18. August 2005 Am zweiten Tag der Zwangsräumungen im Gazastreifen hat sich die Lage in der Siedlung Neve Dekalim zugespitzt. 1500 Abzugsgegner hatten sich am Mittwoch in der Synagoge verschanzt, die von den Soldaten gestürmt wurde.
Derweil will Israel die Zwangsräumung aller Siedlungen im Gazastreifen bis Montag oder Dienstag abschließen und damit deutlich schneller als geplant. Dieses Ziel habe am Donnerstag der Ministerausschuß besprochen, der für den Abzug aus dem palästinensischen Gebiet zuständig ist, sagte ein israelischer Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters.
Offiziellen Angaben zufolge haben die israelischen Streitkräfte bislang zwölf der 21 Siedlungen entweder geräumt oder von ihren Bewohnern weitgehend verlassen. Derweil haben die Vereinigten Staaten angesichts des israelischen Abzugs von Israel und den Palästinensern baldige Schritte auf dem Weg zur Gründung eines Palästinenserstaates gefordert.
Zwangsräumung braucht weniger Zeit
Der neue Termin sei auf der Basis einer aktuellen Lagebeurteilung der Zwangsräumung ins Auge gefaßt worden, sagte der Regierungsvertreter. Die Zwangsräumung der Siedlungen brauche nach Einschätzung der zuständigen Behörde und des Ministeriums für öffentliche Sicherheit viel weniger Zeit als erwartet.
Israel hatte für die endgültige Räumung der Enklaven zunächst drei Wochen veranschlagt. Bis Mittwoch abend waren offiziellen Angaben zufolge sechs der 21 Siedlungen vollständig geräumt, darunter Morag, das als Hochburg der Abzugsgegner galt. Sechs weitere Siedlungen waren demnach weitgehend freiwillig von ihren Bewohnern verlassen worden.
Zerstörung der ersten jüdischen Siedlung
Am Donnerstag morgen stießen mehrere tausend Soldaten nach Kfar Darom vor, um die am Vortag begonnene Zwangsräumung fortzusetzen. Noch am Donnerstag will die israelische Armee mit der Zerstörung der ersten jüdischen Siedlung im Gazastreifen beginnen.
Die israelischen Soldaten kamen zu Fuß durch einen Seiteneingang der Siedlung Kfar Darom, da die Siedler das Haupttor mit einem brennenden Traktor verbarrikadiert hatten. In der Siedlung haben sich etwa 2000 Bewohner und andere Gegner des Abzugs versammelt, die sich der Räumung widersetzen wollen.
Gott ist König
Die Truppen umstellten in kurzer Zeit die Synagoge und drei Gebäude der Umgebung, in der sich Siedler verschanzt haben. In der Synagoge hielten sich mehrere hundert Menschen auf. Viele weitere kletterten auf das Dach des Gebäudes, wo sie Stacheldraht ausrollten.
Betonsperren mit der Aufschrift Gott ist König blockierten die Zufahrtsstraßen zur Synagoge. Eine Gruppe von Jugendlichen stellte sich den Soldaten entgegen und rief ihnen zu: Was macht ihr, seid ihr verrückt?!
Soldaten stürmen Synagoge
Nachdem die Verhandlungen über eine Aufgabe des Widerstandes am Donnerstag nachmittag abgebrochen worden waren, stürmten israelischen Soldaten in die Synagoge. Wenig später trugen sie die ersten Siedler ins Freie. Hunderte Menschen wippten bis zuletzt in der Synagoge ihre Oberkörper im Gebet vor und zurück, andere tanzten um die Thora-Rolle. Unter ihnen waren auch zahlreiche Siedlerführer.
In Kfar Jamin bedrohte ein jüdischer Siedler israelische Soldaten mit einem Sturmgewehr. Die Truppen unterbrachen daraufhin ihren Räumungseinsatz, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Rund 500 Soldaten umstellten das Haus nach Medienberichten. Der Siedler rief Journalisten auf, sich zu entfernen, damit sie nicht in ein mögliches Kreuzfeuer gerieten. Im Haus des Siedlers sollen sich rund 40 militante Gegner des Abzugs versammelt haben.
Armee will Siedlungen zerstören
Unterdessen berichtete der israelische Rundfunk, daß die israelische Armee noch am Donnerstag mit der Zerstörung der ersten jüdischen Siedlung im Gazastreifen beginnen.
Die evakuierte Siedlung Kerem Atsmona solle als erste zerstört werden, wurde nach Beratungen eines interministeriellen Komitees unter Vorsitz von Ministerpräsident Ariel Scharon berichtet. Am Sonntag solle dann mit dem Abriß der Siedlungen Rafiah Jam, Gan Or und Peat Sadeh begonnen werden.
Hamas kündigt Rache an
Nach der Erschießung von vier Palästinensern durch einen jüdischen Siedler im Westjordanland kündigte die militante Hamas-Bewegung Rache an. Ein Sprecher deutete jedoch an, daß es keine Angriffe auf die aus dem Gazastreifen abziehenden Israelis geben werde.
Nach der Bluttat vor der Siedlung Schilo im Westjordanland wurden drei Mörsergranaten und eine Rakete in die Nähe auf bereits geräumte jüdische Siedlungen im Gazastreifen abgefeuert.
Neve Dekalim zum größten Teil geräumt
Die größte Siedlung im Gazastreifen, Neve Dekalim, wurde am Mittwoch zum größten Teil geräumt. Von den ursprünglich 480 Familien halten sich noch etwa 60 in der Ortschaft auf. In der Synagoge haben sich mehrere hundert Abzugsgegner verschanzt, darunter viele Jugendliche aus dem Westjordanland.
Die Streitkräfte haben erklärt, daß Neve Dekalim an diesem Donnerstag vollständig geräumt werden soll. Weitere Einsatzziele waren die Siedlungen Schirat Hajam und Netzer Hasani im Süden des Gazastreifens.
Washington fordert weitere Schritte
Es kann nicht nur Gaza sein, sagte die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview der Tageszeitung The New York Times. Nach seinem vollständigen Rückzug aus dem Gazastreifen müsse Israel schnell weitere Schritte unternehmen.
In diesem Zusammenhang nannte sie eine größere Bewegungsfreiheit für die Palästinenser im Westjordanland und einen Rückzug aus weiteren palästinensischen Städten in dem Gebiet.
Keine weiteren israelischen Zugeständnisse?
Israelische Regierungsvertreter haben dagegen dem Artikel zufolge erklärt, daß ihr Land keine weiteren Zugeständnisse machen werde, bis die Palästinenserbehörde mit der Auflösung und Entwaffnung gewalttätiger Palästinensergruppen beginnt. Die radikalen Gruppen haben zahlreiche Angriffe und Anschläge auf Israelis verübt und dabei Hunderte Menschen getötet. Seit mehreren Monaten halten sie sich weitgehend an eine Waffenruhe, die Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas ausgehandelt hat.
Rice unterstützte die israelische Forderung und sagte, sie erwarte von der Palästinenserregierung ein schnelles Vorgehen gegen gewalttätige Gruppen, die die Waffenruhe brechen wollten. Das ist nach der Road Map ihre Aufgabe, fügte sie unter Hinweis auf den internationalen Nahost-Friedensplan hinzu, der von den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union (EU), den Vereinten Nationen (UN) und Rußland 2003 vorgelegt worden ist.
Text: FAZ.NET mit Material von Reuters/AP/AFP
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS