Tom Koenigs im Gespräch

„Nicht auf einen militärischen Sieg über die Taliban hoffen“

09. Oktober 2007 Tom Koenigs leitet seit 2006 die UN-Mission in Afghanistan. In der F.A.Z. spricht der Grünen-Politiker über seinen Wunsch, das Land zu verlassen, Verhandlungen mit den Taliban und die Bundestagsdebatte über den Militäreinsatz.

Herr Koenigs, wird Kabul zur wichtigsten Zielscheibe des Terrorismus in Afghanistan?

Verglichen mit Kandahar oder Khost sind Selbstmordanschläge in der afghanischen Hauptstadt bislang relativ selten. Trotzdem terrorisieren diese Attacken die Bevölkerung. Dass auch Kabul nicht mehr sicher ist, wird von der Bevölkerung als besonders beängstigend empfunden.

Wie reagiert die Bevölkerung?

Hier in Afghanistan gibt es nur eine sehr geringe Sympathie für diese Form des Kampfes. Die Anschläge geschehen auf öffentlichen Plätzen. Das ist eine Kriegserklärung an die gesamte Gesellschaft.

Sie sind nun seit 20 Monaten in Kabul. Geht es mit Afghanistan bergab?

Der Aufstand hat sich im Laufe des vorigen Jahres gesteigert und ist, gerade was die Selbstmordattentate betrifft, in diesem Jahr noch schlimmer geworden. Die Militärs haben einige wichtige Siege erfochten. Aber die Aufständischen haben ihr Operationsgebiet vergrößert. Um einen Indikator zu nennen: Es gibt beispielsweise in diesem Jahr 20 Prozent mehr Anschläge als im vergangenen Jahr - mit Bomben, Selbstmordattentätern oder Minen. Und es gibt mehr Bezirke, die für Regierungsbeamte oder Ausländer nicht zugänglich sind.

Gehen alle Anschläge auf das Konto der Taliban?

Zu den Taliban gehören ja verschiedenste Gruppen. Und da hat sich die Zahl der Gruppen und Grüppchen eher vergrößert - und die Anzahl der Einzelanschläge auch. Es hat sich in diesem Jahr herausgestellt, dass die Grenzlinie zwischen politischem Kampf und Kriminalität völlig verschwommen ist. Es segeln eine Menge von Kriminellen in der gegenwärtigen Situation einfach mit und freuen sich, dass die Polizei nicht zugreifen kann, weil es in der Gegend den Aufstand gibt.

Sie werden oft zitiert mit der Meinung, dass es Moderate und „Hardliner“ unter den Taliban gebe und man sich mit den Moderaten möglicherweise ins Benehmen setzen könne. Was meinen Sie mit „moderaten Taliban“?

Der Auftrag unserer Mission lautet Peacekeeping, also Friedenssicherung. Daher versuchen wir, mit allen zu reden. Die Vereinten Nationen haben auch mit Milosevic geredet, um Frieden zu schaffen, obwohl sie immer wussten, dass der serbische Machthaber ein Kriegsverbrecher ist. Und wenn man über einen Waffenstillstand verhandeln könnte, würde man natürlich mit jeder der kämpfenden Parteien verhandeln. Das Gebot, das sich manche auferlegen, also zu sagen, mit denen reden wird ganz bestimmt nicht, gilt sicher nicht in einer Peacekeeping-Operation. Die Zusammensetzung der Taliban ist ja sehr verschiedenartig: Es gibt ganze Stämme, die verärgert sind. Es gibt einzelne Gruppen, die ökonomische Interessen haben. Es gibt Kriminelle, und es gibt Leute, die ganz verschwommene politische Ansichten haben und teilweise auch irregeleitet sind. Und es gibt die, die für Geld kämpfen. Wenn man da sagt, mit all denen reden wir nicht, dann wird es sehr schwierig, einen Ansatzpunkt für den Frieden zu finden. Je mehr man das Feld aufteilen kann und je eher es einem gelingt, mit einzelnen Gruppen ins Gespräch zu kommen und vielleicht die Frustrationen, Ärgernisse oder Forderungen einzeln zu besprechen, umso eher wird es einem gelingen, vom Schlachtfeld weg und an den Verhandlungstisch zu kommen. Und in Extremsituationen müssen wir mit allen reden. Als die Koreaner in Geiselhaft waren, hat die koreanische Regierung natürlich mit den Entführern - eindeutig Kriminellen und Terroristen - geredet, um ihre Leute freizukriegen.

