Afghanistan

Im Propagandakrieg

Von Friederike Böge, Kabul

“Man muss wissen, dass man Teil des Propagandaspiels ist“

"Man muss wissen, dass man Teil des Propagandaspiels ist"

22. Juni 2007 Jalalabad, Herat, Kabul, Paktika, Urusgan - für jede Stadt und jede Provinz, wo in den vergangenen Monaten ausländische Soldaten afghanische Zivilisten getötet haben, streckt Sameer Tahseen einen Finger in die Höhe. „Die Menschen sind wütend“, sagt der Kabuler Student. Die Orte stehen für die Wut vieler Afghanen auf die ausländischen Soldaten im Land. Aus jeder dieser Städte haben private Fernsehsender nach den Vorfällen Bilder aufgebrachter Demonstranten gezeigt. „Im staatlichen Fernsehen wird in solchen Fällen nur eine kurze Meldung verlesen“, sagt Sameer bitter.

Zuletzt waren in der Nacht zum Freitag bei einem Luftangriff durch Nato-Truppen anscheinend wieder mehrere Zivilisten getötet worden. (Siehe auch: Polizei: 25 Zivilisten bei Luftangriff in Afghanistan getötet) Am Sonntag zuvor kamen bei einem amerikanischen Luftangriff auf Al-Qaida-Kämpfer in einer Schule in der Provinz Paktika sieben Kinder ums Leben, welche die Taliban als Geiseln missbraucht hatten. Aus der Provinz Urusgan melden lokale Behörden 30 zivile Opfer bei Kämpfen zwischen der internationalen Schutztruppe Isaf und Taliban-Kämpfern. „Die haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat“, sagt ein afghanischer Mitarbeiter einer deutschen Hilfsorganisation - so jedenfalls hat er es im Fernsehen gesehen. Doch in Urusgan ist die Lage unübersichtlich.

Untersuchungen dauern Wochen

Angaben über Opferzahlen und Kampfhergang unterscheiden sich stark. Untersuchungen der Afghanischen Menschenrechtskommission oder der Vereinten Nationen dauern Wochen. Angesichts der Kämpfe in Urusgan ist unklar, ob sie überhaupt Mitarbeiter in das entlegene Gebiet entsenden können.

In der Kabuler Isaf-Zentrale steigern die teils aggressiven Medienberichte die Nervosität. „Hier laufen viele Gerüchte um. Bei den Medien gibt es Wettläufe, wer als erster mit der Nachricht draußen ist. Am nächsten Tag, wenn wir mehr Erkenntnisse haben, interessiert sich keiner mehr dafür, was tatsächlich der Fall gewesen ist“, sagt der deutsche Isaf-Stabschef Generalmajor Bruno Kasdorf.

Er erinnert an einen Fall in der Provinz Herat im Westen des Landes. Im April wurden dort Zivilisten bei amerikanischen Luftangriffen getötet. Zunächst war von mehr als 50 Toten die Rede. Viele Afghanen demonstrierten wütend, Präsident Karzai reiste in die Region und kritisierte die internationalen Truppen: „Die Zahl der zivilen Toten und die willkürlichen Hausdurchsuchungen haben ein Niveau erreicht, das nicht mehr hinzunehmen ist“, sagte Karzai.

Doch eine Untersuchung der afghanischen Behörden und der Isaf habe ergeben, dass es nur zwei zivile Opfer gegeben habe, sagt Kasdorf. Die Menschenrechtskommission widerspricht. „Unsere Untersuchung ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber wir können schon jetzt bestätigen, dass mindestens 16 Frauen und Kinder bei den Kämpfen umgekommen sind“, sagt der ihr Sprecher Nader Nadery.

Hausdurchsuchungen erbosen die Afghanen

Die UN wiederum gehen nach Angaben eines Sprechers von elf Kindern und zehn Frauen unter den Opfern aus. Frauen und Kinder werden automatisch als zivile Opfer gezählt. Die Frage, wie viele der männlichen Opfer Zivilisten und wie viele Kämpfer waren, ist oft nur schwer zu beantworten.

Nach Angaben der Menschenrechtskommission war es im Distrikt Schindand in der Provinz Herat zu Kämpfen zwischen der Bevölkerung und amerikanischen Soldaten gekommen. Hausdurchsuchungen der Amerikaner hätten die Leute erbost. Sie sind umstritten, weil viele Afghanen es als Schande empfinden, wenn fremde Männer Räume betreten, in denen sich die Frauen der Familie aufhalten. Hilfsorganisationen haben diese Praxis widerholt als kulturell unsensibel kritisiert. Wenn Afghanen nun nach einer Durchsuchung zu den Waffen greifen, sind sie dann Kämpfer oder Zivilisten? Die Einschätzung der Lage in Herat sei auch deshalb schwierig, weil sich Taliban-Kämpfer in der Region aufgehalten hätten, heißt es bei der Menschenrechtskommission.

