Egon Bahr im Interview

„Wir haben das zu akzeptieren“

Egon Bahr: „Vorsichtig mit amerikanischen Analysen”

Egon Bahr: „Vorsichtig mit amerikanischen Analysen”

19. März 2007 Egon Bahr ist am Sonntag 85 Jahre alt geworden, doch „die Neugier lässt nicht nach“, verrät der SPD-Sicherheitsdoyen im Interview. Ein Gespräch über die amerikanische Raketenabwehr in Europa, die iranische Bedrohung und einen möglichen neuen kalten Krieg.

Herr Bahr, Sie sind wohl der älteste aktive Sicherheitspolitiker weltweit. Oder kennen Sie Altersgenossen?

Oha, da muss ich nachdenken. Henry, also Henry Kissinger, ist zumindest nicht mehr operativ tätig. Und sonst? Tja, viele sind es gewiss nicht. Aber ein wirklich aktiver Politiker bin ich ja nun auch schon lange nicht mehr.

Sie nutzen regelmäßig Ihr Büro im Willy-Brandt-Haus, obgleich Sie nun 85 Jahre alt sind. Was treibt Sie?

Die Neugier lässt nicht nach, und das Gehirn steht nicht still. Außerdem will man mich offensichtlich noch, wie viele Einladungen und Vortragswünsche zeigen.

Wie ist es bestellt um den Frieden zwischen Ost und West, dem Ihr Lebenswerk galt?

Wir haben Glück gehabt. Denn in Europa gibt es keine drohende Kriegsgefahr mehr. Gäbe es nur die Europäische Union, dann könnten wir alle Armeen abschaffen. Aber es gibt eben die ganze Welt, in der Deutschland nun eine Mittelmacht ist mit entsprechender Verantwortung. Das gilt auch militärisch. Daran haben sich die Deutschen noch nicht gewöhnt, werden es aber müssen.

Sie haben den Beginn des Kalten Krieges erlebt, nun drohe ein neuer, sagt der SPD-Vorsitzende Kurt Beck. Stimmt das?

Beck sagt, es werde von einem neuen Kalten Krieg geschwatzt, mehr nicht. Denn es ist nichts dergleichen im Busch. Niemand will einen Kalten Krieg. Amerikas Präsident George Bush will ihn ebenso wenig wie Russlands Wladimir Putin oder ein Staatschef in Europa. Wo also sind diejenigen, die ihn führen wollen?

Amerika plant ein Raketenabwehrsystem, das Russland nicht passt. Droht dadurch nicht zumindest die Spaltung Europas?

Das trifft schon eher zu, ist aber auch nicht neu. Als der amerikanische Präsident Ronald Reagan ein Raketenabwehrsystem aufbauen wollte, das übrigens dem nun geplanten strategisch exakt glich, waren Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik mögliche Stationierungsorte. Damals analysierten wir ebenso wie heute, dass eine Spaltung Europas die Folge wäre. Denn London hätte zugestimmt, Paris sicher nicht, und der deutsch-französische Motor wäre blockiert gewesen, wenn nicht auch Bonn abgelehnt hätte.

Sie sagten einst: Dank der Abschreckung durch Amerika fühlten wir Deutsche uns nie physisch gefährdet durch die Sowjetunion, was Mut gab bei Verhandlungen. Gilt das nicht gegen den Iran?

Der Vergleich ist unmöglich. Iran ist keine Supermacht. Iran verfügt nicht über Raketen, die Europa erreichen können. Das ist vielleicht in zehn, fünfzehn Jahren möglich. Sinnvoller wäre es dann, über ein europäisches Raketenabwehrsystem nachzudenken, an dem Russland gleichermaßen beteiligt ist wie Amerika und Europa.

Amerika argumentiert, dafür fehle die Zeit. Iran könne schon sehr bald bedrohliche Raketen haben.

Mit solchen amerikanischen Analysen gehe ich sehr vorsichtig um. Da haben wir unsere speziellen Erfahrungen, was die vermeintlichen Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein angeht.

Fühlt sich Russland zu Recht bedroht?

Wenn das gleiche System, was schon während des Kalten Kriegs gegen die Sowjetunion geplant war, nun technisch ausgereift auch noch weiter östlich stationiert werden soll, in Polen und der Tschechischen Republik, soll Russland sich da nicht angesprochen fühlen? Klar denken die in Moskau: Das gilt nicht nur dem Iran. Deutsche Tradition ist es, eine strategische Partnerschaft mit Russland anzustreben. Dazu passen die amerikanischen Pläne nicht: Die amerikanische Politik gegenüber Russland ist partiell konfrontativ.

Russland belieferte Iran mit Raketentechnologie sowie Boden-Luft-Abwehrrakten, ohne uns zu informieren.

Das mag ja sein. Wir haben auch erst aus der Zeitung erfahren, dass Amerika die Inder unterstützt in der Nuklearwaffenpolitik.

Haben Sie Verständnis, dass die Tschechische Republik und Polen bilaterale Verhandlungen mit Amerika führen wegen einer Raketenabwehr?

Es geht nicht um Verständnis. Diese Raketenabwehr ist eine bilaterale Sache. Die Nato hat damit nichts zu tun, sie kann es weder verbieten noch erlauben. Das entscheiden Warschau und Prag für sich allein mit Washington. Juristisch und völkerrechtlich ist das völlig in Ordnung. Ob das klug ist, mögen wir anders sehen. Aber wenn die kollektive Erinnerung an eine schreckliche kommunistische Herrschaft aus Moskau unsere östlichen Nachbarn zu der Entscheidung treibt, dann haben wir das zu akzeptieren. Aber wir müssen unsere polnischen Nachbarn darauf aufmerksam machen, dass das Folgerungen hätte für die Spaltung Europas.

Ist denn das Projekt in die Nato integrierbar?

Kaum. Denn die Amerikaner haben an Mitsprache kein Interesse, weil sie frei sein wollen in ihren strategischen Entscheidungen.

Was hielten Sie für besser, als gegen Iran aufzurüsten?

Direkte Gespräche zwischen Washington und Teheran sind unausweichlich. Amerika verhandelt ja nun auch mit Nordkorea - und es sieht gut aus. Deshalb hoffe ich.

Das Gespräch führte Wulf Schmiese.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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