Die Afghanen diskutieren, ob sogar eine Beteiligung der Taliban an der Macht möglich ist, wie Karzai sie kürzlich angeboten hat.

Zunächst einmal sind in der afghanischen Regierung und im afghanischen Parlament natürlich Leute, die von ihrer Vergangenheit her gesehen durchaus bei den Taliban sein könnten. Und bei den Taliban sind durchaus Leute, die auch hier im Parlament oder in der Regierung sein könnten. Die Afghanen haben in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass sie in der Lage sind, sich mit Leuten zu versöhnen und später wieder gegeneinander Krieg zu führen. Schließlich gibt es auf der Seite der Taliban Gruppen oder auch Einzelne, die sich wieder in das System integrieren wollen. Ich glaube, die afghanische Regierung tut gut daran, zu sagen, dass Verhandlungen und Gespräche nur ein einziges Ziel haben können: die Leute auf die Grundlage der Verfassung zurückzubringen. Denn die Verfassung wird von der überwältigenden Mehrheit der Afghanen als Grundlage für die Zukunft gesehen. Wer sich auf sie nicht von vorneherein einlässt, mit dem lohnt es sich nicht, zu reden. Einer meiner Vorgänger als UN-Sondergesandter für Afghanistan, der von mir sehr geschätzte Lakhdar Brahimi, hat einmal gesagt, wenn er den Bonner Prozess noch einmal zu beginnen hätte, dann würde er mehr tun, um die Taliban miteinzubeziehen. Das, was damals wohl nicht möglich war oder was damals falsch gelaufen ist, das muss man heute korrigieren.

Wer könnten denn bei den Taliban die Gesprächspartner sein?

Das wird man erst herausfinden, wenn man in konkreten Gesprächen ist. Die fangen immer örtlich und immer an einzelnen Punkten an. Aber dass das mit Sicherheit nicht Mullah Omar und seinesgleichen sein werden, das kann man schon voraussagen. Es ist eine völlig theoretische Debatte, ob man nun mit Mullah Omar verhandelt oder nicht. Übrigens hat Mullah Omar auch früher nicht verhandeln wollen. Da wir aber nicht darauf hoffen können, einen militärischen Sieg zu erringen, der in der bedingungslosen Kapitulation endet, ist es umso besser, je früher das Blutvergießen aufhört und das Verhandeln anfängt. Selbst in den Gebieten, in denen die Taliban gegenwärtig herrschen, haben sie nicht die Mehrheit der Leute hinter sich. Die Afghanen wissen, wie es war, als die Taliban regiert haben. Selbst in den südlichen Gebieten wollen 80 bis 90 Prozent der Afghanen das nicht noch einmal.

Müssen die Taliban aus Schwäche auf ausländische Kämpfer zurückgreifen?

Die Taliban sind durch die militärischen Auseinandersetzungen geschwächt worden. Sie haben nicht mehr die nötigen Führungsstrukturen. Daher setzen sie Ausländer ein und kommen dadurch mit der örtlichen Bevölkerung in politische Schwierigkeiten. Dies ist dann auch eine Möglichkeit, den Gegner zu spalten und zu sehen, wer mit den ausländischen Kämpfern mitmacht und wer nicht.

Sind die Selbstmordattentäter paschtunische Taliban oder ausländische Dschihadisten?

Anfänglich waren es Ausländer. Jetzt sind es zunehmend oder fast ausschließlich Afghanen, darunter allerdings auch solche, die in Flüchtlingslagern in Pakistan ausgebildet wurden oder die Kontakt zu den Religionsschulen dort hatten.

