Blairs Nachfolger

Die späte Ankunft des Gordon Brown

Von Bernhard Heimrich

Brown darf Blair nicht zu sehr ähneln und doch nicht anders sein

Brown darf Blair nicht zu sehr ähneln und doch nicht anders sein

11. Mai 2007 Die Faustregel, dass alle politischen Karrieren im Scheitern enden, scheint Zeitgenossen oft plausibler zu sein als Historikern. Margaret Thatcher war 1990 nach fast elf Jahren Regierungszeit so robust aus der Downing Street vertrieben worden, dass sie sich für die ersten Tage eine Wohnung von einem Geschäftsmann leihen musste.

So lange hat Tony Blair nicht gewartet. In Nordirland hatte er einmal gesagt, er spüre die Hand der Geschichte auf seinen Schultern. Jetzt hat er sie wieder gespürt, und sie hat ihn mit sanfter Gewalt von der Bühne geschoben.

Sogar Frau Thatcher sollte Nachahmer finden

Denn eigentlich war es gar nichts Besonderes, das ihn zum Abschied gezwungen hat, sondern mehr der Lauf der Regierungszeit im Allgemeinen, will sagen der Überdruss der Wähler. Doch auch diesen Abschied hat er im Glanz der aufgehenden neuen Epoche in Nordirland genommen, und nach einer Anstandsfrist werden die Urteile über Blair und seine Zeit sicher gnädiger werden.

Sogar Frau Thatcher sollte schließlich Bewunderer und Nachahmer finden, was ihr ein stilles Triumphlächeln auf die Lippen treiben müsste. Ist nicht New Labour die Fortsetzung des „Thatcherismus“ mit anderem Drehbuch? Ist - oder war? Das muss Blairs Nachfolger jetzt entscheiden.

Der Zwilling ist immer dabei gewesen

Blair und Brown hatten ihren Weg nach Westminster einmal als politische Zwillinge begonnen. In dieser Symbiose gab es mehrere bemerkenswerte Wendungen, manche sicher sogar erfreulich, und ein großes Zerwürfnis. Doch etwas hat es bis heute noch nicht gegeben: dass einer von beiden ganz allein das Geschäft übernimmt. Bis heute ist der Zwilling immer dabei gewesen, und sei es unsichtbar als Drohgestalt oder Spottfigur. Das wird jetzt anders.

Frau Thatcher hatte ihrem Nachfolger angedroht, sie werde „das Auto weiter vom Rücksitz lenken“. Sie hat sich sogar bemüht, diesen Fluch zu erfüllen. Tony Blair dagegen hat begriffen, dass seine Ablösung nicht ein Betriebsunfall ist, ein Versehen oder Versagen irgendeiner Taktik, sondern der politische Ernstfall. Er wird nicht von weitem mitregieren wollen.

Niemand kann sich vorstellen, ob und wie die vergangenen zehn Jahre britischer Politik anders verlaufen wären, hätte Blair ohne den dräuenden Schatten Browns am Ruder gestanden. Dafür werden jetzt alle umso deutlicher erfahren, wie es ist, wenn Brown allein regiert. Etwas wird dem Premierminister Brown jedenfalls fehlen: ein Mann, hinter dem er unsichtbar werden kann, wenn es unangenehm wird, wie bei der Vorbereitung des irakischen Feldzugs.

Brown kann nicht alles anders machen

Soll der Premierminister Brown eher versuchen, die Linien der Regierung Blair fortzuziehen, oder soll er dem Land lieber einen anderen Entwurf vorlegen? Natürlich muss er grundsätzlich beides mischen. Aber umso heikler wird die Dosierung im Detail. Der Schatzkanzler Brown war zu lange zu mächtig, und er ist seit dem Anfang und noch länger dabei gewesen. Er kann also heute nicht daherkommen und sagen, jetzt werde man es endlich anders machen. Damit würde er sich selbst den Boden wegziehen.

Denn warum hat er es nicht von 1997 bis 2007 „anders gemacht“? Seine Gegner würden ihn verhöhnen, und seine Kritiker in der eigenen Partei würden sich an das Urteil des früheren Innenministers Clarke erinnern, Brown habe gewisse Charakterfehler. Fährt die Regierung Brown jedoch nur da fort, wo die Regierung Blair/Brown demnächst aufhört, werden sich alle fragen: Wozu ist Blair eigentlich gegangen? Und Gordon Brown würde seinem Vorgänger wahrscheinlich bei der nächsten Gelegenheit folgen, also vermutlich bei der nächsten Wahl so um 2009.

Blairs Nachfolger muss überraschen

So viel Zeit hat er aber nicht. Sein Start fällt in die zweite, also falsche Hälfte des politischen Sommers. Von Ende Juni an wird er ein paar Wochen Zeit zum Regieren haben, bis die endlosen Parlamentsferien kommen, die sich bis in den Oktober schleppen. Die Partei ist demoralisiert, und die immer mäkeliger werdenden Wähler sind nur kurze Zeit wieder neugierig.

Will er auf beide einen ersten Eindruck machen, der bis 2009 in Erinnerung bleiben soll, muss er sie als Premierminister so überraschen, wie er sie und notabene seinen Nachbarn Tony Blair nach seinem Amtsantritt als Schatzkanzler 1997 überrascht hatte. Damals hatte er die Bank von England für unabhängig erklärt.

Das war ein kleiner Staatsstreich von oben, aber einer, der dem Wohlergehen des Landes genutzt hat. Nun munkelt man, Brown werde demnächst wieder einen „Hingucker“ aus dem Hut zaubern. Aber in der Politik sind die Möglichkeiten, das Publikum zu verblüffen, nicht nur riskanter, auch die Auswahl ist beschränkt.

Wieder mehr eine Labour-Regierung?

Soll er die britischen Truppen aus dem Irak holen? Das hat Blair im Prinzip schon getan; es gibt da gewisse Fristen und Kautelen, aber im Grundsatz hat das Ende des britischen Engagements im Irak begonnen. Soll er die Erbschaftsteuer abschaffen? Über deutsche Koalitionsquerelen mit dieser Überschrift kann ein Brite nur lachen. Soll er Großbritanniens Beitritt zum Euro verkünden? Man würde ihn noch am selben Tag in einer Zwangsjacke aus der Downing Street tragen!

Soll er die britische Atomstreitmacht abrüsten, weil sie zu viel Geld kostet? Auch das hat ihm Blair schon verstellt. Er hatte das Parlament kürzlich schon über die nächste Generation amerikanischer Atomraketen abstimmen lassen. Dabei hat er nur gewonnen, weil die Jastimmen der Konservativen die Neinstimmen aus der Labour-Fraktion aufgewogen haben - und das beileibe nicht zum ersten Mal. Vielleicht wäre das überhaupt ein Rezept: Die Regierung Brown könnte versuchen, wieder mehr eine Labour-Regierung zu werden.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP

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