19. April 2007 Jeder der fünf Mörder kam mit einem Messer unter dem Jackett und einem Brief in der Tasche hinauf in die Verlagsräume im dritten Stockwerk. Wir sind fünf Brüder und gehen in den Tod, stand darauf. Vielleicht kommen wir nicht zurück, wir tun es für das Vaterland, versprachen sie.
Nicht sie gingen in den Tod, sie brachten drei Menschen den Tod. Die fünf Jugendlichen aus Malatya, jeder 19 oder 20 Jahre alt, die sich zusammen auf die Aufnahmeprüfung zur Universität vorbereiteten, verhörten zunächst ihre drei Opfer und schnitten ihnen dann die Kehlen durch.
Die Mörder als reaktionäre Fanatiker gegeißelt
Ihre Opfer waren Mitglieder der christlichen Gemeinde von Malatya. Sie hatten sich im Verbindungsbüro des Istanbuler Verlags Zirve getroffen, der überwiegend christliche Literatur vertreibt. Abgesehen hatten es die jugendlichen Mörder auf Necati Aydin, den 35 Jahre alten Geistlichen und Vorsteher der kleinen Konvertitengemeinde von Malatya.
25 Türken gehören ihr an. Aydin selbst hatte den christlichen Glauben vor zehn Jahren angenommen. Vor drei Jahren war er nach Malatya gekommen, um die junge Gemeinde zu übernehmen. Den Lebensunterhalt für seine vierköpfige Familie verdiente er als Angestellter des Verlags. Auch der 32 Jahre alte Ugur Yüksel arbeitete in dem Verlag. Vor zwei Jahren war er aus dem benachbarten Elazig nach Malatya gezogen.
Dort geißelte die schockierte Mutter die Mörder als reaktionäre Fanatiker. Sie durchschnitten auch dem Deutschen Tilman Geske die Kehle. 2003 war der 46 Jahre alte Deutsche von Adana, wo er schon als Missionar tätig war, mit seiner Frau und den drei Kindern nach Malatya gezogen. Er ließ seine Firma unter dem Namen Silk Road Consulting registrieren, übersetzte Bücher aus dem Deutschen und beriet in Erziehungsfragen. Bis zu jenem Nachmittag, an dem ihn die fünf Jugendlichen als Feind der türkischen Nation töteten.
Das Blutbad als missionarisches Wirken
Vier Täter konnten zunächst fliehen, wurden aber nach wenigen Stunden festgenommen. Der fünfte, der Bandenführer, wollte sich mit einem Sprung aus dem Fenster in Sicherheit bringen und wird seither schwer verletzt im Krankenhaus von Malatya behandelt. Er war im Januar wegen seiner Neigung zur Gewalt aus einem Wohnheim für Schüler und Studenten geflogen, in dem seine vier Komplizen weiter wohnten.
Der Polizei gaben sie als Motiv für ihr Blutbad das missionarische Wirken des Verlags und der kleinen Gemeinde an. Sie hätten die Christen zuvor gewarnt. Die hätten von ihrem Tun aber nicht gelassen. Nicht für sich selbst hätten sie die drei getötet, sondern für ihre Religion und, um den Feinden dieser Religion eine Lektion zu erteilen.
Bibeln in der Öffentlichkeit verteilt
Unerwartet kam dieser Mord nicht. Am 5. Dezember 2005 hatte eine Horde nationalistischer Jugendlicher in Malatya vor einem Frachtunternehmen demonstriert, das angeblich türkische Bibeln an den Verlag lieferte. Der änderte darauf aus Furcht seinen Namen von Kayra zu Zirve. In letzter Zeit hätten die Drohungen gegen seine Außenstelle in Malatya dennoch zugenommen, sagte der Istanbuler Verlagsleiter Hamza Özant.
Am 1. März 2000 hatte der getötete Gemeindepfarrer Aydin als Leiter einer Gemeinde in der westanatolischen Stadt Izmir mit einem Gemeindemitglied Bibeln in der Öffentlichkeit verteilt. Unter der Anklage, er habe den Islam beleidigt, wurde er daraufhin in Untersuchungshaft genommen. Als Zeugen aussagten, die beiden hätten sich nicht über den Islam geäußert, kamen sie wieder frei. Aydin wandte sich wegen seiner Haftzeit an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof. Dessen Urteil erlebte er nicht mehr.
Die Kirchen sind streng genommen, illegal
Die Gemeinde von Necati Aydin ist typisch für die türkischen Konvertitengemeinden. Die meisten haben etwa 20 Mitglieder, einige etwas 50. An ihrer Spitze steht ein Laiengeistlicher, der keine reguläre theologische Ausbildung durchlaufen, sondern sich selbst theologisches Wissen angeeignet hat. In der gesamten Türkei gebe es 80 solcher Gemeinden mit insgesamt 5000 türkischen Gläubigen, schätzt Turgay Ücal, der Pfarrer der türkischen presbyterianischen Kirche in Istanbul. Seine Gemeinde ist mit 300 Gläubigen eine der größten Konvertitenkirchen in der Türkei.
