Von Michael Ludwig
24. November 2004 Die Ukraine hat Feuer gefangen. Brandstifter waren jene, die Viktor Juschtschenko, den 50 Jahre alten, zurückhaltenden Mann aus Choruschiwka im äußersten Nordosten des Landes, seit drei Monaten als Banditen bezeichnen, kurz: eine durch und durch korrumpierte Staatsmacht und die sie stützenden Oligarchen. Juschtschenko ist Wirtschaftswissenschaftler; seine Analysen waren früher dem Fachchinesisch seiner Zunft verpflichtet.
Aber wer zwischen 1993, als er vom Bankgehilfen in einem kleinen Ort im Regierungsbezirk Sumy zum Präsidenten der Nationalbank aufgestiegen war, und 1999, kurz bevor er Ministerpräsident wurde, genau hinhörte, konnte die zunehmende Ungeduld Juschtschenkos wegen des Reformstaus bemerken. In seine Amtszeit fiel die Einführung einer eigenständigen Landeswährung, der Hrywna. Er band sie fest an den amerikanischen Dollar und brachte sie durch die Fährnisse der russischen Finanzkrise von 1998.
Von Kommunisten und Oligarchen abgewählt
Als Leonid Kutschma 1999 zum zweiten Mal ins Präsidentenamt gewählt wurde, setzte er gegen viele Widerstände im Parlament Juschtschenko als Ministerpräsidenten durch. Er sollte endlich zu Werke bringen, was Kutschma selbst nicht geschafft hatte. Die Rückstände bei der Lohnzahlung hörten auf, und seine Stellvertreterin Julija Timoschenko beendete die windigen Geschäfte zwischen Regierung und Oligarchen, fegte mit eisernem Besen den Energiesektor sauber, auch das zum Nachteil der Oligarchen.
Die Wirtschaft wuchs zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit, der Handel mit Rußland nahm zu. Der Bezug russischer Energieträger wurde zivilisiert, man ging gegen ukrainischen Gasklau vor, dessen Nutznießer ebenfalls die Oligarchen waren. Aber dann wurde zuerst Timoschenko abgesägt, und im Frühjahr 2001 mußte Juschtschenko, von Kommunisten und Oligarchen abgewählt und von Kutschma fallengelassen, gehen.
Gegenseite versuchte Juschtschenko immer wieder am Zeug zu flicken
Juschtschenko sagte, er werde wiederkommen. In den Parlamentswahlen vor zwei Jahren wurde seine Bewegung Unsere Ukraine stärkste Kraft. Aber die Gegenseite trickste sich mit Kutschmas Hilfe und viel Geld in die Regierung. Jetzt ist Juschtschenko wieder da, furchtbar verunstaltet im Gesicht von einer Vergiftung, aber härter denn je; und in Kiew und überall dort, wo man den Machthabern die ungeheuerliche Fälschungsaktion in der Stichwahl um die Präsidentschaft nicht vergeben will, hallen Sprechchöre mit seinem Namen über zentrale Plätze. Am Dienstag hat sich Juschtschenko zum Präsidenten des Volkes ausgerufen, den Eid gesprochen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Die Gegenseite versuchte Juschtschenko immer wieder am Zeug zu flicken, doch es stellte sich heraus, daß er zu den ukrainischen Politikern gehörte, die keinen Dreck am Stecken hatten. Als alles nichts half, glaubte man, ihn in Mißkredit wegen seiner zweiten Frau bringen zu können, weil sie als Kind ukrainischer Emigranten in Amerika geboren wurde und amerikanische Regierungsangestellte gewesen war.
Oder man verunglimpfte ihn, dessen Vater als gefangener Rotarmist in Auschwitz war, wegen seiner nationalbewußten Haltung als westukrainischen Halbfaschisten und Russenhasser. Juschtschenko ließ sich nicht beirren, machte Moskau das Angebot zu fairer Zusammenarbeit. Das jüngste von fünf Kindern Juschtschenkos trägt den Vornamen des ukrainischen Nationaldichters Schewtschenko: Taras.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2004, Nr. 276 / Seite 14
Bildmaterial: REUTERS
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