Weißrußland

Das Gesicht des Widerstands

Von Reinhard Veser, Minsk

“Ich bleibe hier, was auch immer mit mir passieren wird“: Aleksandr Milinkewitsch

"Ich bleibe hier, was auch immer mit mir passieren wird": Aleksandr Milinkewitsch

14. März 2006 Aleksandr Milinkewitsch hat einige Dutzend düstere Begleiter. Wo immer der Präsidentschaftskandidat der weißrussischen Opposition auftritt, beobachten dunkel gekleidete, kräftig gebaute Männer mit unbewegten Gesichtern die Menge, manche filmen sie mit Videokameras. Die Agenten des weißrussischen KGB sind leicht zu erkennen, sie stehen da als stete Mahnung, daß dem Regime nichts entgeht.

Sechshundert, vielleicht siebenhundert vorwiegend alte Menschen haben sich vor dem Kino „Saljut“ im Süden von Minsk bei Schneefall und eisig beißendem Wind versammelt. Eigentlich sollte Aleksandr Milinkewitsch im Kino zu seinen Anhängern sprechen, doch die Tür ist verschlossen. Drinnen stehen zwei Männer und filmen alle, die draußen stehen. Noch eine Stunde zuvor hatte die Frau am Eingang behauptet, sie habe nichts von einer Veranstaltung gehört, die hier stattfinden solle. „Wir zeigen den Kinderfilm Garfield“, sagt sie.

„Er hat Angst vor der Wahrheit!“

Der Kandidat macht erst gar nicht den Versuch, sich Eintritt in das Kino zu verschaffen, er kennt das Spiel schon. Auch diese „Begegnung mit den Wählern“ wird - nach Lesart des Regimes - eine unerlaubte Versammlung unter freiem Himmel werden. Dutzende von Milinkewitschs Unterstützern sind in den vergangenen Wochen wegen solcher Veranstaltungen oder wegen des Verteilens von Flugblättern festgenommen worden.

Manche erhielten Geldstrafen, die sie vermutlich nicht bezahlen können, zwei seiner wichtigsten Mitarbeiter wurden wegen Rädelsführerschaft bei unerlaubten Versammlungen zu 15 Tagen Haft verurteilt und werden den Wahltag am 19. März im Gefängnis verbringen. All das sei ein weiterer Beweis dafür, daß Präsident Lukaschenka Angst habe, ruft Milinkewitsch den Menschen zu: „Er hat Angst vor der Wahrheit!“

„Nieder mit den Knechten des Westens“

Milinkewitsch hat noch zwei weitere Auftritte an diesem Sonntag in Minsk. Der vor dem Kino „Saljut“ ist der einzige, bei dem er ungestört sprechen kann, doch auch so ist er für viele nur schwer zu verstehen, denn ein Megaphon ist die einzige Möglichkeit, seine Stimme zu verstärken, seit der Lautsprecherwagen der Opposition beschlagnahmt wurde. Zwei Stunden später ist auch die Tür zum „Haus der Eisenbahner“ verschlossen. Aus Lautsprechern über dem Eingang beschallt laute Musik die wartenden Anhänger der Opposition.

Plötzlich kommt eine Gruppe junger Männer mit Transparenten um die Ecke, auf denen „Wir sind für Lukaschenka“ und „Nieder mit den Knechten des Westens“ steht. Milinkewitschs Anhänger pfeifen, gehen auf sie zu, Schneebälle fliegen. Zwei alte Männer gehen auf die „Lukaschisten-Faschisten“ los, andere versuchen, sie zu beruhigen. Nach einigen Momenten, in denen eine Schlägerei möglich schien, stehen sich Anhänger und Gegner des Regimes gegenüber, brüllen in Sprechchören gegeneinander an.

Forderung nach Demokratie und Freiheit

Milinkewitsch sucht auch hier nicht den Konflikt, beharrt nicht auf Zugang zum Gebäude. In einiger Entfernung vom „Haus der Eisenbahner“ stellt er sich auf dem Platz vor dem Gebäude auf die hohe Einfassung eines Blumenbeets. Seine Anhänger und die Lukaschenkas strömen zu ihm, die Musik aus den Lautsprechern über dem Eingang wird lauter. Milinkewitsch läßt sich davon nicht beeindrucken, er hält seine Rede, dieselbe, die er am Morgen vor dem Kino „Saljut“ gehalten hat und die er am Abend vor der Eishalle nochmals halten wird.

Die von der staatlichen Propaganda gepriesene Stabilität sei eine „Stabilität des Stillstands“, die Weißrußland immer weiter von Europa entferne, sagt er. Er stellt sein Wirtschaftsprogramm vor, das von Fachleuten verfaßt worden sei, auch von heimlichen Anhängern der Opposition in den Ministerien. Die entscheidenden Sätze, auf die die Menschen mit Sprechchören antworten, sind aber die mit der Forderung nach Demokratie, nach Freiheit, nach Gerechtigkeit, nach Bewahrung der Unabhängigkeit.

„Ich werde da sein, mit meinen Kindern“

Noch wichtiger aber scheint eine andere Botschaft zu sein: Da steht einer, der keine Angst mehr hat. Der Widerstand gegen die Diktatur hat ein Gesicht bekommen. Aleksandr Milinkewitsch, ein großgewachsener Mann mit grauem Haar und Vollbart und einem offenen Gesicht, das frei von Fanatismus ist, wirkt, als perlten die ständigen Schikanen und Einschüchterungen der Staatsmacht von ihm ab. Die Sprechchöre, mit denen die Lukaschenka-Anhänger ihn zu stören versuchen, ignoriert er souverän. Gegen Ende des Auftritts wird er gefragt, was am Wahltag passieren werde. Für den Abend des 19. März hat die Opposition dazu aufgerufen, im Stadtzentrum gemeinsam auf das Wahlergebnis zu warten, und in Minsk herrscht die Angst, daß Lukaschenka diese Demonstration mit allen Mitteln, auch mit Schußwaffen, auflösen lassen werde.

„Ich rufe diejenigen, die Angst haben, nicht dazu auf zu kommen“, sagt er. „Ich werde da sein, mit meinen Kindern. Wenn man die Angst einmal überwunden hat, geht man nicht mehr auf die Knie!“ Immer wieder sagt er, es sei schon jetzt sicher, daß die Wahl gefälscht werde, „aber wir werden diesen Weg bis zum Ende gehen“. Die demokratischen Parteien ließen sich nicht mehr spalten, sagt Milinkewitsch: „Ich verspreche euch, daß ich nicht in die Emigration gehe. Ich bleibe hier, was auch immer mit mir passieren wird.“

„Nein zu den farbigen Revolutionen!“

Am Abend haben sich vor der Eishalle gut 2.000 Personen versammelt. Waren es bei der ersten Veranstaltung noch überwiegend alte Menschen, die Milinkewitsch zuhörten, so sind es nun in der Mehrheit Jugendliche. Im Schutz der Menge schwenken einige die in Weißrußland verbotene weiß-rot-weiße weißrussische Nationalfahne. Auch die Störer vom „Haus der Eisenbahner“ sind wieder da, diesmal mit anderen Transparenten: „Nein zu den farbigen Revolutionen!“ und „Milinkewitsch - nein, Lukaschenka ja!“

Sie werden von einem etwa dreißig Jahre alten Mann dirigiert. Mit seinem regungslosen Gesicht, den nach hinten gekämmten Haaren, dem langen grauen Mantel, der oben geöffnet ist, so daß Anzug und Krawatte zu erkennen sind, wäre er die ideale Besetzung für den zynischen Gestapo-Mann in einem Film über die NS-Zeit. Einige der Gegendemonstranten haben kleine Kopfhörer im Ohr. Doch vor dem Eispalast ist die Zahl von Milinkewitschs Anhängern zu groß, das Grüppchen von etwa 20 Leuten kommt trotz mehrerer Megaphone nicht gegen „Es lebe Weißrußland!“-Rufe der Regimegegner an.

„Wolna moladsi“ - „Freie Jugend“

„Ich habe Lukaschenka zu einer Fernsehdebatte aufgefordert“, sagt Milinkewitsch. „Wir erinnern uns doch alle, wie er damals, vor zwölf Jahren aufgetreten ist, bevor er gewählt wurde. Er kann doch reden - aber jetzt ist er nur noch in der Lage, solche Kerle zu schicken.“

Die Kundgebung vor der Eishalle hat ein Nachspiel in der Metrostation „Puschkinskaja“. Geheimdienstler schnappen einen jungen Mann und schleppen ihn aus der Station. Andere, die sie aufhalten wollen, werden geschlagen und getreten. Die Menge, die den KGB-Leuten hinterrennt, sieht gerade noch, wie der junge Mann in einen dunklen Geländewagen gezerrt wird.

Es war eine gezielte Aktion, denn später am Abend wird bekannt, daß es eine von insgesamt 20 Festnahmen war. Die meisten hatten Plakate oder Fahnen hochgehalten. Der Festgenommene aus der U-Bahn-Station gehörte einer Gruppe namens „Wolna moladsi“ an - „Freie Jugend“.

Text: F.A.Z., 14.03.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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