12. Mai 2008 Am sechsten Tag des Konflikts zwischen Sunniten und der schiitischen Hizbullah erhöhte sich im Libanon die Zahl der Opfer auf mindestens 58 Tote und mehr als 188 Verletzte. Zu neuen Kämpfen kam es am Montag vor allem in der Hafenstadt Tripoli. Der Armee, die weiter neutral ist, nahm in Beirut und in vielen Teilen des Landes umkämpfte Gebiete unter Kontrolle. Eine politische Lösung zeichnete sich auch am Montag nicht ab.
Die der Opposition nahe stehende Zeitung al Achbar berichtete, der schiitische Parlamentssprecher Berri warte auf eine Antwort von Ministerpräsident Siniora zu einem Vorschlag der Armeeführung. Generalstabschef Michel Sulaiman hatte die Aufhebung von zwei Entscheidungen der Regierung vorgeschlagen.
Eine betraf die Beseitigung des Telefonnetzes der Hizbullah, das teilweise von iranischen Unternehmen verlegt worden war, die andere die Versetzung des Sicherheitschefs am Flughafen, der Kameraaufnahmen für die Hizbullah ermöglicht hatte. Bei einer positiven Antwort Sinioras werde er die Konfliktparteien zu einem Dialog einladen.
Mit dem Beginn des Dialogs werde die Hizbullah ihre Kampagne des zivilen Ungehorsams einstellen, sie werde die Straßenblockaden aufheben sowie den Flug- und den Seehafen wieder eröffnen, sagte Berri.
Arabische Außenminister wollen vermitteln
Die Arabische Liga will in den kommenden Tagen eine Delegation mit Außenministern von sieben Staaten und ihrem Generalsekretär Amr Moussa nach Beirut entsenden. Saudi-Arabien und Ägypten, die die Regierung Siniora unterstützen, sowie Syrien, das hinter der Hizbullah steht, werden nicht in der Delegation vertreten sein.
Darauf verständigten sich die Außenminister der Arabischen Liga bei einer Krisensitzung in Kairo. Moussa will aber nur über den wiedereröffneten Flughafen Beirut einreisen, sagte er. Unterdessen kehrte das amerikanische Kriegsschiff USS Cole durch den Suezkanal in das östliche Mittelmeer zurück.
Die arabische Delegation mit dem Außenminister von Qatar an der Spitze will in Beirut jeweils drei Vertreter der Regierung - Siniora, Mehrheitsführer Saad Hariri und den früheren Staatspräsidenten Gemayel - mit drei Vertretern der Opposition - den Generalsekretär der Hizbullah Nasrallah, Berri und den früheren Armeechef Aoun - an einen Tisch zusammenbringen.
In Kairo hatten die Außenminister der Arabischen Liga gegen die Stimme Syriens einer Resolution zugestimmt, die Gewalt als Mittel zur Erreichung politischer Ziele ablehnt und dazu aufruft, alle Waffen von den Straßen abzuziehen. Syrien war nicht mit dem Außenminister vertreten, sondern nur mit seinem Botschafter bei der Liga. Libanesische Medien berichteten, die Arabische Liga plädiere für einen Rücktritt der Regierung Siniora und die Einrichtung eines Militärrats. Zu Jahresbeginn hatten sich alle Konfliktparteien im Libanon für den Armeechef Sulaiman als Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten ausgesprochen.
Hizbullah eröffnete Feuer auf eigene Landleute
In Beirut blieben am Montag die Schulen und die meisten Geschäfte geschlossen. In der Nacht zum Montag kam es entlang der Geschäftsstraße Hamra zwar wieder zu Gefechten. Nachdem die Armee an vielen Punkten Stellung bezogen hatte, blieb die Lage aber überwiegend ruhig.
Die Armee brachte auch in Kamerateam des Nachrichtensenders al Dschazira in Sicherheit, das in einen Schusswechsel geraten war. Saad Hariri ließ durch sein Büro dementieren, dass er sich ins Ausland abgesetzt habe. Gemayel erklärte, man wolle von Nasrallah eine Erklärung, dass die Hizbullah ihre Waffen nicht mehr im eigenen Land gegen Libanesen anwende.
Die Hizbullah hat in den vergangenen Tagen zum ersten Mal - und das gegen frühere Versprechen - ihre Waffen gegen libanesische Landsleute gerichtet. Nach Gaza und dem Irak sind proiranische Gruppen damit im Libanon zum dritten Mal zum Angriff übergegangen und haben das Machtgleichgewicht in einem arabischen Land verschoben.
Gefechte im Gebirge
Zu den blutigsten Gefechten kam es am Wochenende zwischen Anhängern des Drusenführers Dschumblatt und der Hizbullah im Choufgebirge und um die Stadt Aley. Beide Regionen gelten als Hochburgen von Dschumblatt, in beiden Regionen wohnen überwiegend Drusen und christliche Maroniten.
Bei den Angriffen der Hizbullah, deren Kämpfer von der Bekaa-Ebene über die Berge eingedrungen waren, wurden mindestens 13 Personen getötet. Nach der Niederlage seiner Anhänger erklärte sich Dschumblatt bereit, die Region der Kontrolle durch die Armee zu unterstellen. Dschumblatt bat Arslan, einen drusischen Rivalen, der mit der Hizbullah zusammenarbeitet, die Übergabe der schweren Waffen seiner Anhänger an die Armee zu überwachen. Arslan nahm das unter der Bedingung an, nicht als Trojanisches Pferd gegen den Widerstand eingesetzt zu werden.
Text: her.; F.A.Z.
Bildmaterial: AP
