Nach Suhartos Tod

Schurke oder Held?

Von Jochen Buchsteiner, Delhi

30. Januar 2008 „Glauben Sie, dass Suharto ein Schurke war oder ein Held?“, fragt die Zeitung „Jakarta Post“ und bittet ihre Leser um SMS-Antworten. Der Tod des langjährigen Herrschers hat in Indonesien eine Debatte über sein politisches Erbe in Gang gebracht. Mitnichten alle Indonesier sehen in dem Mann, der das Land von 1967 bis 1998 mit eiserner Hand regiert hat, einen blutrünstigen und korrupten Diktator. Selbst die liberale „Jakarta Post“ würdigte Suharto in ihrem Nachruf als „großen, wenn auch umstrittenen Führer“.

Der Familienfriedhof, auf dem Suharto am Montag beigesetzt wurde, ist zu einem Pilgerort geworden. Hunderte fuhren am Dienstag und Mittwoch ins zentraljavanische Karanganyar, um Blumen abzulegen und an seinem Grab zu beten. Viele mussten vor den Pforten des Friedhofs warten. Die Zeitungen des Landes haben Sonderkorrespondenten entsandt, die die Trauenden mit den immer gleichen Motiven zitieren: dass nämlich Suharto ein starker Präsident gewesen sei, der dem Land Wohlstand und Sicherheit gegeben habe.

Über Tote spricht man nicht schlecht - oder nur leise

In den Worten des amtierenden Staatspräsidenten Susilo Bambang Yudhoyono klingt das nicht viel anders. Das Land habe einen seiner besten Staatsmänner und einen wahren Soldaten verloren, sagte er nach dem Staatsakt für seinen Vorgänger. „Der Verstorbene widmete sein ganzes Leben der Entwicklung Indonesiens“, fuhr Yudhoyono fort; zuvor hatte er die Nationalfahnen für eine Woche auf Halbmast setzen lassen. Die große Golkar-Partei, die unter Suharto Staatspartei war und nun über Vizepräsident Jusuf Kalla an der demokratischen Regierung in Jakarta beteiligt ist, rief sogar eine Initiative ins Leben, dem früheren Autokraten den offiziellen „Heldenstatus“ zuzusprechen.

Suhartos Tochter Siti Hediati am Grab ihres Vaters Suharto - hier im Jahr 1996 - starb im Alter von 86 Jahren Die Beerdigung: Hunderte pilgern zum Grab Suhartos Staatsbegräbnis für Suharto

Über Tote spricht man nicht schlecht, schon gar nicht in einer so höflichen und harmoniebedürftigen Nation wie der indonesischen. Die Stimmen derer, die dieser Tage die hässlichen Seiten der Ära Suharto im öffentlichen Gedächtnis halten, sind daher vergleichsweise leise und liefern eher nüchterne Beiträge. Der Vorsitzende der Nationalen Menschenrechtskommission, Ifdhal Kasim, kündigte am Dienstag an, die Untersuchungen trotz Suhartos Todes fortzusetzen und planmäßig bis Ende März zu Ende zu bringen. Die Kommission konzentriert sich dabei auf fünf besonders drastische Vorfälle, in denen die Staatsmacht brutal gegen Regierungskritiker oder Freiheitsbewegungen vorgegangen ist.

Die Erben sollen zur Rechenschaft gezogen werden

Auch die Richter, die sich mit den Korruptionspraktiken Suhartos beschäftigen, gaben am Dienstag bekannt, dass sie nicht vorhaben, das Verfahren einzustellen. In dem Zivilprozess, den sich der gesundheitlich immer angeschlagenere Suharto bis zu seinem Tode vom Leib halten konnte, wird einigen jener Fälle nachgegangen, die den Staat insgesamt nach Schätzungen der Organisation „Transparency International“ mehr als dreißig Milliarden Dollar gekostet haben sollen. Es werde nun versucht, die Erben Suhartos zur Rechenschaft zu ziehen, sagte der Vorsitzende Richter Wahjono.

Der greise singapurische Staatsgründer Lee Kuan Yew, der Suharto am Totenbett aufsuchte, erinnerte Anfang der Woche daran, dass Korruption und Nepotismus zwar einen Schatten werfen, die Leistung, mehr als dreißig Jahre lang Wachstum und Stabilität erreicht zu haben, aber nicht entwerten könnten. Suhartos ambivalente Bilanz wird das Land vermutlich noch länger beschäftigen. Manche sagen voraus, dass er irgendwann ebenbürtig neben Staatsgründer Sukarno im Pantheon Platz nehmen wird. Auch Suhartos legendärer Vorgänger schied nicht unbelastet aus dem Amt. Heute ist sogar der Internationale Flughafen in Jakarta nach ihm benannt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 

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