Von Lena Bopp, Sankt Petersburg
10. Mai 2008 Der Platz vor der Isaaks-Kathedrale mit dem Reiterdenkmal für Zar Nikolaus I. ist einer der Lieblingsplätze von Maria Iwanowa. Die 19 Jahre alte Studentin sagt, sie sei unpolitisch. Eine Meinung hat sie trotzdem: Die Russen sind nicht stolz auf ihr Land und ihre Geschichte. Sie versuchen, den Westen zu imitieren. Maria hält das für einen Fehler. Russland war immer stark, wenn es autoritär geführt wurde, sagt sie und zeigt auf den Zaren, der Russland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit harter Hand regiert hat.
Maria Iwanowa studiert in Sankt Petersburg Öffentlichkeitsarbeit. In ihrer Freizeit lernt sie Deutsch, bewundert Hermann Hesse und Heinrich Böll und träumt von einer Reise nach Berlin. Dass Deutschland eine Demokratie ist, stört sie nicht. Was für Deutschland gut ist, muss ja in Russland nicht funktionieren. Warum nicht? Das wäre, als würden wir uns verkleiden. Wir verstecken unser Wesen, denn wir sind nicht der Westen und auch nicht der Osten. Wir sind Russland. Deswegen war sie im Grunde auch mit der Präsidentschaft Wladimir Putins zufrieden. Durch ihn kam das Prestige zurück, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlorengegangen war.
Die Demokratie hat keinen guten Ruf
Die Haltung der jungen Frau ist nicht ungewöhnlich. Im vergangenen Jahr hat die Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau gemeinsam mit der russischen Akademie der Wissenschaften eine Umfrage veröffentlicht, wonach 39 Prozent der Russen zwischen 15 und 30 Jahren der Ansicht sind, dass ein starker Führer an der Spitze des Staates gut für das Land sei. Die Demokratie hat keinen guten Ruf, sagt Grigorij Golosow, Professor für Politikwissenschaft an der Europäischen Universität in Petersburg. Viele Menschen verbinden mit dem Begriff die Zustände, die hier in den neunziger Jahren herrschten. Dahin wollen sie nicht zurück. Russen aller Generationen sprechen von dieser Zeit oft, als gehöre sie zu den schlimmsten, die das Land je erlebt hat: Die Mafia regierte auf den Straßen, die Preise explodierten, die Löhne wurden nicht gezahlt.
Heute ist davon nicht mehr viel zu sehen. Maria Iwanowa und ihre Altersgenossen leben in einer Stadt, deren Zentrum einen zivilisierten Wohlstand ausstrahlt: Es gibt Arbeit und Sicherheit, es gibt Adidas, Jil Sander und Caffe latte, am Abend geht man zum Yoga. Der Lebensstil in Petersburg, das sich seit je als Russlands Fenster nach Europa begreift, ist westlich geprägt. Offenbar bedeutet das aber nicht, dass auch westliche Werte wie Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit Einzug in den Alltag halten. Die jungen Russen, so beschreibt es die Soziologin Jelena Omeltschenko, übernähmen die Phänomene der westlichen Welt, nicht aber deren Wurzeln.
Jung und unpolitisch
Alexander Jarowoj ist da keine Ausnahme. Er ist 19 Jahre alt, ein bisschen schmächtig, mit blonden Haaren und großen, dunklen Augen. Eigentlich studiert er Englisch in Pskow, rund 300 Kilometer südlich von Petersburg. Die Wochenenden verbringt er aber meist in Petersburg, weil es dort mehr Möglichkeiten zum Ausgehen gibt. Später möchte er als Übersetzer arbeiten. Was im Moment in Russland geschieht, ist sehr gut im Vergleich zu früher, sagt er. Das Land befinde sich in der Mitte eines Prozesses vom Entwicklungs- zum Industrieland. Er kann sich auch demokratische Strukturen vorstellen, allerdings nur auf russische Art. Was heißt das? Vielleicht brauchen wir jemanden, der uns sagt, wo es langgeht. Das hängt mit unserem Verhalten zusammen. Die Russen sind ein bisschen faul.
Sergej Simonow kennt diese Meinung. Sie ist typisch, sagt er. Er lebt seit drei Jahren in Petersburg und studiert Journalismus. Seine Kindheit hat er in Moskau verbracht, hat danach acht Jahre lang in Düsseldorf und Berlin gelebt und dort sein Abitur abgelegt. Mit 19 ist er gegen den Willen seiner Eltern nach Russland zurückgekehrt. Warum, kann er nicht genau sagen. Hier ist Heimat, sagt er. Ich mag die Stadt. Einmal im Monat organisiert er Diskussionsveranstaltungen zwischen politischen Jugendgruppen. Es bestehe ein Informationsvakuum in Russland, sagt er, deswegen seien diese Abende oft gut besucht. Zum großen Teil sind die jungen Leute aber unpolitisch. Sie glaubten nicht daran, dass sie Einfluss nehmen könnten. Er hält das für bedenklich, weil Gruppen wie die vom Kreml gesteuerte Jugendorganisation Naschi (Die Unsrigen) versuchten, diese politische Unbedarftheit für ihre Zwecke zu nutzen.