Was erwarten Sie von der Afghanistan-Debatte im Deutschen Bundestag?

Es ist erfreulich, dass das Thema Afghanistan international so große Aufmerksamkeit findet und dass es sehr scharfe Debatten gibt, zum Beispiel in Japan, in Italien oder in Kanada. Der amerikanische Kongress steht geschlossen auf der Seite der Unterstützung von Afghanistan. Die europäischen Parlamente hingegen sind gespalten. Wenn man den Multilateralismus stärken will, den die Amerikaner hier in Afghanistan ausdrücklich wollen, dann darf man natürlich nicht den Beitrag der anderen schwächen. Deshalb hoffe ich, dass es im Bundestag ein deutliches und auch zahlenmäßig starkes Mandat für die Schutztruppe Isaf, den Tornado-Einsatz der Bundeswehr und die Sondereinsatzkräfte gibt. Die Deutschen sind hier sehr populär. Das würde ich ungern verloren sehen. Es geht nicht um Einzelheiten. Es geht darum, ob wir uns hier in Afghanistan engagieren oder nicht.

Sie sind Mitglied der Grünen. Sind Sie unglücklich über die vom Sonderparteitag beschlossenen Grundlinien?

Ich bin überhaupt nicht glücklich damit. Die Grünen hätten auf die Afghanen hören sollen. Einige waren hier und haben es trotzdem nicht getan. Auf die Afghanen, die der internationalen Gemeinschaft sagen: Lasst uns bitte nicht allein, wie ihr das 1989 nach dem Abzug der Russen gemacht habt. Ihr habt uns das Versprechen gegeben, dass ihr die demokratische Regierung unterstützt. Ihr könnt nicht auf halbem Wege aufhören. Dass die Grünen nun sagen, den amerikanischen Einsatz finden sie nicht gut, das zeugt von einer groben Unkenntnis. Ihr Beschluss setzt mehr auf Glauben als auf Sachkenntnis.

Sie habe gesagt, es gebe keine Alternative zu Karzai. Trifft das noch immer zu?

Es gibt mittlerweile eine Oppositionsformation im Parlament, die sehr stark von der Nordallianz geprägt ist: die Nationale Front. Da sind auch viele von denen drin, die noch vor kurzer Zeit Warlords hießen. Sie versuchen, eine Alternative zu Karzai aufzubauen - vielleicht um Qanuni, den Parlamentspräsidenten, herum. Das belebt erst einmal die parlamentarische Szene und ist positiv. Die Kohärenz dieser Gruppe ist aber leider sehr gering. Sie hat kein politisches Programm, das eine vernünftige Alternative zum jetzigen Präsidenten darstellen könnte. Deshalb ist diese Formation noch keine Alternative zu Karzai. Karzai steht für den internationalen Kurs von Afghanistan. Außerdem baut die Nationale Front eigentlich im Land eine Front zwischen den Paschtunen und dem Rest auf.

Obwohl es in der Nationalen Front auch einige Paschtunen gibt.

Aber wenige. Jedenfalls würden diese im Paschtunengürtel nur wenige Stimmen bekommen. Eine Präsidentschaft aber von Qanuni würde das Land spalten. Wir haben hier 40 oder 45 Prozent Paschtunen. Daher heißt es und hat es immer geheißen, der Präsident müsse ein Paschtune sein.

Karzai hat also Aussichten, auch die nächsten Wahlen zu gewinnen?

Bis dahin sind ja noch anderthalb Jahre Zeit. Karzai würde sich aber, glaube ich, durchsetzen. Was dem Präsidenten aber dringend zu empfehlen wäre, ist, sein Kabinett jetzt so zu revidieren, dass er mit einer auch programmatisch starken Mannschaft in den Wahlkampf geht.

Wie lange wollen Sie in Afghanistan bleiben?

Bis zum Ende des Jahres.

Und was machen Sie nach Ihrem Abschied von Afghanistan?

Da bin ich für alle Anregungen offen.

Mit Koenigs sprach Ahmad Taheri in Kabul.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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