18. April 2006 Hinter den duftenden Orangenblüten vor dem Rathaus von Marbella stank die Korruption schon seit langem zum Himmel. Aber nicht jeder konnte sie riechen. Nicht einmal das spanische Finanzamt, das zuletzt vor drei Jahren die Konten des mutmaßlichen Hauptdrahtziehers in dieser Geschichte überprüft hatte. Der an dieser goldenen Meile der Sonnenküste ansässige Schriftsteller Felix Bayon brauchte indes nur die Nase in die Brise zu halten, und schon war ein Kriminalroman mit allen einschlägigen Zutaten fertig: Immobilienspekulation, Geldwäsche, Strohmänner, Vorteilsannahme, politische Protektion.
Daß sein im Winter veröffentlichtes Buch De un mal golpe (Ein böser Schlag aus Versehen) aber im Frühling von der Wirklichkeit so drastisch übertroffen würde, konnte auch er nicht ahnen. Doch nun ist es soweit: Zusammen mit der Bürgermeisterin Marisol Yagüe, ihrer Stellvertreterin Isabel Garcia Marcos und dem Gehirn des Komplotts, dem Städtebauberater Juan Antonio Roca, sitzen inzwischen zwei Dutzend Verdächtige, Stadträte inbegriffen, in Haft. Nur der Polizeichef wurde gegen eine Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt.
Operation Malaya
Es geht um vorsichtig geschätzte 2,4 Milliarden Euro, die der dem Rathaus als außenstehender Fachmann dienende Roca mit Kommissionen für Baugeschäfte erworben und mit Hilfe von Scheinfirmen in ein internationales Kanalsystem von Bankkonten zwischen Singapur und Santo Domingo geleitet haben soll. Wenn die Summe stimmt, dann wäre der arbeitslose Bergbaufachmann, der vor fünfzehn Jahren in einem Fiat Panda nach Marbella gerollt war und zuletzt ein Jahreseinkommen von hundertfünfzigtausend Euro deklarierte, binnen dieser Frist zum viertreichsten Mann Spaniens geworden.
Die Operation Malaya - nur ein Buchstabe des Namens der Provinz Malaga, zu der Marbella gehört, wurde vertauscht - begann am Vormittag des 29. März. Die Bürgermeisterin war noch im Pyjama, als die Polizei sie in ihrer Villa besuchte, für die sie angeblich allein an Umbauarbeiten noch rund eine Million Euro schuldet. Ihre Stellvertreterin wurde auf dem Flughafen verhaftet, als sie gerade von der Hochzeitsreise aus Moskau zurückkehrte. In ihrer Villa fanden die Beamten in einer Mülltüte 360.000 Euro in bar. Doch das war bestenfalls ein Trinkgeld gegenüber den angehäuften Vermögenswerten, die bei Roca beschlagnahmt wurden.
Das Rathaus bin ich
Der selbstbewußte Impresario, von dem in Marbella die Aussage Das Rathaus bin ich überliefert ist, hatte nicht nur einen Miró auf dem Klo hängen, sondern besaß, über ganz Andalusien verteilt, mehr Paläste und Landsitze als die Herzogin von Alba. Und sie, nicht König Juan Carlos, muß hier für den Spitzenvergleich herangezogen werden. Er hatte auch Hotels und Golfplätze, eine Stierzucht und Ställe voller Vollblutpferde sowie opulente Fincas mit Kapellen und Waffenkammern. Hinzu kamen etwa fünfhundert Häuser und Wohnungen als eine Art Altersversicherung.
Im Geschmack hatte sich Roca zumindest zum Teil den örtlichen Neureichen angepaßt. So stießen die Fahnder unter anderem auf ein Gruselkabinett des Großwildjägers mit ausgestopften Elefanten, Krokodilen und Polarbären. Und dann war da noch ein lebender Tiger in einem Käfig im Garten der Villa Barmherzigkeit. Roca (der Fels), den die Fahnder in Anlehnung an Rocky Marciano unter dem Kodenamen der Boxer führten, soll nach seiner Festnahme sogleich einen Handel mit Listen aller Bestechlichen angeboten haben. Aber die Justiz lehnte ab, wohl weil sie schon genug Beweise hatte.
Dreißigtausend illegale Wohnungen verkauft
Diese betrafen auch ein halbes Dutzend von Rocas Rechtsanwälten, die in Madrid festgenommen wurden. In der Akte, die dem Haftbefehl zugrunde liegt, heißt es über den Paten der Bauunternehmer und Grundstücksspekulanten: Juan Antonio Roca ist die Person, welche die städtischen Entscheidungen (über Baugenehmigungen) dirigiert und total kontrolliert. Er steht noch über der Bürgermeisterin, die, nach dem Tenor der (abgehörten) Telefongespräche, eine eher symbolische Rolle spielt. Wer in Marbella etwas bauen wollte, so heißt es weiter, wandte sich immer an Herrn Roca. Und: Herr Roca gibt städtischen Angestellten und Stadträten direkte Anweisungen, obwohl er keinerlei Funktion im Rathaus hat.
Obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, als seien an Marbellas attraktiven Küstenstreifen schon jeder Zentimeter Strand und jeder Quadratmeter Hinterland zubetoniert, finden kreative Geister immer noch ein Plätzchen für zahlungskräftige Kundschaft. Neubewertung heißt das Zauberwort, wenn aus einem Kartoffelacker über Nacht eine hochdotierte Tourismusanlage wird. Es genügt, so der Autor Bayon, auf einem Bebauungsplan eine Linie einen Zentimeter von links nach rechts zu schieben, und schon ist der Grund das Hundertfache wert. Die Polizei sagt, mit Rocas Hilfe seien in Marbella allein etwa dreißigtausend illegale Wohnungen verkauft worden. Auch die Provisionen dürften kreativ berechnet worden sein.
Ferienparadies mit dem milden Klima
In dem ehemaligen Schmugglernest, das als Durchgangsstation zwischen Malaga und Gibraltar begann, ging es schon immer ums Geld. Zu Zeiten des Diktators Franco entdeckten die Madrider Oligarchen das Ferienparadies mit dem milden Klima am blauen Meer. Dann kam in den fünfziger Jahren als erster ausländischer Unterhaltungspionier Alfonso von Hohenlohe und eröffnete den Marbella-Club. Die Hollywoodstars Kim Novak und James Stewart gaben sich die Ehre, später Brigitte Bardot und Onassis, der Aga Khan und die Fürsten von Monaco. Jaime de Mora, der Bruder der ehemaligen belgischen Königin Fabiola, wurde mit seinem ausladenden Schnurrbart zum Vorzeigeoriginal.
In den siebziger Jahren strömten die Ölscheichs herbei, allen voran der spätere König Fahd von Saudi-Arabien, und verteilten Trinkgelder wie Jahresgehälter. Als in Berlin die Mauer fiel und die alte Sowjetunion zerbrach, kamen die Ostmafias aus Rußland und vom Balkan hinzu. Sie sind, zusammen mit den Rauschgifthändlern, den Schönheitschirurgen, dem falschen und dem echten Adel und der Diskothekenschickeria, noch immer hier.
Despektierlich nur die Blonde genannt
Die große Zäsur für Marbella als Selbstbedienungsladen der Baulöwen brachte indes im Jahr 1991 ein Einheimischer: Jesus Gil y Gil. Dieser Lehrmeister des Juan Antonio Roca verstand es, sich mit Recht-und-Ordnung-Versprechen zum Bürgermeister wählen zu lassen. Tatsächlich wurden die Strände sauberer, der Vandalismus geringer und die Sicherheit der Bewohner größer. Aber Gil, der nebenbei noch zum Eigentümer des Fußballvereins Atletico Madrid avancierte, regierte die Stadt, mit Roca als rechter Hand, zunehmend wie sein Privateigentum. Er wurde reich, sehr reich, mußte dann zurücktreten und säße, wenn er nicht gestorben wäre, heute mutmaßlich auch im Gefängnis.
Dieses Schicksal droht noch immer seinem in verschiedene Gerichtsverfahren verwickelten Nachfolger Julian Munoz. Er war als Saubermann angetreten, im Marbella-Morast ausgerutscht und auf Rocas Betreiben durch Marisol Yagüe ersetzt worden. Sie wurde damit zur neuen Galionsfigur der Gil-Partei, deren Akronym Gründervater Gil ganz bescheiden für die Grupo Independiente Liberales (Unabhängige Gruppe der Liberalen) gefunden hatte. Die nötigen Verbündeten fand sie in Überläufern aus der Sozialistischen Partei. Eine davon war Gils ehemalige Nemesis: die von ihm immer nur despektierlich die Blonde genannte Stadträtin Isabel Garcia Marcos. Als Kämpferin gegen die Korruption in Gils Rathaus hatte sie sich einen Namen gemacht. Nun wechselte sie nach dem Intermezzo mit Munoz die Seiten und wurde hinter Marisol Yagüe stellvertretende Bürgermeisterin.
Noch ein paar private Nebentätigkeiten
Der Untersuchungsrichter interessiert sich bei beiden Frauen und dem Polizeichef nicht nur für die Fäden, die zu Roca führen, sondern auch noch für ein paar private Nebentätigkeiten. Dazu gehört die Frage, wer von wem eigentlich Gils Rolls- Royce und andere Nobelautomobile zur Verfügung gestellt bekam und ob die Genannten zum Beispiel bei der Vergabe der Lizenz für das städtische Abschleppunternehmen die Hand aufgehalten haben.
Der junge und offenbar mutige Richter Miguel Angel Torres ist der Mann, der zusammen mit einer Spezialeinheit der Polizei im vorigen Herbst begann, das Labyrinth von Marbella auszuleuchten. Wie in Bayons Kriminalroman zeichneten sich zwar nicht die Leiter der Strafverfolgungs- und Verwaltungsbehörden durch besondere Hilfsbereitschaft aus, dafür aber ein paar kaltgestellte kleinere Beamte. Zu ihnen gehört ein ehemaliger Mitarbeiter der Justizabteilung, der nach seiner Aussage aus Sicherheitsgründen erst einmal die Stadt verlassen mußte.
Wann sollen die Wahlen stattfinden?
Die sozialistische Madrider Regierung unter Ministerpräsident Zapatero hat die Stadtverwaltung von Marbella aufgelöst. Das war eine Premiere in der Geschichte der spanischen Demokratie. Bislang mußte noch nie der Artikel 61.1 des Gesetzes über die Lokalverwaltung wegen eines Falles von so schwerer Verletzung des allgemeinen Interesses angewendet werden. Der nächste Schritt ist die Einsetzung eines kommissarischen Ersatzstadtrats.
Wann in Marbella Wahlen stattfinden sollen, darüber streiten sich noch die Sozialisten und die Vertreter der konservativen Volkspartei. Letztere möchten sogleich abstimmen lassen und weisen darauf hin, daß das einzige Mitglied des alten Stadtrats, das noch auf freiem Fuß sei, zu ihnen gehöre. Die Sozialisten wollen lieber bis zu den regulären Kommunalwahlen in Andalusien im kommenden Jahr warten. Sie argumentieren mit der gesetzlichen Frist, die eine vorgezogene Wahl in Marbella jetzt nicht mehr gestatte. Ein juristischer Fachausschuß gab ihnen in diesem Punkt inzwischen recht.
Bekannte im Gefängnis zusammenlegen
Aufgeschreckt durch die Machenschaften an der Costa del Sol, beschäftigen sich nun spanische Politiker, Staatsanwälte und Medien auch anderswo verstärkt mit dem Ziegel-und-Beton-Syndrom. Marbella ist überall, heißt es, an den Küsten, auf den Inseln, in all den wachsenden Touristen- und Rentnerregionen. Die jüngste Nachricht aus dem Reich der Neubewertungen kommt aus der von der Volkspartei regierten Stadt Murcia. Dort sollen auf einem für viertausend Wohnungen vorgesehenen Baugelände schon Genehmigungen für zwanzigtausend Einheiten erteilt worden sein.
Die Bürgermeisterin von Marbella teilt derweil die Zelle mit ihrer Stellvertreterin, weil man in spanischen Gefängnissen wenn möglich Bekannte zusammenlegen soll. Sie hat nicht nur einen freiwilligen Rücktritt abgelehnt, sondern die nach Ersatz suchenden Parteien auch schon mit dem Angebot erschreckt, der Interimsverwaltung jederzeit mit all ihrer Erfahrung beizustehen. Der legendäre Jesus Gil pflegte zu sagen: Aus dem Knast kommt man heraus, aus dem Elend nicht.
Text: F.A.Z., 18.04.2006, Nr. 90 / Seite 3
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