28. Dezember 2007 Der Mord an Benazir Bhutto ist ein Markstein im blutigen Kulturkampf mit Gewalttaten, Anschlägen und bürgerkriegsähnlichen Ereignissen in vielen Teilen der islamischen Welt.
Dieser Kampf wird häufig damit erklärt, dass die Kultur, die in einer Weltreligion wurzelt, jedoch noch frühere Traditionen gleichfalls in sich trägt, gegenwärtig so etwas durchmacht wie das christliche Abendland im Dreißigjährigen Krieg. Die Zeitverzögerung erkläre sich einfach dadurch, dass der Islam später entstanden sei als das Christentum, das seinerseits auf jüdischen Überlieferungen gründet.
Solche Analogien sind leicht zu verstehen, müssen allerdings in vielem fragwürdig bleiben. Zutreffend ist, dass der Kulturkampf zwischen Rabat und Djakarta zugleich auf das engste mit der Globalisierung verwoben ist. Die treibende Kraft der Globalisierung ist der Westen, auch wenn immer mehr potente Mitspieler aus eigenständigen Kulturkreisen stammen.
Bhuttos Lebensstil war westlich
Es ist kein Zufall, dass in Frau Bhutto wieder eine Person Opfer islamistischer Gewalt wurde, die starke Züge eines Kulturmuslims trug. Benazir Bhutto, Tochter einer reichen Grundbesitzer-Großfamilie, wurde in Harvard und Oxford erzogen. Ihre grundsätzliche politische Ausrichtung war die Demokratie britischen Zuschnittes - auch wenn sie selbst auf oft fragwürdige Weise in die Rankünen der heimischen Politik verwickelt war.
Die machtpolitischen Verhältnisse Pakistans sind mit denen in Europa nicht zu vergleichen. Frau Bhuttos Lebensstil war westlich. Wie ihr Vater Zulfikar Ali Bhutto wollte sie den Einfluss radikaler politischer Kräfte im Islam zurückdrängen, denen sie freilich, gerade in ihrer zweiten Amtsperiode als Regierungschefin, aus politisch-taktischen Gründen auch Raum ließ.
Der gewichtigste Vordenker islamistischer Utopien
Soll sich der Islam am Westen ausrichten oder soll er auf jene Weise authentisch bleiben oder (wieder) werden, welche die Islamisten in ihrer Propaganda vorgeben und die Dschihadisten mit Gewalt erreichen wollen? Reicht ein Traditionalismus aus, um die Islamität dieser Kultur zu wahren?
Dies sind die Fragen und geistigen Hintergründe eines Ringens im Islam selbst, das seine Wurzeln tief in der Geschichte hat und in unseren Tagen offenbar einem Höhepunkt entgegenstrebt. Diese Auseinandersetzung hat an Schärfe zugenommen, seitdem der Nationalismus an Anziehungskraft eingebüßt hat. Und Pakistan, dessen Gründungsursache einzig der Islam war (es ging darum, einen Staat für die Muslime Indiens zu schaffen), ist schon lange ein Zentrum islamistischer Staats- und Gesellschaftsentwürfe.
Zu seinen geistigen Vätern gehören neben dem Säkularisten Mohammad Ali Djinnah und dem islamischen Modernisierer Mohammad Iqbal auch der fanatische islamistische Theoretiker Abul Ala al Maudoodi, dessen grenzüberschreitender Einfluss in weiten Teilen der islamischen Welt, freilich erst nach der Gründung Pakistans anbrach. Zusammen mit dem Ägypter Sajjid Qutb ist Maudoodi schon lange der gewichtigste Vordenker islamistischer Utopien.
Seit den neunziger Jahren unregierbar
Pakistan ist gegenwärtig wohl der heißeste Brennpunkt all jener Strömungen, die in der islamischen Moderne miteinander ringen: traditioneller Islam, Islamismus, Dschihadismus, am Westen orientierter Kultur-Islam mit säkularen Neigungen einschließlich der Übernahme britischer politischer und juridischer Institutionen.
Hinzu kommen die drastischen ethnischen Unterschiede (Paschtunen, Balutschen, Kaschmiri, Sindhi, Punjabi und andere) innerhalb des Landes sowie unhaltbare soziale Zustände. Das Land ist nach allgemeiner Auffassung in Teilen schon seit den neunziger Jahren unregierbar. Nicht nur aus religiösen, auch aus politischen und ethnischen Gründen hat die Zentralregierung in Islamabad im Nordwesten, der an Afghanistan und an die Stammesgebiete der Paschtunen grenzt, kaum Autorität.
Hassobjekt der Islamisten
Die von Islamisten angekündigte und schließlich in die Tat umgesetzte Ermordung Benazir Bhuttos rückt auch die Tatsache wieder ins Bewusstsein, dass Pakistan zu jenen Ländern im Islam gehört, in denen es mit den Rechten der Frau am schlechtesten steht. Die Politikerin und ehemalige Regierungschefin sowie neuerliche Kandidatin Bhutto wurde auch zum Hassobjekt der Islamisten, weil sie eine Frau war.
Was das Verhältnis zwischen Männern und Frauen betrifft, so steht Pakistan in der islamischen Welt an einem der ganz hinteren Plätze, übertroffen wohl nur noch von Saudi-Arabien. Das Aus-der-Öffentlichkeit-Verbannen, das Wegsperren, auch sogenannte Ehrenmorde und sogar Ehrenvergewaltigungen sind in dieser zutiefst patriarchalen Welt vielfach endemisch geworden: Sie kommen fast täglich vor. Dazu passt, dass die Ideologie der afghanischen Taliban in Pakistan mit entstand und von dort exportiert werden konnte.
Wie ein Schwarzes Loch
Gefördert wird die brisante Mischung des religiös-kulturellen Kampfes durch das niedrige Bildungsniveau, insbesondere bei den Frauen. Doch auch den zahllosen männlichen Analphabeten, die noch nicht einmal die Quellen der eigenen Religion in angemessener Weise lesen können, sind Verschwörungstheorien aller Art leicht beizubringen. Man kann sicher sein, dass in Pakistan bald das Gerücht umlaufen wird, Amerika habe hinter dem Mord an Benazir Bhutto gestanden.
Als ausgesprochen islamischer Staat entstanden, gibt gerade Pakistan im sogenannten Zusammenstoß der Kulturen, dessen Ende nicht abzusehen ist, den größten Anlass zur Sorge. Stärker als anderswo haben die widerstreitenden religiösen und politischen Kräfte mit ihrem jeweiligen religiös-kulturellen Umfeld in einem Land, dessen Bevölkerung nicht einmal in Ansätzen säkularisiert ist (eine Ausnahme sind Teile der Armee), die Gefahr einer Implosion herbeigeführt.
Gemessen an Ländern wie Iran oder Saudi-Arabien ist Pakistan so etwas wie ein Schwarzes Loch. Da Pakistan im Besitz der Atombombe ist, gebührt seiner Zukunft allergrößte Beachtung, nicht allein mit Blick auf den Kulturkampf in der islamischen Welt selbst.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP