymbol, das wie ein abgerundetes Hakenkreuz aussieht. Ungelenk hantieren sie mit einem Gewehr, hastig laufen Passanten an den neuen Machthabern ihres Viertels vorbei. „Das Beunruhigende ist, dass die jungen Hariri-Anhänger die Schmach ihrer Niederlage nicht auf sich sitzen lassen werden“, sagt Bisri. „Sobald sich die Chance bietet, werden sie versuchen, der Hizbullah eins auszuwischen.“

Weil die Armee trotz ihrer Ankündigung, die seit den Ereignissen der vergangenen Woche wiederhergestellte Herrschaft der neuen und alten Milizen zu beschneiden, keine Hausdurchsuchungen durchgeführt hat, ist das gut möglich. „Man weiß nicht, wem man noch vertrauen kann“, sagt Bisri und weist auf eine Autowerkstatt auf der anderen Straßenseite. Dort steht ein Mechaniker mit Gummihandschuhen ins Gespräch vertieft mit einem älteren Mann. In der Hand hält er ein Funkgerät.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

 
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