Von Matthias Rüb
13. Mai 2008 Außenministerin Condoleezza Rice nahm die Einladung selbstverständlich an: Beim feierlichen Auftakt zum 102. Jahrestreffen des American Jewish Committee (AJC) hielt sie vor wenigen Tagen die Eröffnungsrede. Die Teilnehmer der Jahrestagung applaudierten ihr zur Begrüßung im Stehen. Ordnungsgemäß pries die Ministerin in ihrer Rede das AJC für dessen mehr als ein Jahrhundert währendes Engagement für Pluralismus und Menschenwürde. Von 1948 an habe das AJC das Band gestärkt, das uns mit den Bürgern Israels verbindet, und deshalb werde es für sie eine persönliche Freude sein, Präsident George W. Bush auf dessen Besuch anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung Israels zu begleiten.
Amerikaner und Israelis, die Vereinigten Staaten und Israel gehen von Anfang an wie Freunde miteinander um, obwohl es bei Beziehungen zwischen Staaten und Völkern bekanntlich keine Freundschaften, sondern nur Interessen gibt. Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion den Staat Israel aus, und ganze elf Minuten nach der Unabhängigkeitserklärung erkannte in Washington die Regierung unter Präsident Harry Truman das neue Mitglied der Staatengemeinschaft an - als erstes Land der Welt. Dieser symbolträchtige Akt prägt bis heute das besondere Verhältnis Amerikas zu Israel.
Einzigartig unter allen Nationen
Unter Präsidenten beider Parteien flossen von der demokratischen Schutzmacht Amerika Hunderte Milliarden Dollar an Militär- und Wirtschaftshilfe an den demokratischen Schützling Israel. Dies geschah gewiss aus geostrategischem Interesse an einer für die Sicherheit und die Energieversorgung der Vereinigten Staaten kritischen Region, aber mindestens ebenso sehr aus Gründen einer tiefen weltanschaulichen Verbundenheit. Harry Truman, Präsident von 1945 bis 1953, sah Israel als die Verkörperung der großen Ideale unserer Zivilisation, John F. Kennedy (1961 bis 1963) pries Israel als Schild- und Schwertträger von Demokratie und Freiheit, Bill Clinton (1993 bis 2001) bezeichnete die amerikanisch-israelischen Beziehungen als einzigartig unter allen Nationen.
In der arabischen Welt und auch in Europa wird diese Bruderschaft weithin als ungerechte Voreingenommenheit Washingtons zugunsten Israels angeprangert: Die Vereinigten Staaten könnten deshalb nicht die Rolle des Vermittlers zwischen Israelis und Palästinensern spielen. Vor gut zwei Jahren haben die Politikwissenschaftler John Mearsheimer und Stephen Walt mit ihrem Essay Die Israel-Lobby und die amerikanische Außenpolitik mit diesem Tenor für Aufruhr gesorgt. Sie sehen die amerikanische Außenpolitik so stark dem sinistren Einfluss der jüdischen Lobby in Washington ausgesetzt, dass sich die Supermacht im Nahen Osten gegen ihre eigenen Interessen vor den Karren Israels spannen lasse. Ohne die gefährliche Israel-Lobby hätte es keinen amerikanischen Einmarsch im Irak gegeben und wäre der Ruf Amerikas in aller Welt nicht so gründlich ruiniert worden, lautet Mearsheimers und Walts Philippika.
Verpflichtet zum Schutz Israels
Gegen diese Verschwörungstheorie wurde mancherlei eingewandt, etwa die Tatsache, dass schon unter Trumans Nachfolger Dwight Eisenhower (1953 bis 1961) die amerikanisch-israelischen Beziehungen eher frostig waren. Nach dem Angriff israelischer Truppen - mit Unterstützung Großbritanniens und Frankreichs - gegen ägyptische Stellungen auf der Sinai-Halbinsel Ende Oktober 1956 drohte Washington mit wirtschaftlichen und politischen Sanktionen und zwang Israel, seine Truppen von der Zone am Suez-Kanal wieder abzuziehen: Die Suez-Krise entschied Washington zugunsten Ägyptens und gegen Israel.
Seit John F. Kennedy haben zwar alle amerikanischen Präsidenten eine Verpflichtungserklärung zum Schutz der Existenz Israels abgegeben, doch die motivierende Kraft amerikanischer Politik im Nahen Osten wie überall auf der Welt blieb das ureigene nationale Interesse der Vereinigten Staaten. Bis heute befindet sich die amerikanische Botschaft nicht in Jerusalem, wie es die israelische Regierung wünscht, sondern in Tel Aviv.
Gute und bessere Freunde
Zudem gab es durchaus unterschied liche Haltungen der einzelnen Präsidenten. Lyndon B. Johnson (1963 bis 1969), Richard Nixon (1969 bis 1974), Gerald Ford (1974 bis 1977) und Ronald Reagan (1981 bis 1989) standen fest an der Seite Israels - obschon Reagan gegen den Willen Israels in den achtziger Jahren den Verkauf von amerikanischen Awacs-Radarflugzeugen an Saudi-Arabien durchsetzte. George H. W. Bush (1989 bis 1993) versuchte eine Art Äquidistanz zu Israel und zu den arabischen Partnern zu wahren.
Sein Sohn George W. Bush (im Amt seit 2001) lässt sich gern mit dem Prädikat belegen, er sei seit Jahrzehnten der beste Freund Israels im Weißen Haus; dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert redet er deshalb ins Gewissen, er solle besser noch vor dem Amtswechsel im Weißen Haus vom Januar 2009 einen Frieden mit den Palästinensern schließen, weil es unter einem neuen amerikanischen Präsidenten keinesfalls leichter würde für Israel.
Republikanische Stammklientel
Im Ganzen waren republikanische Präsidenten für Israel die besseren Verbündeten - eigentlich ein paradoxer Umstand angesichts der Tatsache, dass traditionell etwa 80 Prozent der jüdischen Wähler die Kandidaten der Demokraten unterstützen. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man die historische Affinität der politisch einflussreichen evangelikalen Christen zu den Juden in Betracht zieht. Schon die puritanischen Pilgerväter wollten in Amerika ein Neues Jerusalem schaffen.
Die heutigen Nachfahren der Pilgerväter sind Evangelikale und christliche Zionisten wie der Gründer der Organisation Christians United for Israel und fulminante Prediger der Megakirche Cornerstone Church in San Antonio, John Hagee. Hagee hisst die israelische Flagge fast ebenso gern wie die amerikanische; den Kampf Israels gegen seine Feinde in der arabisch-muslimischen Welt betrachtet er als Gottes Werk und als Krieg des Guten gegen das Böse; seine evangelikalen Mitchristen versucht er von der biblischen Pflicht zur Unterstützung des Judenstaates zu überzeugen. Die konservativen Evangelikalen aber sind Stammwähler der Republikaner, und ihr Einfluss auf die amerikanische Israel-Politik dürfte deutlich größer sein als jener der wackeren, aber kleinen jüdischen Lobby, die mit verkappt antisemitischer Insinuation zum Behemoth aufgebauscht wird.
Urerfahrung Holocaust
Und noch eine gemeinsame historische Urerfahrung verbindet Israel und Amerika: der Holocaust. Aus Sicht der meisten Amerikaner opferten die Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs das Leben von knapp 417.000 Soldaten nicht nur, um die totalitäre Ideologie des Nationalsozialismus zu besiegen, sondern auch um den Völkermord an den europäischen Juden zu beenden. Auch der Umstand, dass in den Vereinigten Staaten mindestens ebenso viele Juden leben wie in Israel - jeweils rund 5,3 Millionen -, ist eine indirekte Folge des Holocausts: Bevor Israel gegründet wurde, waren die Vereinigten Staaten das Hauptziel für die vom europäischen Antisemitismus verursachte jüdische Emigration. In keinem anderen Land der Welt wuchs im 20. Jahrhundert die jüdische Bevölkerung so rasch wie in den Vereinigten Staaten - und, seit dem 14. Mai 1948, in Israel.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