Sie feiern ihre Gottesdienste in einer Kirche der amerikanischen Union Church, die der türkische Staat anerkennt. Dieses Privileg ist den meisten Konvertitenkirchen - zumal außerhalb der großen Städte Istanbul, Ankara und Izmir - versagt. Einen rechtlichen Status hat seine Gemeinde dennoch ebenso wenig wie alle anderen türkischen Konvertitengemeinden. Damit sind wir, streng genommen, illegal, sagt Ücal. Die Kirchen organisieren sich als Vereine.
Die Behörden wissen um sie, verschleppen ihre Angelegenheiten aber. Vor allem in der Provinz werden die Gemeinden bedroht. Dem Pfarrer von Samsun hatten die nationalistischen Grauen Wölfe vor wenigen Wochen wieder eine Drohung zugestellt, der in Izmit erwähnt in seinen Rundbriefen immer wieder beiläufig, dass wieder einmal ein Mitglied seiner Gemeinde niedergeprügelt wurde.
Auftrag: Muslime konvertieren
Die meisten der Konvertitengemeinden sind von Missionaren gegründet worden. Pfarrer Ücal schätzt, dass sich gegenwärtig tausend in der Türkei aufhalten, überwiegend aus den Vereinigten Staaten und Korea. Von der türkischen Öffentlichkeit würden sie als politische Agenten wahrgenommen, und entsprechend falle ein Schatten auf die Kirchen der türkischen Christen, klagt Ücal. Auch er selbst ist nicht besonders glücklich über ihr Wirken. Die meisten von ihnen wollten doch nur eigene Kirchen gründen und gingen dann wieder.
Gerade die Amerikaner arbeiteten auch mit deutschen Missionsgesellschaften zusammen, weshalb auch einige deutsche Missionare in der Türkei tätig seien, erklärt Holger Nollmann, Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in der Türkei. Diese evangelischen Missionsgesellschaften hätten den klaren Auftrag, Muslime zu konvertieren.
Türken, die auf der Suche seien, wendeten sich vorzugsweise an junge Missionsgemeinden, beobachtet Nollmann. Denn bei ihnen fänden sie eher Gehör als bei den etablierten Kirchen. Auch den etablierten Kirchen ist die Religionsfreiheit versagt. Selbst die zwei anerkannten einheimischen Kirchen - die der Griechen und der Armenier - können sich wie die ausländischen Kirchen nur als Stiftungen organisieren. Der Mord von Malatya wirft nun auch die Frage auf, ob denn die Türkei die Glaubensfreiheit des Einzelnen garantieren kann.
Der feindliche Ausländer hatte einen Namen
Für das, was in Malatya geschehen sei, trage die Türkei eine kollektive Verantwortung, schreibt anklagend der Chefredakteur von Hürriyet, Ertugrul Özkök. Unerwartet sei das Verbrechen ja nicht gekommen - nach all diesen Kampagnen und Kundgebungen der vergangenen Jahre zu den Aktivitäten ausländischer Missionare.
Parteien und Medien hatten sich an dieser bizarren Polemik beteiligt, Talkshows und Redner gossen Öl ins Feuer. Selbst die Handelskammer von Ankara, ein Hort der Ultranationalisten, veröffentlichte vor drei Jahren einen Missionarsbericht, in dem voller Ernst behauptet wurde, der Westen setze Missionare als politische Agenten mit dem Ziel ein, den türkischen Staat zu unterhöhlen. Der feindliche Ausländer hatte damit einen Namen, das Volk applaudierte. Özkök, der als einer der wichtigsten - wenn nicht der wichtigste - Kommentator im Land gilt, fragte ungehalten: Wo stehe denn die Türkei, wenn sie nicht einige Kirchen und einige Missionare aushalten könne?
Angst vor territorialer Unversehrtheit der Türkei
Ihren Anfang hatte die gespenstische Debatte vor sechs Jahren genommen, noch unter Ministerpräsident Ecevit. Im April 2001 veröffentlichte der Nationale Sicherheitsrat ein Dokument, das dunkel vor der Missionarsgefahr warnte. Von da an war das Thema, das zuvor nur in extremistischen Zirkeln der Grauen Wölfe und Islamisten herumgegeistert war, ein öffentliches Thema. Die Nationalisten der Linken und der Rechten hielten das Thema am Leben.
Sie hatten sich mit dem Ziel, den Beitrittsprozess der Türkei zur Europäischen Union zu torpedieren, zur losen Koalition der Ulusalcilar zusammengeschlossen. Rahsan Ecevit, die Frau des verstorbenen Linksnationalisten Bülent Ecevit, machte sich zu ihrer Sprecherin. Sie witterte in den Missionaren die gleiche Gefahr für die territoriale Unversehrtheit der Türkei wie beim Kauf türkischen Bodens durch Ausländer.
Als Missionarskinder verhöhnt
Als 2002 der linksnationale Agitator Hablemitoglu ermordet wurde, machten seine Anhänger Missionare für den Tod verantwortlich. Als im Januar türkische Intellektuelle gegen die Ermordung des armenischen Intellektuellen Hrant Dink demonstrierten, wurden sie als Missionarskinder verhöhnt.
Am Donnerstagabend gelangte nach einer Zwangspause die umstrittene Serie Tal der Wölfe wieder auf den Bildschirm. Es ist eine Frage weniger Folgen, bis der heroische Polat Alemdar als Feind der Türken auch die Missionare und jene Ausländer ausmachen wird, die angeblich nichts im Sinn haben, als die Türkei zu schwächen und zu teilen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP