25. März 2006 Eine scheinbar kleine technische Nachricht aus Iran hat in dieser Woche westliche Diplomaten aufhorchen lassen: In einer Atomfabrik des Landes ist es Ingenieuren offenbar gelungen, 164 sogenannte Gaszentrifugen miteinander zu verbinden und zu testen. Deutlich früher als viele ausländische Fachleute angenommen hatten, halten die Iraner damit eine Schlüsseltechnologie zum Bau von Kernwaffen in den Händen. Das verändert den Atomstreit - Iran könnte schon in fünf Jahren zum Bau der Bombe fähig sein; und außerdem liegt die Latte für Verhandlungen über das Atomprogramm des Landes nun höher.
Über die technischen Fähigkeiten der Iraner gab es nie einheitliche Auffassungen. Viele westliche Politiker dürften aber einer Bewertung der amerikanischen Geheimdienste vertraut haben, die im vergangenen August bekannt wurde. Es sei unwahrscheinlich, daß Iran vor Beginn oder Mitte des nächsten Jahrzehnts in der Lage sei, genug hochangereichertes Uran zum Bau von Atomwaffen herzustellen, hieß es darin. Wahrscheinlich sei ein Zeitpunkt nahe 2015. Die Amerikaner stützten sich auf Satellitenaufnahmen, abgehörte Gespräche und Erkenntnisse der UN-Inspekteure, die seit Jahren die Atomanlagen Irans untersuchen.
Das war ein Quantensprung
Diplomaten in Wien, dem Sitz der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), glauben, daß diese Einschätzung durch die jüngsten iranischen Fortschritte überholt ist. Das war ein Quantensprung. Das Zeitfenster ist jetzt: Iran wird nur noch fünf Jahre nicht waffenfähig sein, sagte ein Kenner des Atomstreits dieser Zeitung. Aus westlicher Sicht erscheint vor allem beunruhigend, daß die Iraner so schnell in der Lage waren, in ihrer Urananreicherungsanlage in Natanz die Voraussetzungen dafür zu schaffen, die 164 Zentrifugen zu einer sogenannten Kaskade zusammenzuschalten. Auf diese Weise läßt sich nicht nur Brennstoff für Kernkraftwerke herstellen, sondern auch Sprengstoff für Atombomben.
Als die Iraner im Februar mit einem Forschungsbetrieb in Natanz anfingen, war vielfach vermutet worden, ihre technischen Möglichkeiten seien noch sehr begrenzt. Die IAEA berichtete zunächst, in der Fabrik seien nur 20 Zentrifugen in Betrieb genommen worden. Da für den Normalbetrieb der Anlage einmal 50.000 dieser Geräte laufen sollen, schien noch viel Zeit für Verhandlungen zu bleiben. Aber nun stehen die Iraner nur ein paar Wochen später schon vor der Inbetriebnahme der ersten Kaskade.
Auf keinen Fall werden sie auf Null zurückgehen
Sie sollen Einzelteile für 4.000 bis 5.000 Zentrifugen haben, woraus vielleicht 2.500 funktionierende Geräte gebaut werden könnten - das wäre nach Einschätzung von Fachleuten genug, um womöglich schon in ein paar Jahren jene 25 Kilogramm hochangereichertes Uran herzustellen, die zum Bau eines Nuklearsprengkopfs benötigt werden. Von einem wichtigen Vorprodukt, Uranhexafluorid, hat Iran in den vergangenen Monaten schon 85 Tonnen in einer sogenannten Konversionsanlage in Isfahan hergestellt.
Wiener Diplomaten sind davon überzeugt, daß die iranische Führung sich nach diesen Fortschritten vehement dagegen sträuben wird, die Urananreicherung wieder aufzugeben. Auf keinen Fall werden sie auf Null zurückgehen. Das dürfte die Verhandlungsposition des Westens in dem ohnehin schwierigen Streit nicht leichter machen. Bisher haben Amerikaner und Europäer nämlich die Meinung vertreten, daß Iran wegen der Gefahr einer militärischen Nutzung gar keine Anreicherung in eigenen Lande betreiben solle. Sie unterstützten einen russischen Vorschlag, die Anreicherung für iranische Kernkraftwerke in einem Gemeinschaftunternehmen in Rußland vorzunehmen. Darauf wollte Iran aber nur eingehen, solange es seinen Forschungsbetrieb in Natanz fortführen kann - die Iraner wußten offenbar genau, was sie dort leisten können.
Text: F.A.Z., 25.03.2006, Nr. 72 / Seite 5
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