Irak

Schiitenführer Hakim bei Anschlag in Nadschaf getötet

Autobombe vor dem Heiligen Schrein des Imams Ali / Zahlreiche Tote und Verletzte

29. August 2003 rüb. WASHINGTON, 29. August. Bei einem Bombenanschlag vor dem Heiligen Schrein des Imams Ali in der mittelirakischen Stadt Nadschaf ist am Freitag einer der bedeutendsten geistlichen und politischen Führer der schiitischen Bevölkerungsmehrheit im Irak getötet worden. Neben Ajatollah Muhammad Baqir al Hakim, dem Vorsitzenden des Obersten Rats der Islamischen Revolution im Irak (Sciri), starben bei der Explosion einer Autobombe nach Angaben von Nachrichtenagenturen mehr als 70 Personen; 140 wurden verletzt. Erst am vergangenen Sonntag war bei einem Anschlag mit einer Autobombe Ajatollah Muhammad Sajid al Hakim, ein Cousin des jetzt ermordeten Sciri-Vorsitzenden, verletzt worden.

Bei der Beerdigung der drei Leibwächter des Ajatollahs, die bei dem Anschlag getötet worden waren, hatten Tausende Schiiten gegen die Gewalttat protestiert. Der neuerliche Mordanschlag dürfte die relativ stabile Sicherheitslage in den von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit bewohnten zentralen und südlichen Landesteilen des Iraks schwer erschüttern. Schiiten stellen knapp zwei Drittel der 25 Millionen Einwohner des Iraks, waren jedoch unter der Diktatur des Sunniten Saddam Hussein von der Regierung ausgeschlossen und zudem jahrzehntelang schweren Repressionen ausgesetzt. Der Chef der amerikanischen Zivilverwaltung, Bremer, verurteilte das Attentat auf al Hakim und versprach, die alliierten Truppen zur Aufklärung des Verbrechens einzusetzen. Die Feinde eines neuen Iraks schreckten vor nichts zurück, heißt es in einer Erklärung Bremers.

Etwa 90 Prozent der Anschläge auf die amerikanisch geführten Besatzungstruppen ereigneten sich bisher im sogenannten sunnitischen Dreieck nördlich der Hauptstadt Bagdad. Dort siedelt die sunnitische Minderheit des Landes, die etwa 30 Prozent der Einwohner stellt und unter welcher sich bis heute zahlreiche Anhänger des noch immer flüchtigen Diktators Saddam Hussein finden. Bei einem Granatanschlag auf einen amerikanischen Militärkonvoi nahe der Stadt Bakuba etwa 80 Kilometer nördlich von Bagdad wurde am Freitag ein amerikanischer Soldat getötet, drei weitere wurden verwundet. Der Anschlag in Nadschaf ereignete sich gegen 14 Uhr Ortszeit, unmittelbar nach Ende des Freitagsgebetes in der Moschee am Heiligen Schrein des Imams Ali. Die Grabstätte des Gründervaters des Schiitentums ist für die Schiiten eine der wichtigsten religiösen Stätten. Die Symbolkraft des Anschlags am muslimischen Feiertag auf einen der wichtigsten geistlichen und politischen Führer an der heiligsten Stätte der schiitischen Muslime kann kaum überschätzt werden. Der Vorsitzende der schiitisch geprägten Sammelbewegung Irakischer Nationalkongreß (INC), Ahmad Tschalabi, machte in dem amerikanischen Nachrichtensender CNN Anhänger Saddam Husseins und des gestürzten Baath-Regimes für die Anschläge in Nadschaf verantwortlich. (Fortsetzung Seite 2; siehe Seite 5.)

Möglicher Hintergrund der Attentate könnte auch ein Machtkampf zwischen verfeindeten Fraktionen und Geistlichenfamilien der irakischen Schiiten sein. Der radikale Schiitenführer Scheich Muqtada al Sadr, ein Sohn des 1999 vermutlich von Agenten Saddam Husseins ermordeten Großajatollahs Muhammad Sadiq al Sadr, liefert sich seit Monaten mit der gemäßigten Geistlichenfamilie der al Hakim einen erbitterten Machtkampf um die Gefolgschaft unter den Schiiten. Al Sadr hält seine Predigten bei den Freitagsgebeten, in denen er die amerikanischen Besatzungstruppen zum sofortigen Verlassen des Iraks aufzufordern pflegt, in einer Moschee in Kufa wenige Kilometer nordöstlich von Nadschaf. Dort ist es bisher nicht zu Anschlägen gekommen. Al Sadr hat eine mögliche Verwicklung in das Attentat vom vergangenen Sonntag entschieden zurückgewiesen und dürfte auch die Verantwortung für den Mordanschlag an Muhammad Baqr al Hakim weit von sich weisen. Auch wenn kaum jemand die Besatzungstruppen unmittelbar für den Mordanschlag verantwortlich machen wird, werden viele Schiiten von Amerikanern und Briten Rechenschaft darüber verlangen, warum vier Monate nach dem offiziellen Kriegsende die Sicherheitslage im Irak unzureichend ist und sich jüngst gar verschlechtert hat. Die Familie der al Hakim gehört wie jene des Großajatollahs Ali al Sistani, der gegenwärtig die höchste geistliche Autorität unter den Schiiten im Irak genießt, zur quietistischen Linie des Schiitentums, die sich nicht unmittelbar am politischen Leben beteiligt.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2003, Nr. 201 / Seite 1

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