Saudischer König in Berlin

Nicht über Frieden reden, den Frieden festigen

Von Rainer Hermann, Rom

07. November 2007 Als ein Land, das sich mit „großer Kraft“ an der Stützung des Friedens und der Sicherheit der Staatengemeinschaft beteilige, hat der saudische König Abdullah Bin Abdalaziz Deutschland bezeichnet. Deutschlands jüngste EU-Präsidentschaft und die Stellung des Landes in der EU zeige, dass Deutschland politisch und wirtschaftlich als großer Staat zurückgekehrt sei, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Rom unmittelbar vor seinem Abflug nach Berlin. Dort wurde der Monarch von Bundeskanzlerin Merkel am Mittwoch willkommen geheißen.

Deutschland habe gerade in dieser Phase durch ständige Koordination und Beratungen an der Lösung der Krisen im Nahen Osten mitgearbeitet. Saudi-Arabien wiederum strebe nicht nach einer Führungsrolle, trage aber seine Verantwortung, um den Herausforderungen zu begegnen, denen sich sein Land, die arabische Welt, die islamische Umma und die Weltwirtschaft gegenüber sähen. Eine Last sei es für ihn nicht, sich den Themen zuzuwenden, die Sicherheit der Region und der Welt gefährdeten. Er wolle nach Mitteln und Wegen zu suchen, die den „Menschen unserer Region“ ermöglichten, sich der „Freiheit und Stabilität“ zu erfreuen. So könnten sie sich auf die umfassende Entwicklung ihrer Gesellschaft konzentrieren.

Saudi-Arabien verurteilt den Terror

König Abdullah würdigte die Initiative des amerikanischen Präsidenten Bush zur Vorbereitung einer Friedenskonferenz für den Nahen Osten, die demnächst im amerikanischen Annapolis stattfinden soll, mit den Worten, dass sie als wesentliches Element die wichtigen Fragen des Konflikts vereine. Im Einzelnen nannte der saudische König: „das Ende der Besetzung, die Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staats, die Behandlung der Flüchtlingsfrage, den Status von Jerusalem, die Verbesserung der Lage der Palästinenser sowie andere Themen, die im Zentrum des Konflikts“ stünden.

Saudi-Arabien und die Arabische Liga begrüßten diese positiven Elemente der Konferenz. Daher hoffe er, dass sie sich auch mit diesen zentralen Fragen befassen werde und dass sie umfassend sei und in Übereinstimmung mit einem festgesetzten Zeitplan, der ihren Erfolg garantiere. Gescheitert seien die Versuche von Teillösungen, die den Kern des Konflikts ignorierten. Er sei der Überzeugung, dass die Zeit gekommen sei, um von der Phase des Redens über den Frieden als einen Prozess zu einer Festigung des Friedens als Wirklichkeit zu gelangen.

Das habe über realistische und fühlbare Schritte zu geschehen. Über die drohende Gefahr eines Einmarsches der türkischen Armee in den Nordirak sagte König Abdullah, er hoffe, der Irak und die Türkei unternehmen gemeinsame Anstrengungen, um die Operationen gegen die Türkei zu stoppen. Saudi-Arabien verurteile den Terror in allen seinen Formen, was immer seine Herkunft und seine Rechtfertigung sei.

Konsortium unter der Aufsicht der IAEA

Unzufrieden äußerte er sich über die Lage im Irak. Als den einzigen Weg, um die Ziele wie die Bewahrung der territorialen Integrität des Landes, seine Stabilität und den Wiederaufbau zu garantieren, nannte er die nationale Versöhnung zwischen allen Bürger, und zwar zwischen allen politischen Gruppen, Glaubensgemeinschaften und Zugehörigkeiten zum Irak. Dabei dürfe bei den Rechten, Pflichten und in der Beteiligung an den Bodenschätzen des Landes keine Ausnahme gemacht werden. Dieses Ziel sei im Irak indessen nicht erreicht.

Die Regierung und das Volk des Iraks müssten daher ihre Anstrengungen vervielfachen, um zu einer nationalen Versöhnung zu gelangen. Von außen müssten die Nachbarstaaten zur Erreichung dieser Ziele beitragen, indem sie mit dem Irak nicht auf konfessionalistischer Basis zusammenarbeiteten. Sie sollten ohne Unterscheidung der Zugehörigkeit finanzielle und humanitäre Hilfen leisten.

König Abdullah wiederholte den saudischen Vorschlag, ein internationales Konsortium mit der Anreicherung für Uran zu beauftragen, das die Staaten des Nahen Osten mit dem Brennstoff für Atomkraftwerke versorgen soll. Das solle in einem neutralen Land geschehen. Dieser Vorschlag sei Teil der diplomatischen Bemühungen Saudi-Arabiens, die Krise friedlich beizulegen. Das Konsortium solle unter der Aufsicht und Kontrolle der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) arbeiten und alle Länder der Region mit den nötigen Mengen an angereichertem Uran versorgen, das für die friedliche Nutzung der Atomtechnologie erforderlich sei.

„Große Sorge für uns alle“

Saudi-Arabien plädiere für einen Nahen Osten ohne Atom- und ohne Massenvernichtungswaffen, betonte König Abdullah. Er gestand ein, die Welt fürchte, dass das Atomprogramm Irans zur Entwicklung von Atomwaffen führe. Iran wiederum erkläre, das Programm diene friedlichen Zwecken, sagte der saudische König. Treffe das zu, sehe er keine Rechtfertigung für eine Sprache der Eskalation und für eine Konfrontation, die die Lage nur komplizierten. Daher sei er dafür, die Krise zwischen den Beteiligten friedlich über Dialog und Verhandlungen beizulegen, das Iran und jedem anderen Land der Region das Recht auf friedliche Nutzung der Atomtechnologie gibt, und zwar nach den Kriterien der IAEA und unter deren Aufsicht. Diese Kriterien müssten ohne Ausnahme auf alle Staaten der Region angewandt werden.

Beunruhigt zeigte sich König Abdullah über die Spannungen im Libanon. Sie seien eine „große Sorge für uns alle“, insbesondere vor dem Hintergrund der schmerzhaften Erfahrungen des libanesischen Bürgerkriegs. Saudi-Arabien arbeite unablässig daran - auf bilateraler Ebene, über die Arabische Liga und in der Staatengemeinschaft -, um die Meinungsverschiedenheiten im Libanon beizulegen und einen nationalen Konsens unter den Libanesen herbeizuführen. Er hoffe, dass diese Anstrengungen bereits bei der Lösung des Problems der anstehenden Präsidentenwahl im Libanon fruchteten.

Abendessen mit Merkel

König Abdullah würdigt die Globalisierung als die „Beseitigung aller politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Grenzen“ unter allen Staaten der Welt. Als „internationale Familie“ überwinde man die geographischen Grenzen, man beeinflusse und werde beeinflusst, wie groß die Entfernungen und die kulturellen Unterschiede auch seien. Das erfordere von allen eine verstärkte gemeinsame Kooperation. In diesem Prozess seien die Araber mit einem zivilisatorischen Vorrat und einer weit zurückreichenden Kultur ausgestattet sowie mit menschlichen und materiellen Ressourcen, um im 21. Jahrhundert eine spürbare, wichtige und grundlegenden Beitrag zu leisten.

Der Monarch, der am Mittwochabend noch Bundespräsident Köhler treffen will, reiste nach Angaben des saudischen Konsulats in Berlin mit zehn Flugzeugen an. Die Abreise sei für Freitag geplant. Für diesen Donnerstag sind nach Angaben des Konsulats Gespräche mit Bundestagspräsident Lammert und Außenminister Steinmeier geplant. Am Abend will der König mit deutschen und saudischen Geschäftsleuten zusammenkommen. Geplant sei in diesem Kreis auch ein Abendessen mit Bundeskanzlerin Merkel.

Abdullah oder Abdallah?

Wie heißt der König von Saudi-Arabien, Abdullah oder Abdallah? Des Rätsels Lösung liegt in der arabischen Grammatik verborgen. Ob Abdallah oder Abdullah - es ist immer derselbe Name, der ins Deutsche übersetzt bedeutet: „Knecht Gottes“. In der Nominalform des Arabischen heißt „ein Knecht“ Abdu(n), in der durch einen Artikel bestimmtem Form al Abdu, „der Knecht“. „Gott“ heißt Allah.

Der Name „Knecht Gottes“ wird somit in der Nominalform, dem Grundwort, unter Berücksichtigung des Hiatus - als Genitivverbindung - zusammengezogen zu Abdu-Allah, gesprochen Abdu'llah. Wird die Grundform des Namens durch andere Namensbestandteile ergänzt (status constructus), etwa bei dem Namen „Hiob (Ayyub), Sohn des Gottesknechtes“, so verwandelt sich das „U“ zu einem „A“: Der Name lautet dann Ayyub Ibn Abdallah. Dasselbe gilt für Beinamen wie zum Beispiel „Vater (Abu) des Gottesknechts“ - Abu Abdallah.

Freilich gilt es zu berücksichtigen, dass Vokale in den semitischen Sprachen viel weniger wichtig sind als die Konsonanten und dass in den Dialekten die Vokalfärbung unterschiedlich ist. Abdullah ist richtiger, aber Abdallah nicht wirklich falsch. Ganz falsch ist nur „Abdul“, denn es heißt nur „Knecht des...“ Man erführe aber gerne, wessen Knecht der Betreffende ist, auch wenn man es sich denken kann.



Text: Her./wgl., F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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