Spanien

Der Stier des Anstoßes

Von Leo Wieland, Madrid

06. August 2007 Millionen Spanien-Reisenden gibt die Silhouette in der Landschaft seit einem halben Jahrhundert das Gefühl, angekommen zu sein. Der Stier des Brandy-Herstellers Osborne, der es nach dem Tod des Diktators Franco als vermeintliches Symbol der Ultrarechten nicht leicht hatte, ist sogar zu einem "nationalen Kulturgut" erklärt worden. Das lässt freilich die Regionalnationalisten nicht ruhen. So hat nun die "Katalanische Bruderschaft der Schwarzen Fahne" nächtens in der Nähe von Barcelona den letzten "Toro" der autonomen Region zu Fall gebracht. Stolz verkündete die obskure Gruppe radikaler Jugendlicher, dass nun "der heilige Berg Montserrat gesäubert" sei.

Die Bruderschaft stieß sich an der erst vor wenigen Tagen aufgestellten verhassten Ikone: Sie "verschmutzte" aus ihrer Sicht die heitere katalanische Landschaft. Also sägte ihre Einsatztruppe in dreieinhalb Stunden "guter und harter Arbeit" dem vierzehn Meter hohen und in Beton verankerten Stier die Beine ab. Das gestürzte Sinnbild sei dann "von den Patrioten mit Füßen getreten, erniedrigt und gedemütigt worden, während am Horizont die Sonne der Gerechtigkeit aufging".

Stier ziert spanisches Straßennetz

Diese scheint in ganz Spanien nun nur noch über 88 Exemplaren dieser Spezies mit einem Stahlgerüst als Rückgrat. Die meisten Stiere stehen am Rande der Autobahnen und Landstraßen in Andalusien, woher auch der Brandy kommt. Den schwersten Stand haben sie außer in Katalonien auf den Balearen, in Galicien und im Baskenland. Dort ist jeweils nur noch ein Stier übrig. Und keiner kann seines Überlebens sicher sein. Die "Antikolonialisten" haben ihm schon Kopf und Hoden abgeschnitten, ihn mit Ölfarbe in ein geflecktes Tier verwandelt oder ihm auf den Torso gepinselt: "spanischer Hurensohn".

Die Geschichte des Stiers begann im Jahr 1956 noch im tiefsten Dunkel des Franquismus. Der Familienbetrieb Osborne suchte einen Werbeträger, der das freundliche Gesicht des anderen Spanien widerspiegeln sollte. Der Zeichner Manolo Prieto legte den Entwurf der Kampfstiersilhouette vor, und ein Jahr später zierten die ersten Toros das spanische Straßennetz. Maler und Filmemacher von Dalí bis Almodóvar ließen sich davon inspirieren. Nach dem Tod des Tyrannen erkannten Regionalseparatisten in ihm aber die verhasste "Essenz alles Spanischen" und schritten mit Hammer und Säge zur Tat.

Vom Werbeträger zum Kulturgut

Dabei war die Straßenverkehrsordnung schon zu Francos Zeiten der gefährlichste Gegner des Stiers. Ursprünglich war er aus Holz und nur vier Meter hoch. Außerdem trug er die Aufschrift des Getränks, für das er stand: "Veterano". Als im Jahr 1962 die Regierung beschloss, dass Werbetafeln mehr als hundert Meter vom Straßenrand entfernt sein müssten, wuchs er auf vierzehn Meter an. Dreißig Jahre später verlangte das Amt, dass nun alle Toros von den Aussichtspunkten abzuziehen seien. Da gingen in Spanien Künstler, Politiker und Journalisten für ein Reklameschild auf die Barrikaden.

Als Erste erklärte die Regierung Andalusiens den Stier zum Kulturgut und sicherte ihm dadurch im Süden des Landes die Präsenz. Aber auch das alte Königreich Navarra im Norden half ihm mit einem eigenen Gesetz. Das Verkehrsministerium gab nach, und im Jahr 1997 urteilte sogar das Oberste Gericht, dass die vom Brandynamen inzwischen befreite Silhouette von "ästhetischem und kulturellem Interesse" sei. Das kam einer großen Amnestie gleich, weil die Richter in ihrer Begründung ausdrücklich erwähnten, dass der Gegenstand ihrer Beratungen "seinen ursprünglichen Werbezweck überwunden und sich in die Landschaft eingepasst" habe. Nun war in den widerborstigen Provinzen guter Rat teuer. Die Galicier reagierten rasch mit der Erfindung einer Milchkuh als weniger "machistischem" Gegenstück zu dem Stier. Und in Katalonien wurde für den regionalen Bedarf der "katalanische Esel" als eigenständiges Wappentier entworfen. Diesem fehlt indes, wie spanische Beobachter auf den ersten Blick erkannten, das Wichtigste: "Cojones".



Text: F.A.Z., 06.08.2007
Bildmaterial: Leo Wieland

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