04. November 2003 Man hätte kaum einen besseren finden können, heißt es bei Moskauer Geschäftsleuten: Simon Kukes, der neue Vorstandsvorsitzende von Yukos, ist erfahren im Ölgeschäft, die Branche in Rußland und in Amerika kennt er genau. Der in Moskau geborene Russe mit amerikanischem Paß hat nach dem Rücktritt seines verhafteten Vorgängers Michail Chodorkowskij die schwere Aufgabe vor sich, den größten Ölkonzern des Landes durch heftiges politisches Unwetter zu navigieren. Er tut dabei so, als spüre er den Sturmwind aus dem Kreml gar nicht. "Ich bin nicht für Politik engagiert worden", sagte der kleine, schmächtige Mann am Dienstag bei seiner ersten Pressekonferenz mit leiser Stimme und umschiffte geschickt alle Fragen zum Vorgehen der Justiz und den politischen Ränkespielen um den Ölkonzern.
Ein Wechsel in einem Unternehmen sei an sich nichts Besonderes, sagte Kukes genauso wie die anderen sechs Vorstandsmitglieder des Konzerns; zwei davon sind wie er Amerikaner. Und das Porträt von Chodorkowskij hänge weiter im Flur des gläsernen Yukos-Hochhauses als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber dem Mann, der das Unternehmen groß gemacht habe, der aber nach eigenem Wunsch keine Rolle mehr bei Yukos spielen werde. Dem Konzern gehe es gut, es gebe keinen Grund für einen Kurswechsel, lautete die Botschaft.
Emigration nach Amerika
Geboren wurde der 56 Jahre alte Ölmanager in Moskau, wo er Chemie am Mendelejew-Institut studierte und promoviert wurde - fünfzehn Jahre später studierte am gleichen Institut auch Chodorkowskij. Mit 30 Jahren emigrierte Kukes nach Amerika, das war 1978, setzte sein Studium an der Universität in Houston in Texas fort. Schon ein Jahr später begann er für Phillips Petroleum zu arbeiten, von 1986 bis 1996 war er für den amerikanischen Ölkonzern Amaco tätig, wo er zum Vizepräsidenten aufstieg. Für das Rußland-Geschäft von Amaco kam Kukes, der jüdischen Glauben ist, 1995 zurück nach Moskau. Dort leben seine Verwandten, sein Bruder ist ein bekannter Medizinprofessor. Ein Jahr später wechselte Kukes von Amaco zu Yukos, wo er zwei Jahre lang in der Führung tätig war.
Als die russische Ölgesellschaft Tyumen Oil (TNK) einen neuen Chef suchte, war Kukes die erste Wahl. In Zeiten der russischen Finanzkrise gelang es ihm, das Unternehmen trotz eines Sparkurses zu reorganisieren und mit Hilfe westlicher Partner - wie Halliburton - zu modernisieren. Als die Schwierigkeiten sich auf dem wichtigsten Ölfeld Samotlor in Sibirien häuften, verließ Kukes für mehrere Monate Moskau und packte die Dinge dort selbst an. Ins Management holte er neue Leute, darunter viele Ausländer. Sein Meisterstück ist die Fusion von Tyumen Oil mit British Petroleum in diesem Jahr. Der britische Ölriese kaufte für 7,7 Milliarden Dollar 50 Prozent der russischen Ölfirma. Im Sommer dieses Jahres kam Kukes als Aufsichtsrat zu Yukos zurück. Als Vorstandschef wird er in den kommenden Monaten die Fusion mit dem Konkurrenten Sibneft, der mehrheitlich dem Ölmilliardär Roman Abramowitsch gehört, zu Ende führen. Aus ihr soll der viertgrößte private Ölkonzern der Welt, Yukossibneft, entstehen.
Keine Yukos-Anteile
Kukes besitzt keine Anteile an Yukos, er ist als Manager keiner der mächtigen Interessengruppen des Landes verpflichtet. Politische Ambitionen hat er nicht. Sein amerikanischer Paß schützt ihn davor, solches Ungemach zu erleiden wie sein Vorgänger. Kukes sitzt in den Aufsichtsräten mehrerer amerikanischer Firmen und politischer Stiftungen. Nun werde er sich dort weniger aufhalten, dafür um so mehr in Moskau und in Sibirien, kündigte er an. Er will, sagt er, weiter dafür arbeiten, daß Yukos einer der weltweit führenden Ölkonzerne wird. Ob man ihn läßt, ist eine noch unbeantwortete Frage.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2003, Nr. 257 / Seite 5
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