Der Dachverband Acbar, der 97 afghanische und internationale Hilfsorganisationen repräsentiert, spricht von mindestens 230 Zivilisten, die seit Jahresbeginn von internationalen und afghanischen Truppen getötet worden seien - die Angaben vom Freitag sind darin noch nicht enthalten. Darunter seien mindestens 60 Frauen und Kinder.

Gezielte Falschinformationen

Falsche Informationen der militärischen Aufklärung führten immer wieder zu Luftangriffen auf bewohnte Gebiete. In Kabul ist zu hören, afghanische Informanten spielten den internationalen Truppen gezielt Falschinformationen zu, um mit deren schlagkräftiger Hilfe Privatfehden auszufechten. Auch schießen Soldaten oft auf Zivilfahrzeuge, weil diese ihrem Konvoi zu nahe kommen. Nach Informationen von Acbar kosteten solche Zwischenfälle in diesem Jahr schon 14 Zivilisten das Leben. Fast jeder Afghane hat eine Geschichte zu erzählen von einem Bekannten, der angeblich nur knapp dem Tod entkommen sei, nachdem er versucht habe, einen Militärkonvoi zu überholen.

Die internationalen Truppen werfen den Taliban vor, Zivilisten als Schutzschilde zu missbrauchen. So sei es auch am Sonntag in Paktika gewesen. Die Taliban hätten die Kinder gezwungen, in der Schule zu bleiben, sagte ein Militärsprecher. Dabei hätten die Taliban auch die Heimatländer der Nato im Visier, meint General Kasdorf. Dort könne die Unterstützung für den Einsatz schwinden, wenn fälschlich der Eindruck entstehe, dass die eigenen Truppen wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nähmen. „Man muss immer wissen, dass man auch Teil dieses Propagandaspiels ist.“

„Es ist schwer zu unterscheiden“

Der afghanischen Menschenrechtskommission liegen Berichte vor, Taliban-Kämpfer hätten die Nähe der Zivilbevölkerung gesucht. Das bestätigt Nikolaus Grubeck, der als internationaler Berater für die Kommission arbeitet. Doch er fügt hinzu: „Es ist schwer zu unterscheiden zwischen Kämpfern, die bei ihren Familien wohnen, und solchen, die bewusst in der Zivilbevölkerung Schutz suchen.“

In der Isaf wird die Verantwortung für viele der Vorfälle, bei denen Zivilisten umkamen, jenen Soldaten zugeschrieben, die im Rahmen der Operation „Enduring Freedom“ eingesetzt seien. General Kasdorf sagt: „Wenn Sie sehen, wie viele zivile Opfer tatsächlich Isaf zuzuschreiben sind, dann ist das minimal. Wir haben in den letzten Monaten nach unserer Statistik nicht einen einzigen Fall zu beklagen.“ Grubeck widerspricht. Kürzlich hätten Isaf-Soldaten in Kandahar zwei Zivilisten erschossen, nachdem sie zu nah auf einen Konvoi aufgefahren seien. Auch sei in der vergangenen Woche nach einem Selbstmordanschlag in Kabul ein Zivilist von einem Isaf-Soldaten erschossen worden. Die Waffe des Soldaten sei aus Versehen losgegangen, erklärte die Isaf dazu. „Mein Freund war dabei“, sagt der Student Sameer. Die Soldaten hätten geschossen, nachdem Schaulustige an den Tatort des Selbstmordattentats gestürmt seien. „Die Soldaten hatten Angst. Das hätte ich auch“, sagt er. Es müsse noch mehr Aufklärungskampagnen geben, um den Leuten klar zu machen, dass sie sich vom Tatort fernhalten sollten.

„In verschiedenen moralischen Kategorien“

Grubeck hält nichts von der Unterscheidung zwischen „bösen“ OEF-Truppen und der „guten“ Isaf. „Amerikanische Truppen sind für viele der zivilen Opfer verantwortlich, aber nicht für alle“, sagt er. „Die Truppen, die am meisten in Kampfhandlungen verwickelt sind, verursachen die meisten Opfer.“ Ohnehin könnten die meisten Afghanen kaum zwischen beiden Operationen unterscheiden. „Die Menschen denken, dass die Amerikaner die Führung über alle internationalen Truppen haben, weil sie die Truppen ins Land gerufen haben“, sagt Sameer. „In den Dörfern denken die Menschen ohnehin, jeder Ausländer sei ein Amerikaner.“

Die afghanische Menschenrechtskommission fordert mehr Transparenz bei der Kommandostruktur, um im Fall getöteter Zivilisten schnell Untersuchungen einleiten zu können, damit Angehörige entschädigt werden könnten. Auch öffentliche Schuldeingeständnisse seien wichtig, sagt Grubeck.

Die Nato wiederum legt Wert darauf, dass bei aller Kritik an den internationalen Truppen die Greueltaten der Taliban nicht in den Hintergrund geraten. Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer formulierte es so: Nato und Taliban operierten in „verschiedenen moralischen Kategorien“, denn im Gegensatz zur Nato töteten die Taliban willkürlich Zivilisten bei Selbstmordattentaten und Bombenanschlägen.

Text: F.A.Z., 22.06.2007, Nr. 142 / Seite 3
Bildmaterial: AP

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