Von Matthias Rüb, Boston
26. Juli 2004 Die Wahlkampfarsenale sind gut gefüllt: mit Anwälten, Beratern, Geld - und mit Töchtern. Es ist Parteitagszeit in Amerika: In dieser Woche, von Montag bis Donnerstag, machen die Demokraten in Boston den Anfang. Der Nominierungsparteitag der Republikaner steht Ende August in New York an.
Es wird noch eine aufwendige Kampagne bis zu den Präsidentenwahlen am 2. November werden, und nichts illustriert das besser als der Einsatz der Töchter Barbara und Jenna sowie Alexandra und Vanessa. Sie sind mit die schwersten Geschütze, welche die Kandidaten einsetzen können. Anwälte, Geld und Berater brauchen sie zwar auch, aber die sind im Vergleich eher kleine Kaliber.
Knallbunte Parteitagsparty
Recht besehen hat der Wahlkampf schon im Januar begonnen, mit den Vorwahlen bei den Demokraten. Die waren noch nie so früh im Jahr abgehalten worden wie heuer, weil die Strategen der oppositionellen Demokratischen Partei möglichst bald den Herausforderer von Präsident George W. Bush gekürt sehen wollten.
Und siehe, der Plan ging auf. Vom linken Senkrechtstarter Howard Dean, Gouverneur aus Vermont, war bald nichts mehr zu sehen. Nach deutlichen Siegen stand John Kerry als Gewinner der Vorausscheidungen bei den Demokraten fest. Bis Anfang März waren alle wesentlichen innerparteilichen Konkurrenten des 60 Jahre alten Senators aus Massachusetts aus dem Rennen ausgeschieden, auch der Zweitplazierte John Edwards hatte aufgegeben.
Doch erst an diesem Donnerstag wird Kerry zum Abschluß einer knallbunten Parteitagsparty im Konfettiregen und unter einem Luftballonhimmel offiziell nominiert. Er hat den Rummel bitter nötig. Denn über eine rechte Vorstellung, mit wem sie es hier zu tun haben, verfügen die meisten potentiellen Wähler noch immer nicht. Den Präsidenten kennt buchstäblich jedes Kind, aber wer ist eigentlich dieser Kandidat der Demokraten? Ist er ein netter Kerl? Kann man ihm die Führung des Staates anvertrauen? Ist er prinzipienfest? Ist er ein guter Ehemann und Vater? Bringt er die Wirtschaft voran? Und weiß er die Heimat im Krieg gegen den Terrorismus zu schützen?
Familientag als Höhepunkt der Krönungsmesse
Man würde die Antworten in dem guten halben Dutzend Biographien finden, die mittlerweile über John Kerry erschienen sind, oder natürlich im Wahlprogramm der Demokratischen Partei. Aber wer liest das schon? Mithin muß das Leitmedium Fernsehen den Kandidaten den Wählern nahebringen. Kein Anlaß eignet sich dazu besser als der Parteitag, eine Mischung aus politischem Oktoberfest und Faschingsumzug.
Man schätzt, daß die "Democratic National Convention" im Messekomplex "Fleet Center" in Boston 75 Millionen Dollar kosten wird. 36.000 Besucher werden in Boston erwartet - Delegierte, Lobbyisten, Journalisten, Politiker aus allen Bundesstaaten. Es werden ehemalige Präsidenten wie Jimmy Carter und Bill Clinton sprechen, Nachwuchspolitiker und erfahrene Senatoren, Stars und Sternchen - und dazu, als besonderer Coup, der Sohn des kürzlich verstorbenen früheren Präsidenten Ronald Reagan, Ron Reagan.
Am Donnerstag aber, zum Abschluß und Höhepunkt der "Krönungsmesse", ist Familientag. Ehefrau Teresa Heinz Kerry wird ihren Mann mit einer kurzen Ansprache einführen. Auch die Töchter Kerrys aus seiner 1988 geschiedenen ersten Ehe mit Julia Thorne, die 30 Jahre alte Alexandra und die drei Jahre jüngere Vanessa, werden auftreten und Reden halten. Sodann werden sich die Söhne von Teresa Heinz Kerry aus deren Ehe mit dem bei einem Flugzeugunglück im April 1991 getöteten republikanischen Senator John Heinz III. zeigen: Chris Heinz, 31 Jahre alt, und Andre Heinz, 34 Jahre; ihr älterer Bruder John Heinz IV., der 37 Jahre alt ist, scheut die Öffentlichkeit.
Chris Heinz wird am Dienstag eine Rede für seinen Stiefvater halten. Wahrscheinlich sind die Regisseure des Parteitags zu der Erkenntnis gekommen, daß man den Kandidaten Kerry gar nicht eng genug mit seiner Familie in Verbindung bringen kann. Der Mann leidet nämlich unter dem, was man, auf Deutschland bezogen, das "Hans-Jochen-Vogel-Syndrom" nennen könnte: Er wirkt steif und unnahbar, hat kaum Ausstrahlung, und seine Scherze sind meistens vom Blatt abgelesen; sein monotoner Tonfall liegt auf halber Strecke zwischen Beleidigtsein und Oberlehrerhaftigkeit.
