Naher Osten

Scharon will 17 Siedlungen aufgeben

Von Jörg Bremer, Jerusalem

Überraschungscoup: Ariel Scharon

Überraschungscoup: Ariel Scharon

02. Februar 2004 Der israelische Ministerpräsident Scharon hat angeordnet, die Räumung von 17 Siedlungen im Gaza-Streifen vorzubereiten. In einem vorab auf der Internetseite der Zeitung "Haaretz" abgedruckten Gespräch sagte Scharon am Montag: "Es ist meine Absicht, eine Evakuierung oder besser Dislozierung von den Siedlungen vorzunehmen, die uns Probleme bereiten, und von Gegenden, die wir ohnedies bei einer Endstatuslösung, wie die Gaza-Siedlungen, nicht halten wollen." Er sehe es dann so, daß es keine Juden mehr im Gaza-Streifen geben werde. Einen Zeitrahmen nannte er nicht.

"Wir reden von einer Bevölkerung von 7500 Menschen. Das ist keine einfache Sache", fügte Scharon hinzu. Einige dieser Menschen lebten in dritter Generation dort. Zunächst gehe es darum, eine Übereinkunft mit den Siedlern zu erreichen. "Es ist keine einfache Sache, viele tausend Dunam Gewächshäuser, Fabriken und Verpackungsstationen umzusetzen." Diesen Plan will Scharon offenbar Präsident Bush vorlegen. Zwar ist für die nächsten Wochen eine Washington-Reise geplant. Noch steht aber kein Termin fest. Es heißt, Washington wolle erst genaue Informationen über Scharons Schritte zur einseitigen "Ablösung" von den Palästinensern erhalten.

Militäraktion im Gaza-Streifen

Unterdessen kamen bei israelischen Militäraktionen im Flüchtlingslager von Rafah im Süden des Gaza-Streifens vier Palästinenser offenbar bei einem Schußwechsel ums Leben. Unter den Todesopfern war auch der Anführer des militärischen Flügels des Islamischen Dschihads in der Region, Jassir Abu Ajisch. Die Armee teilte mit, Soldaten seien unter Feuer geraten und hätten zurückgeschossen. Sie hätten versucht, Abu Ajisch in seinem Haus in Rafah festzunehmen. Die Soldaten sprachen von drei Toten, Augenzeugen und Ärzte dagegen von vier. Palästinenser sagten, Soldaten hätten das Haus Abu Ajischs zerstört. Abu Ajisch saß im Rollstuhl, nachdem ihm eine Explosion im vergangenen Jahr Arme und Beine abgerissen hatte. Offenbar war damals eine Rakete, die er bauen wollte, vorzeitig detoniert.

Am Wochenende hatte das israelische Verteidigungsministerium mit gezielten Tötungen gedroht, sollten die Islamisten tatsächlich ihre Warnungen wahrmachen und israelische Soldaten entführen. Zunächst hatte in der vergangenen Woche Hizbullah-Generalsekretär Nasrallah damit gedroht, um mehrere Gefangene aus israelischen Zellen herauszubekommen. Am Tag darauf schloß sich Hamas-Gründer Scheich Jassin in Gaza dieser Ankündigung an. Israel kenne nur die Sprache der Gewalt, hatte Jassin gesagt. Scheich Jassin war im September im Haus eines Freundes nur knapp einem israelischen Luftangriff entkommen.

Hizbullah übergab Knochen

Die Armee drang zudem ein weiteres Mal nach Bethlehem vor. Sie tötete dort im Flüchtlingslager Aida einen Islamisten. Seit dem Selbstmordanschlag am vergangenen Donnerstag, bei dem ein Terrorist aus diesem Lager in Jerusalem in einem Bus elf Israelis mit sich in den Tod gerissen hat, operiert die Armee in der Stadt, die seit einem halben Jahr eigentlich von den Palästinensern kontrolliert wird. Am Montag suchte das Militär offenbar nach militanten Islamisten. Bei Schußwechseln wurden auch vier israelische Soldaten verwundet.

Die israelische Armee löste unterdessen offenbar eine Einheit der Militärpolizei wegen Mißhandlung von Palästinensern auf. Wie "Haaretz" in einem weiteren Bericht schrieb, hatte diese Einheit am Kontrollpunkt Kalandia zwischen Jerusalem und Ramallah Palästinenser belästigt, ihre Abfertigung verzögert und CD-Spieler, Zigaretten und Nahrungsmittel beschlagnahmt. Immer wieder berichteten auch die israelischen Kontrollpunkt-Beobachter "Machsom-Watch" über solche Vergehen. Der für humanitäre Fragen zuständige General Spiegel hatte vor kurzem verlangt, die Polizeitruppen an diesen Kontrollpunkten auszutauschen und erfahrene ältere Reservisten einzusetzen, die auch Arabisch sprechen können.

Derweil wurde bekannt, daß der deutsche Unterhändler Uhrlau schon vor Wochen von der Hizbullah Knochen in Empfang genommen hatte. Zunächst hieß es, sie gehörten zu den sterblichen Überresten des israelischen Luftwaffensoldaten Arad, der 1986 über Sidon abgestürzt und dann entführt worden war. Uhrlau hatte die Knochen an die Israelis weitergeben. "Man habe damals das Gefühl gehabt, das sind die richtigen", hieß es jetzt. Doch nun stellte sich heraus, daß es nicht die Knochen von Arad sind. In Israel heißt es aber, die Hizbullah habe sich einfach geirrt und Israel nicht mutwillig in die Irre geführt. Wenn Israel "konkrete Hinweise" auf das Schicksal Arads bekommt, will es den Attentäter Kuntar freilassen, der 1979 in Naharija vier Israelis tötete.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2004, Nr. 28 / Seite 5
Bildmaterial: AP

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