Es wird immer klarer, warum der deutsche Außenminister nicht das Bedürfnis hatte, der Klage des russischen Präsidenten Putin auf der Münchner Sicherheitskonferenz zu widersprechen, die Supermacht Amerika versetze mit ihrer alle Grenzen überschreitenden Politik die ganze Welt in Furcht und Schrecken. Steinmeier hat, wie seine jüngsten Äußerungen in der neuerlich aufgeflammten Debatte über die amerikanischen Pläne zur Raketenabwehr erkennen lassen, Verständnis für die russischen Befürchtungen hinsichtlich dieses Projekts.
Moskau misstraut den amerikanischen Beteuerungen, dass sich die geplanten Abwehrstationen in Mitteleuropa nicht gegen sein nukleares Abschreckungspotential richteten, sondern gegen einzelne Atomraketen, etwa aus Iran. Wie Putin meinte nun auch Steinmeier darauf hinweisen zu müssen, dass die iranischen Raketen noch nicht bis nach Europa reichten.
Steinmeier ist nicht allein
Der deutsche Außenminister schließt sich in dieser Streitfrage somit eher den Argumenten Moskaus an als denen Washingtons. Allein ist er damit in deutschen Landen beileibe nicht. Putin wusste schon, dass seine Saat des Zweifels und des Misstrauens Amerika gegenüber in Deutschland auf besonders fruchtbaren Boden fallen würde.
Hier war die Bereitschaft, im Streit über den Irak-Krieg auf Gegenkurs zu Washington zu gehen, besonders groß. Hier findet auch die These, dass es der Welt nicht schade, wenn die letzte Supermacht durch eine Gegenmacht in den Schranken des Vernünftigen gehalten werde, viel Zuspruch.
Es geht um die Geschlossenheit der Nato
Doch scheint hinter den Beschwörungen der Vorteile des Mächtegleichgewichts auch eine Märchenwelt des Wunschdenkens auf. Denn nicht nur Amerika, auch Putins Russland ist an der Ausdehnung seiner Macht und seiner Einflussräume interessiert. Niemand hat dafür ein so feines Gespür wie die Mittel- und Osteuropäer, die sich in der Raketenabwehrdebatte weit weniger um das Seelenleben der Russen sorgen als Berlin.
Gerade den neuen Nato-Mitgliedern ist nicht entgangen, dass Moskau wieder wie früher jede Gelegenheit nutzt, die Risse der atlantischen Allianz zu vertiefen. Ein Auftritt Putins genügte, um diese sichtbar zu machen. Nun müsste es vor allem darum gehen, das Bündnis zusammenzuhalten. Doch in Berlin zieht man es vor, sich vernehmlich und verständnisvoll der angeblichen Ängste Moskaus anzunehmen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, F.A.Z.