Kampagne zeigt Wirkung
Hinzu kommt, daß die aggressive, teils infame Kampagne des Wahlkampfteams von Präsident Bush offenbar Wirkung zeigt: Das in Hunderten von Fernsehspots dem Senator angeheftete Etikett, dieser pflege sein Fähnchen nach dem Wind zu drehen und stehe politisch zudem weit links von der Mitte und damit fernab vom Volk, bleibt hartnäckig kleben. Zu den Lieblingssprüchen des Präsidenten über seinen Herausforderer gehört der folgende: "Wenn Sie anderer Meinung sind als John Kerry, haben Sie ihn vielleicht bloß am falschen Tag erwischt!" Gelächter, Gelächter. Es gehört in Amerika längst zum Ritual, vor jedem Wahlkampf zu versprechen, sich Diffamierungen des Gegners zu enthalten - und von Mal zu Mal wird das Sperrfeuer mit herabwürdigenden Bezeichnungen dichter. Denn "Negativwerbung" funktioniert.
Deshalb sind für Kerry seine Töchter, seine Frau und seine Stiefsöhne so wichtig. Tochter Alexandra, angehende Schauspielerin und Filmproduzentin, hat vor dem Parteitag immer wieder gesagt, sie und ihre Schwester Vanessa wollten die Welt wissen lassen, daß ihr Vater "so warm und albern" sein könne. Eine weitere wichtige Aufgabe der Kinder ist es, die jungen Wähler, gar die Erstwähler und College-Absolventen für Kerry zu gewinnen.
Der Präsident aber kann da mithalten. Denn die 22 Jahre alten Zwillingstöcher Barbara und Jenna haben soeben ihr College-Studium beendet und begleiten ihren Vater immer öfter. Der Modezeitschrift "Vogue" gaben sie zudem ein Interview und ließen sich in Modellkleidern ablichten. Wenn nicht alles täuscht, hat der Präsident auch beim Wettbewerb der Töchter einen leichten Vorteil: Seine Zwillinge sind jünger, frecher, auch draller als die seines Herausforderers und dürften zumal männliche Jungstudenten mehr ansprechen als Kerrys Töchter. Auch der Umstand, daß die Zwillinge im Mai 2001 von der Polizei in Texas beim Konsum von Alkohol ertappt wurden, obwohl das dort erst von 21 Jahren an erlaubt ist, wird sie in den Augen vieler Studenten, denen ähnliches widerfahren sein mag, recht sympathisch machen.
Rekordverdächtige Wahlkampfspenden
Alexandra Kerry hat dagegen beim Filmfestival von Cannes dank eines "Garderobenfehlers" einen erheblichen Grad von Berühmtheit erreicht: Ihr schwarzes Abendkleid mochte zwar im natürlichen Abendlicht nicht viel mehr als die Linie ihrer Taille erkennen lassen, vom Blitzlichtgewitter wurde das Kleid aber buchstäblich so geröntgt, daß man auf den Fotos in erschreckender Klarheit die junge Frau sah, wie Gott sie geschaffen hatte. "Es war ein schönes Kleid, das den 3500 Blitzlichtern einfach nicht gewachsen war", sagte Alexandra Kerry zu dem Vorfall, "und später hoffst du, daß du deinen Vater nicht in Verlegenheit gebracht hast."
Töchter alleine genügen natürlich nicht, um Präsident zu bleiben oder zu werden. Man braucht auch Geld - und beide Kandidaten haben soviel davon wie bei keinem Wahlkampf zuvor. Kerry konnte bisher 185 Millionen Dollar sammeln, was ebenso ein Rekord ist wie bei Bush, der es bis Ende Juni auf mehr als 226 Millionen Dollar brachte. Ausgegeben haben beide Kandidaten die Spendengelder schon mit vollen Händen, sehr zur Freude der Fernsehsender, die an den Wahlwerbespots bestens verdienen.
Warten auf Fehler des Herausforderes
Bush hatte Anfang Juli noch gut 64 Millionen Dollar auf der Bank, Kerrys Kampagnen-Konto wies ein Haben von 36 Millionen Dollar auf. Beide Kandidaten werden zudem die jeweils 75 Millionen staatlicher Wahlkampfhilfe in Anspruch nehmen, die Kandidaten zwischen ihrer offiziellen Nominierung und dem Wahltag aus Steuergeldern zur Verfügung gestellt werden. Sie dürfen aber in dieser Zeitspanne auch nicht mehr ausgeben, was ein weiterer Vorteil für Bush ist. Denn der Nominierungsparteitag der Republikaner in New York findet fünf Wochen nach dem der Demokraten statt. So kann Bush bis zu seinem Parteitag mehr Spenden sammeln und für den Wahlkampf ausgeben.
Und die Berater? Zur Mannschaft Kerrys, die etwa 130 Personen umfaßt, gehören mittlerweile fast alle Kabinettsmitglieder des früheren Präsidenten Bill Clinton sowie den Demokraten nahestehende Washingtoner Politikberater. Auch der "Kriegsraum" - er heißt wirklich "war room" - von Präsident Bush ist üppig ausgestattet. Jeder Auftritt des Herausforderers wird auf Dutzenden von Monitoren genau beobachtet, und wenn sich Kerry eine Blöße gibt, werden sogleich Direktiven an die engsten Berater des Präsidenten übermittelt, um den Fehltritt Kerrys so rasch wie möglich ausnutzen zu können.
Und Rechtsanwälte? Auch die haben sich in nie gekannter Zahl den Wahlkampfteams der beiden Lager angeschlossen. Das Chaos der Wahlen vom November 2000 noch in lebhafter Erinnerung, wappnet man sich für einen neuen möglichen Auszählungs- und Abstimmungsstreit.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.07.2004
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, EPA, REUTERS
