Obama und Europa

Naive Visionen statt konkreter Ergebnisse

Von Matthias Rüb, Washington

Seine Landsleute in Bagdad begrüßen Obama stürmisch - daheim ist man von seiner Reise weniger begeistert

Seine Landsleute in Bagdad begrüßen Obama stürmisch - daheim ist man von seiner Reise weniger begeistert

08. April 2009 Die amerikanischen Konservativen haben über Barack Obama die rhetorische C-Bombe gezündet. Der Präsident war von seiner ersten Reise nach Europa und in die muslimische Welt noch nicht in die Niederungen der amerikanischen Krisenpolitik zurückgekehrt, da war ihr aus einem einzigen Wort bestehendes Urteil schon gefällt: Carter. Noch nie seit den Zeiten Jimmy Carters, des vor allem in der Außenpolitik so glücklos handelnden 39. Präsidenten, habe ein Mann im Weißen Haus seine Augen so stur vor der harten und oft unschönen Wirklichkeit der internationalen Machtpolitik verschlossen wie Obama. So lautete der Tenor der kritischen Kommentare, die allerdings selbst in solchen Medien zu hören oder zu lesen waren, die dem Demokraten im Weißen Haus gewöhnlich wohlgesinnt sind.

Besonders heftig wurde Obama von diesen Kritikern für seine als naiv bezeichnete Vision von einer atomwaffenfreien Welt gescholten, die er in Prag am Tag eines nordkoreanischen Raketentests beschworen hatte. Und Obamas Forderung nach einer entschiedenen Reaktion des UN-Sicherheitsrates wegen Pjöngjangs Raketentest sei erwartungsgemäß folgenlos geblieben.

Überhaupt fand Obamas kraftvolles Bekenntnis zu einer nuklearwaffenfreien Welt daheim nur begrenzten Widerhall – vielleicht weil den Amerikanern derzeit eine Welt ohne amerikanische Autohersteller bedrohlicher scheint als eine mit Atomwaffen. Zu Obamas Prager Rede wurde vor allem festgestellt, wie sehr ihre Rhetorik jener seiner Wahlkampfauftritte von 2008 ähnelte.

Amerika fast allein in Afghanistan

Im Ganzen fiel das Urteil über Obamas Reise nach Europa, zu den Gipfeln in London, Baden-Baden/Straßburg und Prag zwiespältig aus. In London, so wurde weithin festgestellt, habe es Obama nicht vermocht, die kontinentaleuropäischen Staaten – voran Frankreich und Deutschland – zu dicken Finanzspritzen aus Steuermitteln zur Ankurbelung der lahmenden globalen Wirtschaft zu überzeugen. Ebenso wenig sei es in Straßburg und Baden-Baden geglückt, die europäischen Partner in der Nato dazu zu bringen, sich mit mehr als einer eher symbolischen Truppenverstärkung an der schwierigen Befriedung Afghanistans zu beteiligen.

Dies führe zu der paradoxen Entwicklung einer zunehmenden „Amerikanisierung“ des Krieges in Afghanistan: So wie der Krieg im Zweistromland von der Mehrzahl der Europäer und von den meisten europäischen Regierungen als George W. Bushs „Privatkrieg“ betrachtet und abgelehnt wurde, so drohe der mit der Entsendung von mindestens 30.000 zusätzlichen amerikanischen Soldaten sich zuspitzende Kampf am Hindukusch zum „Privatkrieg“ Barack Obamas zu werden. Das Treffen mit dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew und die informelle Vereinbarung, mit Moskau in den nächsten Monaten eine Einigung über den weiteren Abbau der strategischen (Atom-)Waffen zu erzielen, wurden ebenso als erster Schritt bezeichnet und nicht als Aufbruch zu einer neuen Epoche wie die Begegnung mit dem chinesischen Staats- und Parteichef Hu Jintao.

Kein zweiter Jimmy Carter

Einig war sich die amerikanische Presse von links bis rechts immerhin darin, dass Michelle Obamas erste Europareise als „First Lady“ auf ganzer Linie ein glänzender Erfolg gewesen sei. Von der Garderobe über die Fähigkeit zum Zuhören bis zum strahlenden Charisma sei sie das Beste, was Amerika der Welt an der Seite eines Präsidenten zu zeigen habe. Die vorzeitige Rückkehr Michelle Obamas nach Washington noch vor der Reise des Präsidenten in die Türkei (und auch in den Irak) wurde damit begründet, dass die „First Lady“ rechtzeitig vor Beginn der neuen Schulwoche daheim bei den Töchtern habe sein wollen.

Nach dem am Dienstag veröffentlichten Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „Pew Research Center“ sind sich Demokraten und Republikaner bei der Beurteilung der ersten Amtswochen des 44. Präsidenten so uneinig wie bei keinem seiner Vorgänger. Während sich 88 Prozent der Demokraten mit „ihrem“ Präsidenten zufrieden äußerten, sagten nur 27 Prozent der Republikaner, der neue Mann im Weißen Job erledige seine Arbeit gut. Im April 2001 waren immerhin 36 Prozent der Demokraten zufrieden mit dem Republikaner George W. Bush, während sich der Demokrat Jimmy Carter zu Beginn seiner Amtszeit der Zustimmung von sogar 56 Prozent der Republikaner erfreute. Was die parteiübergreifende Zustimmung zum Auftakt der Amtszeit betrifft, könnte also kein Urteil über Obama falscher sein als jenes, er sei ein zweiter Carter.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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