Krieg in Georgien

Nur die Alten bleiben in Gori

Die alten sind geblieben oder zurückgekehrt, um auf ihre Wohnungen aufzupassen

Die alten sind geblieben oder zurückgekehrt, um auf ihre Wohnungen aufzupassen

12. August 2008 Drei zerstörte Häuser am Stadtrand sind der Mittelpunkt von Gori. Wer aus Tiflis kommt, fährt zunächst an den zum Teil ausgebrannten fünfstöckigen Plattenbauten vorbei, in die am Samstag mehrere von russischen Flugzeugen abgeworfene Bomben eingeschlagen haben, folgt einer Straße, an der zu kleinen Haufen zusammengekehrt die zersplitterten Reste von Fensterscheiben liegen, und gelangt am Museum mit dem Geburtshaus Stalins vorbei in das fast menschenleere Stadtzentrum.

Zu Füßen des Stalin-Denkmals vor der Stadtverwaltung schlafen zwei Straßenhunde in der Sonne. Sonst ist nur wenig Leben zu sehen. Vier mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer der Nationalgarde steigen durch die glaslosen Fenster in die Sportschule von Gori in der Stalinstraße 11 ein, drei, vier Männer in Zivil schauen zu. Keiner weiß so recht, weshalb der größte Teil der Glasfront in Scherben auf dem Gehweg liegt. Vielleicht war es die Bombe, die am Montagmorgen um sechs gefallen ist, vermutet einer. Wo sie eingeschlagen hat, weiß er nicht.

Gori ist überall

Gori ist in Georgien zu einem Symbol geworden. Es ist nur gut zwanzig Kilometer von den Kämpfen entfernt – und es ist die bisher einzige Stadt außerhalb Südossetiens, in der der Krieg zivile Todesopfer gefordert hat. In jedem Gespräch kommt die Rede irgendwann auf die Bomben, die die drei Häuser getroffen haben. Durch die Bomben, die russische Flugzeuge jede Nacht über Georgien abwerfen, kamen sonst kaum Menschen zu Schaden. Aber die Bomben wirken, indem sie daran erinnern, dass Gori überall sein kann.

Ein Mann mit einem Kind auf dem Arm und eine schwer an Taschen und Rucksäcken tragende Frau gehen an den geschlossenen Geschäften auf der Hauptstraße entlang. Sie verlassen die Stadt als Nachzügler. „Wir haben die Frauen und die Kinder gleich weggebracht, wir wissen ja nicht, wie viele Bomben sie noch werfen“, sagt ein grauhaariger Mann, der mit anderen alten Männern um einen geschlossenen Kiosk herumsteht. Die Frauen, Kinder und Enkel sind jetzt bei Verwandten, die einen in Dörfern gleich bei Gori, andere in Tiflis, manche weit weg im Osten Georgiens.

Die meisten der jungen Männer sind zur Reserve eingezogen worden. Die alten sind geblieben oder zurückgekehrt, um auf ihre Wohnungen aufzupassen. Als sie am Montagmorgen von der Bombe wach wurden, mussten sie gleich an den Samstag und die Toten denken, rannten auf die Straße. „Das ist kein Krieg zwischen Osseten und Georgiern, das ist ein Krieg zwischen Russland und Georgien“, sagt einer. „Die Russen wollen unser Land wegnehmen. Die haben doch so schon genug, aber nein, das kleine Stückchen Ossetien brauchen sie auch noch.“

An dem Vorwurf der Russen, dass die Georgier auch Zivilisten angegriffen hätten, sei nichts Wahres, sagt ein anderer: „Wir sind ein friedliebendes Volk. Einer kann ein noch so schlimmer Feind sein – einer Frau oder gar einem Kind würde ein Georgier nie etwas antun.“ Darüber, wer die Schuld an dem Krieg trägt, sind sich hier alle einig, und sie sind sicher: „Wenn die Russen jetzt nicht gestoppt werden, dann machen sie das gleiche auch mit der Ukraine, Deutschland oder Frankreich.“

Übergangsstation für Flüchtlinge

Immer wieder fahren Militärkolonnen durch die Stadt, sonst ist es ruhig. In den Tagen zuvor habe man den Beschuss auf Zchinwali gehört, nachts sei in dieser Richtung am Himmel ein heller Schein zu sehen gewesen, berichten die Menschen. Die Besitzer zweier Lebensmittelläden halten aus Furcht vor Plünderern die Türen geschlossen – an einem ist ein kleines Fenster geöffnet, am anderen reichen die Menschen das Geld durch einen Schlitz in der Glastür, bekommen durch diesen Schlitz einen Kassenzettel und können sich die Waren am Hintereingang abholen. In der Gruppe steht eine junge Frau in einem gelben Top und mit rot geweinten Augen. Sie ist nach Gori zurückgekehrt, weil ihr Bruder als Soldat in Zchinwali ist oder aber: war? „Seit Tagen kann ich ihn nicht erreichen.“ Als sie gehört hat, dass die georgischen Truppen sich zurückzogen, ist sie nach Gori gefahren: Vielleicht kommt er ja durch die Stadt.

Die georgischen Flüchtlinge aus Südossetien kamen alle zuerst nach Gori, aber nach den Bomben vom Samstag zogen die meisten weiter. Geblieben sind einige Alte, von denen sich gegen Mittag rund zwei Dutzend vor der Stadtverwaltung versammeln, wo Lebensmittel verteilt werden sollen. Während oben im Gebäude der Bezirksgouverneur mit den Bürgermeistern der umliegenden Ortschaften tagt, drängen sich am Hintereingang die Menschen um den Tisch, an dem ein Mann umständlich ihre Personalien aufnimmt. Im Treppenhaus lagern Konserven, Nudeln und einige Säcke Mehl.

In den drei Häusern am Stadtrand, deren Anblick seit Samstag jeder in Georgien kennt, räumen diejenigen, denen noch etwas geblieben ist, ihre Habseligkeiten aus den Wohnungen. Gerade hat ein Kleinbus, von dessen Fensterscheiben nur noch einige Splitter in den Gummidichtungen hängen, voll bepackt mit Kissen und Matratzen den Hof verlassen. Auf einen alten Lastwagen sowjetischer Bauart werden Möbel geladen, denen man ihre Jahre ansieht. Ein Mann versucht, einen Fernsehapparat auf dem Rücksitz eines altersschwachen blauen Lada zu verstauen. Dort, wo ein Teil der Fassade weggesprengt wurde, blickt man in ein rußgeschwärztes Badezimmer, in dem noch das Wasser läuft. Der beladene Lastwagen kommt nur mit Mühe über die im Hof liegenden Trümmer, die Ladung schwankt bedenklich. Als es geschafft ist, steigt eine Frau in die Fahrerkabine. Sie wirft noch einen kurzen Blick zurück.

Zur Leserdebatte: Krieg im Kaukasus (Diskussion abgeschlossen)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Frank Röth, Frank Röth / F.A.Z., REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie suchen eine günstige Unterkunft für den nächsten Urlaub? Jetzt Ferienwohnungen und Ferienhäuser finden bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche