Fernsehduell mit Bush

Etappensieg für Kerry

Von Matthias Rüb, Washington

Kerry vor Bush - ein Omen?

Kerry vor Bush - ein Omen?

01. Oktober 2004 Für einen muß dieses Mal die Serie abreißen. Denn bisher hat keiner der beiden Kandidaten je eine Fernsehdebatte „verloren“, denn sowohl John Kerry wie George W. Bush haben nach wichtigen Debatten stets die darauf folgenden Wahlen gewonnen.

Kerry hatte sich 1996 bei einem harten Kampf um seinen Senatorensitz in Washington des populären, gemäßigt konservativen Gouverneurs von Massachusetts, William Weld, zu erwehren. Wochenlang hatte Kerry in allen Umfragen deutlich hinter Weld gelegen, doch bei der direkt im Fernsehen übertragenen Diskussion gewann er die Oberhand - und siegte bei den Senatswahlen mit einem Vorsprung von sieben Prozentpunkten gegen den Republikaner.

Kurze Sätze und klare Überzeugungen

Bush hatte seinen ersten großen Schlagabtausch vor dem unerbittlichen Auge der Fernsehkameras 1994, als er gegen die seinerzeit in Texas sehr beliebte demokratische Gouverneurin Ann Richards antrat. Bush schlug Richards mit seinen kurzen Sätzen und klaren Überzeugungen in dem Rededuell recht deutlich, und auch die Wahlen für den Posten des Gouverneurs in Austin bald darauf gewann Bush klar.

Die denkwürdigste Fernsehdebatte Bushs aber war der Schlagabtausch 2000 mit dem damaligen Vizepräsidenten Al Gore. Daß Gore die Einlassungen Bushs immer wieder mit einem ungeduldigen Kopfschütteln quittierte und seinem Entsetzen über die vermeintliche Inkompetenz seines Gegners auch mit einem vernehmbaren Seufzer Ausdruck gab, sollte sich schon bald nach der Debatte als tödlicher Fehler herausstellen.

Gores Bild als arroganter, kalter Politiker, der während acht Jahren als Vizepräsident die Verbindung zum Volk verloren hatte, verfestigte sich vielen Wählern in der politischen Mitte, und dies machte den historisch knappen Sieg des zumal in außenpolitischen Fragen unerfahrenen Gouverneurs aus Texas erst möglich.

Ungeduldig und ein wenig mißmutig

Wer die erste von drei Debattenrunden zwischen Kerry und Bush gewonnen hat und wer am Ende als der Sieger des öffentlichen Ringens vor dem Auge des Fernsehvolkes dastehen wird, ist nach dem Auftakt in Miami schwer zu sagen. Als Zwischenergebnis läßt sich aber festhalten, daß keiner der beiden einen schweren Fehler begangen hat - obwohl Bush mitunter zu ungeduldig und auch ein wenig mißmutig wirkte - noch auch seinem Gegner den entscheidenen Schlag versetzen konnte: Es gibt nicht das eine Zitat oder die eine Geste, die fortan ein ums andere Mal zu sehen oder zu lesen sein und mithin die Quintessenz der Debatte symbolisieren wird.

Die Mehrzahl der Kommentatoren und auch der in Blitzumfragen nach der Debatte befragten Wähler bewerteten diesen Umstand schon als Etappensieg für den Herausforderer. Denn tatsächlich waren die Erwartungen vor dem Beginn der Debatte an Bush größer als an Kerry. Die Zeiten, da Bush von dem Umstand profitieren konnte, von seinen politischen Gegner und von vielen Medienleuten unterschätzt zu werden, sind vorbei. Bush ist eben nicht mehr der Außenseiter "vom flachen Land", sondern er ist der Präsident mit fast vier Jahren Erfahrung im Weißen Haus, der dort Entscheidungen von historischer Tragweite zu fällen hatte.

Tiefe Überzeugungen und messerscharfe Argumente

Verabschiedung von der Gattin des Gegners

Verabschiedung von der Gattin des Gegners

Messerscharf Und Bush wurde den an ihn gestellten „präsidialen“ Erwartungen gerecht, zeigte sich der Sachlage gewachsen und präsentierte zudem sein „Herz“ der tiefen Überzeugungen, während Kerry als Herausforderer eher noch stärker war, als viele erwartet hatten, weil er zugleich messerscharf argumentierte und dabei auch noch besonnen und schließlich stets im knappen Zeitrahmen der Zwei-Minuten-Antworten blieb.

Natürlich zeigten sich die Anhänger beider Politiker überzeugt, ihr Kandidat habe besser abgeschnitten, und beide Seiten haben gute Argumente für ihre Einschätzung. Doch die entscheidende Frage, welche Schlüsse die bisher noch Unentschiedenen unter den geschätzten gut 50 Millionen Fernsehzuschauern ziehen werden, läßt sich wohl erst nach der dritten Debatte am 13. Oktober beantworten.

Kerry: Einmarsch in den Irak ein „kolosssaler Fehler“

Die Studiokulisse: sehr schlicht

Die Studiokulisse: sehr schlicht

In jedem Fall erbrachte das erste direkte Aufeinandertreffen der beiden Politiker eine gute Debatte, weil es den Zuschauern einen gleichsam ungefilterten Eindruck von den Kandidaten und ihren Positionen zur zentralen außenpolitischen Frage gab: zum Krieg im Irak und gegen den Terrorismus. Kerry blieb bei seiner erst jüngst verfestigten Position, der Einmarsch im Irak sei von Beginn an ein „kolossaler Fehler“ gewesen und habe vom eigentlichen Kampf gegen den Terrorismus und zumal gegen Usama Bin Ladin und dessen Terrornetz Al Qaida abgelenkt.

Bush erwiderte mit dem inzwischen aus seinen Wahlkampfauftritten sattsam bekannten Argument, man könne den Krieg gegen den Terrorismus, der eben auch entscheidend an der Front im Irak ausgefochten werde, nicht mit Wankelmut und "widersprüchlichen Signalen" gewinnen: „Das einzig Beständige an meinem Gegner ist seine Unstetigkeit“, sagte Bush über Kerry.

Und das ganze in Großaufnahme

Und das ganze in Großaufnahme

Dessen Behauptung, Amerika trage heute „90 Prozent der Verluste und 90 Prozent der Kosten“ im Irak, während er im Falle seiner Wahl die von Bush verprellten Verbündeten zu wirklicher Hilfestellung im Irak und im Krieg gegen den Terrorismus bewegen werde, begegnete Bush mit seinem wohl stärksten Argument: Wie wolle Kerry ausgerechnet mit der Einschätzung, im Irak werde „der falsche Krieg zur falschen Zeit am falschen Ort“ ausgefochten, andere überzeugen, bei diesem Unternehmen mitzutun?

Unterschiedliche Einschätzungen

Die Befriedung des Iraks und der Krieg gegen den Terrorismus seien "harte Arbeit", bekräftigte Bush, doch unter seiner starken und unbeirrten Führung werde dieses Unterfangen bis zum Sieg zu Ende geführt. Die amerikanischen Truppen würden den Irak erst verlassen, wenn die Iraker selbst die Sicherheit ihres Landes gewährleisten könnten, versprach Bush und warf Kerry vor, mit Herablassung über die tapfer an der Seite Amerikas kämpfenden Alliierten zu sprechen.

Kerry hielt mit einem vom früheren Präsidenten Bill Clinton geborgten Argument dagegen, wonach Stärke und Entschlossenheit keine Werte an sich seien, zumal wenn sie - wie beim Präsidenten - zu Realitätsferne und Starrköpfigkeit führten.

Positionen zu Nordkorea und Rußland

Markant waren auch die unterschiedlichen Einschätzungen zur möglichen nuklearen Bewaffnung Nordkoreas und Irans. Während Kerry vorbrachte, die beiden verbliebenen Staaten auf Bushs "Achse des Bösen" seien wegen des verfehlten unilateralen Irak-Krieges heute gefährlicher und dem Status einer Atommacht näher als zuvor, verteidigte Bush sein multinationales diplomatisches Vorgehen und wandte sich ausdrücklich gegen die von Kerry befürworteten direkten Gespräche zwischen Washington und Pjöngjang.

Rußland bezeichnete Bush als "Partner im Krieg gegen den Terror", wollte aber Putin auch daran erinnern, das demokratische System der Gewaltenteilung nicht weiter auszuhöhlen. Beide Kandidaten sprachen sich gegen die Entsendung amerikanischer Truppen nach Sudan und für einen "innerafrikanischen" Kampf gegen den Völkermord in Darfur aus, und beide bezeichneten übereinstimmend die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und den internationalen Terrorismus als die größte Bedrohung unserer Epoche. Nicht immer war alles faktisch richtig, aber fast immer stimmig, was die beiden Kandidaten vorbrachten.

Das Bild ist nach Miami klarer, und die künftigen Debatten zur Innen- und Wirtschaftspolitik werden es noch weiter klären. Am 2. November dann hat der Souverän an der Wahlurne das Wort.

Text: rüb.; Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb

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