Von Klaus-Dieter Frankenberger
12. Oktober 2007 Es hatte einige Zeit gedauert, bis er die vom Obersten Gericht verkündete Niederlage in der Präsidentenwahl 2000 verdaut hatte. Er machte Wandlungen durch, die ihm anzusehen waren, bis er sich gefangen hatte. Bis er ein Thema gefunden hatte oder, genauer gesagt, bis er sein Thema wiederfand: die Umweltpolitik. Heute ist Albert Gore der Star der globalen Klimapolitik, dem, es war keine Überraschung, zusammen mit dem Internationalen Rat für Klimawandel der Friedensnobelpreis zuerkannt worden ist.
Zuvor schon hatte ihn Hollywood für seinen Klimakatastrophenfilm Eine unbequeme Wahrheit“ mit dem Oscar“ geadelt. So strahlend ist sein Wiederaufstieg, dass die demokratische Linke in den Vereinigten Staaten ihn gern im Rennen um die Nachfolge Bushs sähe; dass ihm viele im Establishment der Demokratischen Partei die Niederlage gegen ebenjenen Bush trotz guter Ausgangslage damals persönlich übelnahmen – kein Amt, keine Macht –, erklärt das gespannte Verhältnis zu seiner Partei und zur Frau seines ehemaligen Vorgesetzten im Weißen Haus. Denn die bald 60 Jahre alte Hillary Clinton möchte genau dort im Januar 2009 (wieder) einziehen; der fünf Monate jüngere ehemalige Kompagnon ihres Mannes käme da ungelegen.
Was Bill reichlich hatte, besaß Al nicht
Tatsächlich war Gore acht Jahre Vizepräsident mehr neben als unter Bill Clinton, zumal während dessen zweiter Amtsperiode. Vor der Zeit im Zenit der Macht, von 1977 bis 1993, gehörte er dem Kongress an. Seine eigenen Präsidentschaftsambitionen musste er, der einer politischen“ Familie aus Tennessee entstammt, schnell begraben. Denn was Bill reichlich hat(te) – Charisma, Wärme, die Fähigkeit, ein Publikum in Sekundenschnelle für sich einzunehmen –, besaß Al“ damals nicht. Er wirkte hölzern, spröde, streberhaft – ein Teil der Antwort auf die Frage, warum einer gegen George W. Bush verlieren kann, findet sich hier. Gore verlor sogar seinen Heimatstaat.
Aber spätestens seitdem er als Umweltaktivist und Warner vor den Folgen des Klimawandels durch Amerika und die Welt zieht, findet er ein Publikum, das nach Millionen zählt. Schließlich warnt er nicht nur seine Landsleute vor den apokalyptischen Folgen des Treibhauseffekts. Nennte man ihn einen Missionar in dieser Sache, so hätte er nichts dagegen einzuwenden. Etwas Missionarisches hat sein Umweltengagement, das die Grenzen zum Alarmismus und zur Übertreibung nicht selten überschreitet. Aber daran nehmen seine Fans keinen Anstoß.
Auf der anderen Seite hat jetzt ein britischer Richter Eine unbequeme Wahrheit“ daraufhin untersucht, ob der Film weiterhin als Material im Unterricht verwendet werden dürfe. Ergebnis: Er darf. Aber immerhin fand der Richter neun unbequeme Irrtümer und falsche Behauptungen. Gore, der bei den Verhandlungen über das Kyoto-Protokoll oft als Bremser aufgefallen war, hält die Dramatisierung des Treibhauseffekts für eine moralische Pflicht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ASSOCIATED PRESS, picture-alliance / dpa, reuters