Russland hat diese Position verdient
Vor der Parlamentswahl im Dezember 2007 haben Naschi überall im Land Kundgebungen für Putin organisiert. Zu Tausenden sind junge Menschen aus der Provinz in die Städte gekarrt worden. Sie haben Broschüren verteilt, in denen davor gewarnt wurde, dass Russland nach der Ära Putin im Chaos versinken werde; die Nato werde in Russland intervenieren und das Land zerschlagen. Wochenlang haben die Naschi vor einem Jahr die estnische Botschaft in Moskau belagert, weil die Regierung in Tallinn ein russisches Kriegerdenkmal verlegt hat. Einige Aktivisten sind an die estnische Grenze gefahren und haben dort Protest-Aufkleber verteilt.
Michail Potepkin war damals auch dabei. Er hat sich an fast allen Aktionen beteiligt und ist deshalb zum Kommissar der streng hierarchisch gegliederten Organisation aufgestiegen. Nun ist er mit 26 Jahren Leiter der Ideologie-Abteilung der Petersburger Naschi. Michail ist ein streitbarer, aber höflicher junger Mann. Die Wahlen in Russland? Sind nach demokratischen Standards verlaufen. Die Nato? Alles ganz einfach: Russland als Nachfolger des Warschauer Paktes wird von der Nato bedroht. Michail nimmt Zettel und Stift und malt eine Weltkarte aufs Papier. Am linken Blattrand liegen in der Form eines Ausrufezeichens die Vereinigten Staaten, rechts daneben Europa und dann Russland. Unter der Russischen Föderation befindet sich ein weiteres, sehr großes Land. Er nennt es Terroristen. Dann malt er Pfeile von unten nach oben und möchte auf diese Weise zeigen, dass es für die Terroristen unmöglich sei, ihre Raketen bis nach Europa zu feuern. Deswegen sei auch die geplante Raketenabwehr in Polen ineffektiv. Womit wiederum bewiesen wäre, dass sie sich in Wahrheit gegen Russland richte. Das könne sich Russland aber nicht gefallen lassen. Russland soll zu einem Führer in der globalisierten Welt werden, seine Meinung soll gehört werden. Wir denken, Russland hat diese Position verdient.
Naschi braucht Nachwuchs
Nach der von der Kreml-Partei gewonnenen Wahl hatten manche den Naschi schon die Auflösung prophezeit. Aber wir sind noch da, sagt Michail. Derzeit habe seine Organisation etwa 1000 Kommissare, 20.000 aktive Mitglieder und 50.000 einfache Anhänger. Böse Zungen behaupten freilich, beim Gros dieser jungen Leute handele es sich um einfache Jugendliche aus der Provinz, die an den Demonstrationen teilnähmen, weil sie froh seien, umsonst in die russische Hauptstadt fahren zu dürfen. Michail kennt diese Vorwürfe. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass alle mitmachen, weil sie ,Leader' werden wollen. Aber das ist bei jeder Organisation so.
Jetzt, da die Wahlen wie gewünscht verlaufen seien, wollten sich die Naschi stärker um diese Leader kümmern, sagt er. In Russland gebe es einen Hunger nach Kadern. Weil das Land vom Erdöl-Export abhängig sei, müsse man rasch weitere wirtschaftliche Felder erschließen. Die Naschi wollen dafür das Personal heranziehen. Die nötigen Eigenschaften der Kandidaten fasst er in dem Dreiklang zusammen: Spezialisten, Führer, Patrioten.
Die Ablehnung der Demokratie konkret machen
Und dann spricht er über das, was seine Organisation sonst noch beschäftigt: Er schimpft über Homosexuelle und über die Gastarbeiter aus den Kaukasus-Republiken. Er spricht den Vereinigten Staaten ab, dass sie eine Demokratie sind, vermutet eine Verschwörung der Albaner im Kosovo und sagt Frankreich den Untergang voraus, wenn die Immigranten aus dem Maghreb in der Île-de-France erst einmal einen eigenen Staat ausgerufen hätten. Dann verabschiedet sich Michail Potepkin mit Handkuss, verlässt das Café und verschwindet im U-Bahn-Schacht.
Sergej Simonow kennt ihn schon länger. Sie sind sich oft bei diversen Debatten begegnet. Das Gefährliche ist, dass die Naschi die diffuse Ablehnung der Demokratie mit konkreten Themen besetzen, sagt er. Warum sollen Demokratie und Russland nicht zusammenpassen? Das klappt doch in der Ukraine auch. Ob er manchmal Angst hat vor dem, was auf Russland zukommt? Nicht auf diesem lokalen Niveau, sagt er. Es gebe ja eine - wenn auch schwache - Opposition, es gebe Zeitungen und das Internet. Erst wenn sich der Staat daranmache, das Internet zu zensieren, würde es wirklich gefährlich. Und dann fällt ihm doch noch ein Grund ein, warum er nach dem Abitur nach Russland zurückgekehrt ist. In Deutschland werde ich nicht gebraucht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa