Afghanistan

Hintergründe der Entführung zweier Deutscher bleiben im Dunkeln

19. Juli 2007 In Afghanistan sind zwei deutsche Mitarbeiter eines in Kabul ansässigen Unternehmens entführt worden. Die bestätigte die Bundesregierung. „Nach den uns vorliegenden Hinweisen müssen wir von einer Entführung ausgehen“, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Jäger. Zu Hintergründen der Entführung wollte er sich wie stets in solchen Fällen nicht äußern.

Aus seinen Äußerungen war allerdings zu schließen, dass es sich bei den beiden Deutschen nicht um Angehörige der Vereinten Nationen handelt. Auch zu der Bezeichnung „Beobachter“ äußerte sich der Sprecher skeptisch. Die Angaben des Sprechers von Außenminister Steinmeier könnten ein Hinweis darauf sein, dass es sich bei den Entführern nicht um politisch oder religiös motivierte Kriminelle handelt.

„Tun alles, um sie wieder frei zu bekommen“

Der Krisenstab bemüht sich um eine rasche Aufklärung des Falls

Der Krisenstab bemüht sich um eine rasche Aufklärung des Falls

Die beiden Deutschen, über deren Herkunft, Beschäftigung und Alter keine nähere Angaben gemacht wurden, werden seit Mittwoch vermisst. Jäger mahnte, dass Informationen über den Fall „mit Augenmaß und einer gewissen Gelassenheit“ begegnet werden sollte. In Afghanistan gebe es Leute, die den Kontakt mit der Presse nicht scheuten. Dabei würden Aussagen gemacht, denen nicht zu trauen sei.

Die deutsche Botschaft in Kabul und alle relevanten Stellen seien eingeschaltet und um rasche Aufklärung und eine „umfassende Suche“ bemüht. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagte am Donnerstag am Rande eines Truppenbesuchs in Lechfeld: „Wir werden alles tun, um sie wieder frei zu bekommen.“

Nach Informationen der ARD sind die Opfer Bauingenieure, die Entwicklungsprojekte im Auftrag der UN betreuten. Fünf zu ihrem Schutz bestimmte Polizisten hätten die Waffen niedergeworfen und seien geflohen. Die Entführung habe sich in derselben Gegend abgespielt, in der jüngst ein Fahrzeug der deutschen Botschaft unter Beschuss geraten sei.

In der Hand der Taliban?

Angeblich sind die beiden Deutschen in der Hand eines Taliban-Kommandeurs. Das sagte Gouverneur der Provinz Ghasni, Miradschuddin Pathan, der Nachrichtenagentur AFP.

Zwei afghanische Polizisten, die zusammen mit den Deutschen und drei weiteren Afghanen entführt worden waren, seien freigelassen worden. Das Auswärtige Amt stellte auch diese Angaben in Frage., da der Gouverneur einer Provinz vorstehe, die „nicht betroffen“ sei.

Ein Sprecher der Taliban erklärte dagegen, nach seinen Informationen sei kein Ausländer von den Kämpfern seiner Organisation „festgesetzt“ worden. „Ich habe mich mit allen unseren Truppen in der Region in Verbindung gesetzt, aber niemand weiß irgendwas darüber“, sagte er nach Informationen der Nachrichtenagentur DPA.

Der Polizeichef der Provinz Wardak, Mahbobullah Amiri, bezeichnete dagegen die bewaffneten Täter als „Diebe“, konnte aber keine weiteren Angaben über sie machen. Die Gruppe sei im Bezirk Dschaghatu entführt worden, sagte Amiri weiter. Die Polizei durchsuche das Gebiet, habe aber noch keinen Kontakt mit den Tätern hergestellt.

Widersprüchliche Angaben gab es auch zur Zahl und Nationalität der entführten Personen. Ein afghanischer Behördenvertreter hatte der britischen BBC am Mittwoch gesagt, dass in der Provinz Wardak sieben Personen verschleppt worden seien, darunter zwei Deutsche. Die Vereinten Nationen bestätigten eine Entführung in Afghanistan, bei der ein Deutscher, sein Fahrer und sein Dolmetscher verschleppt worden seien. Vier sie begleitende Polizisten seien frei gelassen worden.

Auftrag und Funktion der Entführten unklar

Unklar bleibt, in wessen Auftrag die Deutschen unterwegs waren. Nach Angaben Pathans handelt es sich um UN-Mitarbeiter. Die Vereinten Nationen sprachen zunächst von sechs Afghanen und einem vermutlich deutschen Vertreter einer „internationalen Beobachtermission“, nähere Angaben zur Identität des Mannes oder seiner Funktion wurden nicht gemacht. Nach Angaben der afghanischen Polizei arbeiteten die Deutschen an einem Dammprojekt.

Anfang Juli war erstmals seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 ein Deutscher in Afghanistan entführt worden. Die Kidnapper hatten den Geschäftsmann unter bis heute unklaren Umständen nach einer Woche wieder freigelassen.

In Afghanistan sind Deutsche bereits mehrfach Opfer von Gewalt geworden. Im März erschossen bewaffnete Männer im Norden des Landes einen deutschen Mitarbeiter der Welthungerhilfe. Im Oktober 2006 ermordeten Unbekannte eine Journalistin und einen Techniker der Deutschen Welle.

Nach Schätzungen des Auswärtigen Amtes leben derzeit gut 500 Deutsche dauerhaft in Afghanistan. Man schätze deren Arbeit als Aufbauhilfe, hieß es. Tatsächlich dürften es weit mehr sein, weil es dort keine Meldepflicht gibt. Im Rahmen des deutschen Beitrags zur Nato-geführten Afghanistan-Schutztruppe Isaf sind außerdem etwa 3300 Bundeswehrsoldaten am Hindukusch stationiert.

Zivilist bei Anschlag getötet

Unterdessen ist bei einem Anschlag im Einsatzgebiet der Bundeswehr in Nordafghanistan bei einem Selbstmordattentat am Donnerstag ein Zivilist getötet worden. Nach afghanischen Behördenangaben wurden bei dem Anschlag nahe einer Polizeistation in Faisabad, der Hauptstadt der Provinz Badachschan, 25 weitere Zivilisten, unter ihnen drei Frauen und drei Kinder, verletzt.

Unterdessen wies der afghanische Rebellenführer Gulbuddin Hekmatyar am Donnerstag Berichte über einen angeblichen Waffenstillstand mit der Regierung zurück. Ein Sprecher sagte am Donnerstag, Hekmatyar werde seinen „Heiligen Krieg“ gegen die ausländischen Truppen und die afghanische Regierung niemals aufgeben. „Der Führer von Hesb-i-Islami hat keinerlei Erklärung veröffentlicht. Dies ist ein Versuch, ihn zu verunglimpfen und sein Ansehen zu beschädigen.“ In einer am Donnerstag in Kabul verbreiteten Erklärung des Chefs der von den Taliban unabhängigen Partei hatte es zunächst geheißen, die Parteimitglieder hätten „die Tötung ihrer Brüder und die Zerstörung des Landes beendet und die politische Arbeit aufgenommen“.

Hekmatyar ist einer der von Amerika meistgesuchten Rebellen. Der gelernte Ingenieur und frühere Ministerpräsident Afghanistans war von einem erbitterten Gegner der Taliban zu deren Unterstützer geworden. 2002 hatte er zum Kampf gegen die Regierung von Präsident Karsai und die in Afghanistan stationierten Soldaten der Nato-geführten Schutztruppe Isaf aufgerufen. 2006 bezeichnete Hekmatyar sich als Verbündeten des Terrornetzes Al Qaida. Er hatte 1975 die islamistische Partei Hezb-i-Islamiye gegründet.

Entführungen Deutscher im Ausland

In den vergangenen Jahren sind immer wieder Deutsche im Ausland entführt worden. Eine Chronologie:

Juli 2007, Afghanistan: Ein in der südwestafghanischen Provinz Farah verschleppter deutscher Geschäftsmann kommt nach einwöchiger Geiselhaft frei. Die Umstände der Verschleppung und der Freilassung sind ungeklärt.

Februar 2007, Irak: Die 61-jährige Hannelore Krause und ihr 20-jähriger Sohn werden aus ihrer Wohnung in Bagdad verschleppt. Vier Wochen später fordert eine Islamistengruppe den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und droht mit der Ermordung der Geiseln. Die Bundesregierung gibt am 11. Juli die Freilassung der Mutter bekannt. Ihr Sohn ist weiter in der Hand der Kidnapper.

Januar 2006, Irak: In der Industriestadt Baidschi nördlich von Bagdad entführen Unbekannte die beiden Deutschen Thomas Nitzschke und René Bräunlich. Die Techniker einer Leipziger Anlagenfirma kommen Anfang Mai frei.

Dezember 2005, Jemen: Der frühere Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, und seine Familie werden von Angehörigen eines jemenitischen Stammes entführt. Drei Tage später kommen sie nach intensiven Verhandlungen wieder frei.

November 2005, Irak: Die deutsche Archäologin Susanne Osthoff und ihr irakischer Fahrer werden in der Provinz Ninive von Unbekannten verschleppt. Nach 23 Tagen Geiselhaft wird Osthoff freigelassen.

Februar 2003, Algerien: 16 deutsche Touristen geraten in die Gewalt einer islamistischen Terrorgruppe. In Etappen kommen alle Geiseln bis August frei. Eine 46 Jahre alte Frau aus Augsburg überlebt die Strapazen des Marsches durch die Sahara nicht.

April 2000, Malaysia/Philippinen: Abu-Sayyaf-Terroristen verschleppen die Göttinger Lehrerfamilie Wallert und andere Touristen an der malaysischen Nordostküste und bringen sie auf die Philippinen- Insel Jolo. Als letzter kommt Sohn Marc im September frei. Libyen hatte vermittelt und mehrere Millionen Dollar Lösegeld gezahlt.

Januar 1996, Costa Rica: Die 25 Jahre alte Touristin Nicola Fleuchaus und eine Schweizerin werden von Rebellen aus einem Urwaldhotel entführt. Für die Freilassung nach 71 Tagen zahlen die Familien angeblich 200.000 Dollar.

April 1993, Afghanistan: In der afghanischen Grenzstadt Spinbuldak werden der deutsche Drogenfahnder Stefan Ehlert, ein Brite und ein Niederländer entführt. Die Kidnapper, Gefolgsleute eines afghanischen Guerilla-Führers, verlangen im Austausch die Freilassung von Gesinnungsgenossen aus pakistanischer Haft. Nach einem Monat kommen die Europäer wieder frei.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa

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